https://www.faz.net/-gqq-7b8iv

Wichtige Wirtschaftswissenschaftler : Neue Serie: Die Weltverbesserer

  • -Aktualisiert am

Große Denker: Walter Eucken, Ben Bernanke und Joan Robinson. Bild: Leif Geiges, AP, Getty Images

Große Ökonomen bewegen die Welt. Sie erklären, warum es Geld gibt, Kredit und Kinder. Ihre Ideen mildern Krisen und spalten das Volk. Wir stellen die wichtigsten Denker vor.

          Wenn längst verstorbene Denker der Ökonomie sich eine Schlacht auf Youtube liefern - inszeniert als Rap-Battle, professionell verfilmt -, dann kann man das als Spinnerei für ein Nischenpublikum abtun. Wenn dieses Video aber zu einem Klick-Hit wird, dann geht das nicht mehr. Denn der Erfolg des Filmchens zeigt: diese Männer liegen im Trend.

          Die Männer auf dem Video, von dem hier die Rede ist, sind die beiden wohl berühmtesten Ökonomen des vergangenen Jahrhunderts: John Maynard Keynes und Friedrich August von Hayek, dargestellt von zwei Schauspielern. Und die vier Millionen Menschen, die seit dem Jahr 2010 ihre musikalische Abrechnung in der weißen Stretchlimousine auf dem Weg zur „Party at the Fed“ sehen wollten, waren sicherlich nicht nur Studenten der Volkswirtschaftslehre. Nein, auf einmal wollen viele Menschen die großen Ökonomen kennenlernen.

          Das liegt paradoxerweise daran, dass die Wissenschaft der Ökonomie im Staube liegt. Die Finanzkrise und die daraus folgende Wirtschaftskrise hat kaum ein Vertreter des Fachs vorhergesehen. Sogar das Gegenteil war der Fall. Viele der bekannten Wirtschaftsforscher hatten geglaubt, die Zeit, in der es große Krisen gab, sei vorbei. Nicht zuletzt sei das dem Fortschritt ihrer eigenen Wissenschaft zu verdanken, so die übliche Argumentation. Ökonomen hätten der Politik gezeigt, wie sie Wirtschaftszusammenbrüche verhindern könne.

          Verblichene Denker

          Das war ein Irrtum. Der amerikanische Ökonom Paul Krugman spricht sogar davon, dass ein Großteil der Makroökonomie der vergangenen 30 Jahre „bestenfalls spektakulär nutzlos, schlimmstenfalls schädlich“ gewesen sei. Andere fragen sich, ob Ökonomie überhaupt eine Wissenschaft ist. Denn man erkenne keinerlei Fortschritt ihrer Erkenntnisse.

          Doch während auf der einen Seite die Skepsis so groß ist wie nie, ist auf der anderen Seite der Bedarf an Beratern mit wirtschaftlichem Sachverstand in den vergangenen Jahren noch größer geworden. Denn die Schwierigkeiten, denen sich die Welt gegenübersieht, sind groß. Was tun in dieser Lage?

          Die Lösung liegt nahe: Wir müssen neu auf die Ökonomie, ihre großen Denker und Erkenntnisse blicken. Das tun derzeit viele: Die Wissenschaftler selbst schreiben Bestseller über die Erkenntnisse verblichener Denker. Alte Weisheiten werden hervorgekramt, berühmte Bücher entstaubt und unter dem Eindruck der aktuellen Geschehnisse neu gelesen. Hayeks „The Road to Serfdom“, auf deutsch: „Der Weg zur Knechtschaft“ eroberte kurzzeitig Platz eins der Bestsellerlisten in Amerika. Wieder gelesen wird Keynes’ „General Theory“ ebenso wie die Werke der Krisenkenner, etwa John Kenneth Galbraiths „Kurze Geschichte der Spekulation“ oder Charles Kindlebergers „Manias, Panics and Crashes“.

