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Wilhelm Röpke : Der Mann, der den Markt zähmen will

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Wilhelm Röpke (1899 - 1966) Bild: Professor Wilhelm Roepke, Foto dpa

Wilhelm Röpke ist ein Wegbereiter der Sozialen Marktwirtschaft in Deutschland. Sein Credo: Ohne Moral verrottet der Markt.

          „Wer die Lebensgeschichte wie auch den beruflichen Werdegang Wilhelm Röpkes kennt, kann sich nur in Ehrfurcht und Bewunderung vor ihm neigen.“ Kein Geringerer als Ludwig Erhard sprach diese Worte auf der akademischen Gedenkfeier für Röpke in Marburg im Jahr 1967. In der Tat wurde Röpke bereits zu Lebzeiten verehrt: Er war ein Shooting Star der deutschen Nationalökonomie in den zwanziger und frühen dreißiger Jahren; ein unbeirrbarer Liberaler, der sich früh gegen die Nationalsozialisten stellte; ein vehementer Gegner jeglicher Form des Kollektivismus. Schließlich ein Konservativer, dessen Kulturpessimismus heute befremdlich wirkt.

          Im Jahr 1899 in Schwarmstedt bei Hannover geboren, schloss er 1921 mit nur 22 Jahren sein Studium in Marburg mit der Promotion ab. Schon ein Jahr später habilitierte er sich dort mit einer konjunkturtheoretischen Arbeit, nahm aber seine Tätigkeit als Privatdozent erst auf, nachdem er im Auswärtigen Amt als Spezialist für Reparaturfragen gewirkt hatte. Von 1924 bis 1928 war er außerordentlicher Professor an der Universität Jena und kehrte 1929 nach einem Jahr in Graz als ordentlicher Professor für Politische Ökonomie an die Universität Marburg zurück. Mit Marburg verband ihn nicht nur Berufliches; er lernte dort auch seine Frau Eva kennen und lieben.

          Röpke war ein streitbarer Liberaler. Wenige Tage vor den Wahlen vom 14. September 1930 wetterte er gegen die Nationalsozialisten. Die Bürger sollten so wählen, dass sie sich nicht mitschuldig fühlen müssten an dem Unheil, das durch diese über Deutschland hereinbreche. Als er sich in seiner Gedenkrede für den Liberalen Ernst Troeltsch im Februar 1933 ähnlich kritisch äußerte, blieb ihm keine andere Wahl: Er musste Marburg verlassen und nach Istanbul emigrieren. Im Jahr 1937 nahm er einen Ruf an das Institut Universitaire de Hautes Etudes Internationales in Genf an, wo er bis zu seinem Tod am 12. Februar 1966 blieb.

          Einer der Einflussreichsten

          Seine Marburger Zeit war vor allem von der Forschung geprägt. Er verfasste von 1922 bis 1933 nicht weniger als sieben Bücher vor allem zu außenwirtschaftlichen Themen, zudem zur Finanzwissenschaft und zur Wirtschaftspolitik allgemein. Insbesondere trieb ihn die Konjunkturtheorie um. Hauptursache für Konjunkturschwankungen waren gemäß Röpke übermäßige Kreditbewegungen. Eine monetär getriebene Kreditexpansion führt demnach zu einem Boom mit inflationären Tendenzen, in welchem der Weg in die Krise schon vorgezeichnet ist. Man fühlt sich bei diesen Ausführungen an Vermögenspreisblasen auf den Immobilien- und Finanzmärkten als Ursache der Finanzkrise erinnert. Sehr klar erkannte Röpke die Gefahr deflationärer Risiken in solchen Krisen. Wenn die Unternehmen nicht investieren oder die Banken sich durch Bilanzkürzung sanieren wollen, verharrt die Wirtschaft in der Depression. Ein „lähmender Pessimismus“ mache sich dann breit. Röpke nahm damit vier Jahre vor Keynes das Konzept der Liquiditätsfalle vorweg.

          Röpke befürwortet in einer solchen Situation eine Kreditausweitung, obwohl zusätzliche Kredite wirkungslos sein können, wenn die Banken die zusätzliche Liquidität horten. Durch öffentliche Investitionsprogramme sollte daher dafür gesorgt werden, dass der zusätzliche Kredit in zusätzliche Produktion fließt. Durch eine solche Initialzündung könne der Pessimismus der Investoren überwunden werden. Eine antizyklische Finanzpolitik bewirke eine Konjunkturglättung aufgrund der erforderlichen Kreditbewegungen. Im Unterschied zur keynesianischen Theorie, welche die gesamtwirtschaftliche Nachfrage in den Mittelpunkt rückt, sah Röpke die Funktionsweise des Bankensystems als wesentlich für Konjunkturschwankungen an. Dies korrespondiert mit seiner Ablehnung einer Vollbeschäftigungspolitik à la Keynes, die lediglich in Inflation und Staatsverschuldung münden müsse.

          In den Jahren 1942 bis 1945 entwarf Röpke in seiner Trilogie „Die Gesellschaftskrisis der Gegenwart“, „Civitas Humana“ und „Die Internationale Ordnung“ eine (Welt-)Wirtschaftsordnung, welche die Fehler des Liberalismus vermeidet und nicht in Kollektivismus mündet. Dieses Werk ließ ihn, den Wahl-Genfer, zu einem der einflussreichsten Ordnungsökonomen der jungen Bundesrepublik werden. Obwohl er in intensivem Briefkontakt mit Erhard stand, bezeichnete dieser später jedoch das Bild als falsch, Röpke und er hätten die Währungs- und Wirtschaftsreform in Deutschland wie ein Verschwörerpaar ausgeheckt.

          Mit seiner scharfen Kritik am Gemeinsamen Markt der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) ging er Erhard eher zu weit. Röpke verteidigte sich damit, er könne nicht in die Rolle des Chors der antiken Tragödie verfallen, wenn die „Ökonomokraten“ Europa nach ihren kollektivistischen Idealen zu formen drohten. Ihm schwebte ein Europa der Subsidiarität vor, das erst langsam von unten nach oben zusammenwachsen sollte.

          In „Jenseits von Angebot und Nachfrage“ (1958) wurden die konservativen Grundlinien seines Denkens deutlich. Die Gesellschaft als Ganzes könne nicht auf dem Gesetz von Angebot und Nachfrage aufgebaut werden, die Marktwirtschaft sei nicht alles. Sie müsse in eine Ordnung eingebettet sein, in der die Menschen durch moralische Bande verbunden seien. Die Fundamente der Anständigkeit würden nicht im Markt gelegt.

          Röpke kritisierte den Materialismus der Gesellschaft scharf und befürchtete eine Zersetzung der abendländischen Kultur. Ihm schwebte eine gesellschaftliche Organisation in kleinen dezentralisierten Lebensformen auf Basis christlicher Werte vor. Durch sie würde eine höhere, quasi naturrechtlich vorgegebene Ordnung als Rahmen für die Marktwirtschaft geschaffen. Obwohl Röpke aus heutiger Sicht als Pionier der kulturellen Ökonomik verstanden werden kann, ist seine Marktkritik letztlich antiliberal, tief im Konservatismus verwurzelt und in der Forderung nach einer „Nobilitas naturalis“ demokratieskeptisch.

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