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Eintrittspreise : Museen sind wie Parkhäuser

Bild: Alfons Holtgreve

Welchen Eintrittspreis darf, kann und soll ein Kunstmuseum verlangen? Schon viele Ökonomen haben sich dazu ihre Gedanken gemacht. Jetzt kommt ein neuer: Museen könnten den Eintrittspreis nicht am Eingang, sondern am Ausgang erheben - und dann minutengenau abrechnen. Ob das eine gute Idee ist?

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          Am besten gar keine Eintrittspreise verlangen, werden Kunstfreunde sagen, ist Kunst doch nichts, was "ökonomisiert" werden sollte. Vielmehr sollte jeder, der sich für einen Museumsbesuch interessiert, nicht auch noch dafür zahlen müssen. Weil die Museen ihre Kosten ohnehin nicht decken können, muss eben der Staat einspringen. Für entsprechende Subventionen gibt es sogar eine ökonomische Begründung.

          Werner Mussler
          Wirtschaftskorrespondent in Brüssel.

          In der alten paternalistischen Definition Richard Musgraves ist Kunst ein meritorisches Gut, also eines, bei dem die Nachfrage der Privaten hinter dem gesellschaftlich gewünschten Ausmaß zurückbleibt - und das deshalb der Staat (mit) anbieten oder finanzieren muss.

          Ein wenig schwingt in dieser Argumentation auch der Gedanke mit, (hohe) Eintrittspreise für Museen (oder fürs Theater, für die Oper, für Konzerte) seien unsozial, weil sie sich nur "Besserverdienende" leisten könnten. Das ist freilich kein Argument für freien Eintritt, allenfalls eines für die Alimentierung derer, denen der Kunstgenuss zu teuer wäre.

          Denn wenn der Staat allgemein den freien Eintritt finanziert, ist das vor allem eine Subventionierung der Reichen. Sie zahlen dann auch nichts. Und da Museums-(Theater-, Opern-, Konzert-)Besucher ohnehin eher aus höheren Einkommensschichten kommen, bewirkt genereller freier Eintritt eher Umverteilung von unten nach oben.

          Die ökonomische Theorie der Kunst

          Diese allgemeinen Argumente gegen einen kostenlosen Zugang zum Kunstgenuss sind seit längerem fester Bestandteil der ökonomischen Theorie der Kunst. Einer ihrer führenden Vertreter, der Schweizer Allzweckökonom Bruno Frey, hat jetzt noch einige zusätzliche Gründe geliefert, die wenig mit diesen verteilungspolitischen Erwägungen zu tun haben. Sie gehen auf die schlichte Tatsache zurück, dass auch Kunstgenießer mit dem Phänomen der Knappheit zu tun haben.

          Kunstgenuss im öffentlichen Raum (also ein Museums- oder Konzertbesuch) ist ein knappes Gut, weil er an Kapazitätsgrenzen stößt: Ein Konzerthaus hat nur eine bestimmte Zahl von Plätzen, ein Museum verkraftet nur eine bestimmte Besucherzahl. Andernfalls droht Überfüllung.

          Wenn Museen ein Überfüllungsproblem haben, lösen sie es in der Regel mit einer Rationierung des Zugangs, bei konstanten Preisen: In einer Stunde wird nur eine begrenzte Zahl Besucher eingelassen, der Rest muss in der Schlange warten oder später wiederkommen. Wäre es nicht besser, die Gesetze von Angebot und Nachfrage walten zu lassen? Der Preis diente dann als Rationierungsinstrument: Jene Besucher kämen zum Zuge, denen ein Museumsbesuch am meisten wert wäre, die also am meisten dafür zu zahlen bereit wären. Die Ressourcenallokation wäre effizient.

          Das klingt mal wieder genauso ökonomisch wie wirklichkeitsfremd, meinen Sie? Das ist nicht ganz falsch, schließlich kann man die Eintrittskarten für einen Museumsbesuch (zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt) schlecht versteigern. Hinzu kommt: Anders als bei anderen Gütern kann ein potentieller Besucher - zumindest beim ersten Besuch - oft nicht einschätzen, was genau ihn in einem Museum erwartet, wie gut es ihm gefällt, wie viel er also dafür zu zahlen bereit wäre. Ein Museumsbesuch ist ein Erfahrungsgut. Der Konsument dieses Erfahrungsgutes kann dessen Eigenschaften - etwa Qualität - erst dann ermessen, wenn er es konsumiert. Anders formuliert: Wer am Museumseingang Eintritt bezahlt und nicht genau weiß, was auf ihn zukommt (und wie es ihm gefällt), kauft die Katze im Sack.

          Frey und sein Koautor Lasse Steiner schlagen deshalb vor, Museen sollten ihre Eintrittspreise nicht am Eingang erheben - sondern am Ausgang. Und sie sollten nach ihrer Meinung keinen fixen Eintritt verlangen, sondern gewissermaßen nach Kunstgenuss abrechnen. Wer viel Kunst konsumiert, soll mehr zahlen als der, der wenig konsumiert. Funktionieren soll das wie im Parkhaus: Wer das Museum betritt, zieht ein Ticket. Wenn er es wieder verlässt, zahlt er am Kassenautomaten - je länger er im Museum war, desto höher ist der Eintritt.

          Nach Tageszeit gestaffelt

          Im Extremfall lässt sich der Kunstgenuss je Minute abrechnen - wobei der Minutenpreis je nach Tageszeit unterschiedlich hoch sein kann. So könnte das Museum in den Spitzenbesuchszeiten mehr verlangen. Denkbar ist auch, dass die - sagen wir - erste halbe Stunde frei ist: Der Besucher zahlt erst, wenn er länger bleibt.

          Frey und Steiner argumentieren, der Eintrittspreis "nach Verbrauch" habe für beide Seiten Vorteile. Der Besucher zahle nur für das, was er wirklich "konsumiert". Wenn ihm das Gesehene gefällt, bleibt er länger und zahlt mehr. Wenn es ihm weniger gefällt, geht er früher und zahlt weniger. Mit dem "Erfahrungsgut" Museumsbesuch hat er kein Problem mehr. Das Museum profitiere davon, dass es Besuchern Anreize bietet, nach deren wirklichen Präferenzen zu zahlen. Wem das Museum nicht gefalle, der habe einen Anreiz, möglichst schnell zu verschwinden und Platz für neue Besucher zu machen.

          Zugegeben: Solche Vorschläge lassen den kulturellen Auftrag, den Museen erfüllen sollen, schnell vergessen. Ein Museumsdirektor wird auf den Vorschlag eher entsetzt reagieren, er solle seine Preise den Usancen eines Parkhauses anpassen und so ausgestalten, dass die Besucher möglichst schnell wieder verschwinden. Dem Ökonomen wird das egal sein. Er wird antworten, die Preise seien schließlich effizient - und sich mal wieder einen Banausen schimpfen lassen.

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