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DIW-Chef Gert Wagner : "Verteilungsfragen sind wichtig"

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Gert Wagner Bild: dpa

Gert Wagner ist der neue Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin. Im Interview spricht er über Konjunkturprognosen, blinde Flecken der Ökonomik und die Zukunft seines Instituts.

          2 Min.

          Im DIW wurde "Tabula rasa" gemacht. Präsident Klaus Zimmermann und sein Vize Alexander Kritikos sind zurückgetreten. Ändert sich jetzt die politische Ausrichtung? Manche wünschen sich, dass das DIW wie früher keynesianisch und gewerkschaftsnäher wird.

          Nein, das wird nicht der Fall sein. Aber in der Tat: Makroökonomische und konjunkturelle Fragen sollen ein größeres Gewicht bekommen. Das heißt aber nicht automatisch, dass das Paradigma für die Bearbeitung dieser Fragen ausschließlich ein keynesianisches sein muss.

          Warum ist das DIW zweimal bei der Ausschreibung für die Konjunkturprognose für die Bundesregierung gescheitert. War das DIW so schlecht?

          Weiß ich nicht. Wir werden überlegen, wie man konjunkturellen Fragen im DIW stärkeres Gewicht geben kann. ANTWORT: Ob wir das nächste Mal schon wieder teilnehmen können, steht an zweiter Stelle.

          Zimmermann wollte auf dem Höhepunkt der Krise die Prognosen beenden. Die Öffentlichkeit traut den Prognosen sowieso nicht. Was entgegnen Sie?

          Die Konjunkturentwicklung ist ebenso wie das Wetter extrem schwierig zu prognostizieren, weil so viele unterschiedliche Einflüsse eine Rolle spielen. Die Wettervorhersagen sind deutlich besser geworden, weil es da immer mehr Daten gibt. Und trotzdem stimmen die Prognosen oft nicht. Bei Konjunkturprognosen gibt es zudem nicht nur objektive Parameter, sondern es geht um menschliches Verhalten. Und Menschen können ihr Verhalten bewusst ändern und anpassen.

          Sie leiten seit zwanzig Jahren das Sozio-ökonomische Panel, eine Langzeitstudie über die Einkommens- und Lebensverhältnisse der Deutschen. Sie forschen dabei auch zur Einkommensverteilung. Haben die Ökonomen Verteilungsfragen bislang vernachlässigt?

          Ja, die Menschen orientieren sich in ihrem alltäglichen Leben sehr stark an ihrer relativen Einkommensposition, nicht nur an der absoluten Einkommenshöhe. Verteilungsfragen sind Fragen der Gerechtigkeit und der gesellschaftlichen Kohäsion. Sie sind enorm wichtig. Makroökonomen blenden sie aber weitgehend aus.

          Kann man es so sagen: Die Leute wollen lieber zu den relativ Reichen in einer ärmeren Gesellschaft als zu den Ärmeren in einer reicheren Gesellschaft zählen?

          Ja, so ist es. So sind die Präferenzen und Wertvorstellungen bezüglich Gleichheit und Einkommensvergleichen. Und es ist nicht Aufgabe der Ökonomik, die Präferenzen der Leute zu ändern.

          Die Liberalisierung des Arbeitsmarktes hat zu einer Spreizung der Einkommen geführt - war das dann falsch?

          Man muss abwägen zwischen einer Gesellschaft mit höherer Gleichheit und unter Umständen geringerer Beschäftigung oder einer Gesellschaft mit weniger Gleichheit und der Aussicht auf mehr Beschäftigung. Das ist eine gesellschaftspolitische Entscheidung.

          Zurück zum DIW: Unter Zimmermann wurde die wissenschaftliche Ausrichtung dadurch gestärkt, dass mehr in den wichtigen Fachjournalen veröffentlicht wird. Trotzdem gibt es Sorgen, dass die Evaluation durch die Leibniz-Gemeinschaft nicht so gut ausfallen könnte.

          Um den Ausgang von Evaluationen macht man sich immer Sorgen. Georg Weizsäcker, der neue stellvertretende Vorstandsvorsitzende, und ich bereiten das Institut auf die Leibniz-Prüfung vor. Am meisten macht uns Sorgen, ob das Modell des DIW, wissenschaftliche Grundlagenforschung und Beratung bei jedem einzelnen Mitarbeiter zu verbinden, am Ende die Evaluatoren überzeugt. Wir wollen jetzt mehr Spezialisierung zulassen.

          Andere Institute schaffen diesen Spagat zwischen Grundlagenforschung und Beratung besser?

          Nach meinem Eindruck spielt Spezialisierung bei denen eine produktive Rolle. Immerhin ist aber der wissenschaftliche Output des DIW enorm gewachsen.

          Durch die Finanzaffäre unter Zimmermann gab es Rückforderungen von öffentlicher Förderung. Steckt das DIW jetzt in einem finanziellen Engpass?

          Das ist schon spürbar, aber in den neunziger Jahren hatte das DIW noch viel stärkere, dauerhafte Mittelkürzungen zu verkraften. Das Problem können wir lösen.

          Sie stehen als Übergangschef bis Ende 2012 an der Spitze des DIW. Und dann?

          Meine Aufgabe ist es, die Evaluation gut zu managen, danach trete ich gerne wieder ins Glied zurück und will wieder mehr Zeit für Forschung haben.

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