          Walter Eucken und Karl Marx

          Und siehe da: Die großen Denker hatten und haben viele Ideen, die uns bei den Schwierigkeiten von heute helfen. Keynes lehrt uns, wirtschaftliche Depressionen zu verstehen. Hayek kennt die Bedeutung der Zinsen der Notenbanken für die Übertreibungen an Märkten.

          Noch vor wenigen Jahren war die Ökonomie eine Wissenschaft, von der die Politik und das Volk vor allem Rezepte erwarteten gegen die kleinen Widrigkeiten der Wirtschaft. Jetzt genügt das nicht mehr. Jetzt wollen die Leute verstehen, wo diese Rezepte herkommen und wer sie weshalb erfunden hat. Die Idee ist relevant, aber genauso der Kontext, in dem sie geboren wurde. Wieso entwickelte gerade Keynes so viele Wirtschaftsrezepte, die heute wieder aktuell sind? Wieso hat gerade Hayek begriffen, welche Ineffizienzen der Sozialismus birgt?

          Das ist die Zeit für die Rückkehr der Weltverbesserer, der großen Denker der Ökonomie, seien sie nun noch lebendig oder schon verstorben. Das ist die Zeit der Rückkehr von John M. Keynes und Friedrich A. Hayek, die Zeit, in der man neu blickt auf Walter Eucken und Karl Marx, auf Paul Krugman und Ben Bernanke.

          „Mit Dogmengeschichte kann keiner Karriere machen“

          Wir stellen die Genannten und einige mehr in einer neuen Serie vor. Jede Woche porträtieren wir einen der großen Forscher und Denker (ein paar Frauen sind auch dabei) und seine wichtigste Idee. Dabei steht im Mittelpunkt, was er uns heutzutage noch zu sagen hat, bei welchen aktuellen Schwierigkeiten er uns hilft. Wir präsentieren Berühmte und clevere Außenseiter, Männer und Frauen, Amerikaner und Deutsche, Japaner und Russen.

          Sie taugen nicht bloß als Krisendeuter. Auch zu anderen Fragen von heute liefern sie Antworten: Wann ist eine Mietpreisbremse eine schlechte Idee? Warum ist Deutschland gut im Autobauen und weniger in Fischerei? Und schon vor vielen Jahrzehnten diskutierten die großen Denker, ob Wirtschaftswachstum tatsächlich so erstrebenswert ist wie viele uns glauben machen und wann eine Reichensteuer sinnvoll ist.

          Schade nur, dass manche Ökonomen derzeit zwar Bestseller über große Denker veröffentlichen, die Ideengeschichte in der Wissenschaft aber immer noch als ein Verliererthema gilt. „Mit Dogmengeschichte kann man keine Karriere machen“, sagt etwa ein in Deutschland bekannter Professor hinter vorgehaltener Hand. „Deshalb beschäftigen sich damit nur Emeritierte.“

          Abtrainiertes Interesse

          Die Ökonomie sah sich jahrzehntelang als Wissenschaft, die wie eine Naturwissenschaft Gesetze entdeckt und diese dann lehrt, höchstens noch versehen mit dem Namen des Entdeckers, aber losgelöst von dessen Leben und Geschichte. Dabei wusste schon Keynes: „Die Männer der Tat, die sich frei wähnen von jeglichem intellektuellen Einfluss, sind für gewöhnlich Sklaven irgendeines längst verblichenen Ökonomen.“

          Doch den Studenten der Volkswirtschaftslehre wurde das Interesse an der Geschichte der Ideen bislang gezielt abtrainiert. Das kann man sehr schön in einer Untersuchung von David Colander, einem amerikanischen Forscher, nachlesen. Er befragte im Jahr 2004 amerikanische Ökonomiestudenten zu ihren Interessen. Im ersten Studienjahr war noch jeder Fünfte interessiert an der Geschichte ökonomischer Ideen, im zweiten Jahr nur noch jeder sechste und im dritten Jahr und später nur noch jeder Dreiunddreißigste.

          Man kann davon ausgehen, dass andere Menschen, die sich für Wirtschaft interessieren, eher so ähnlich denken wie die Studenten im ersten Jahr. Und es ist sicher, dass das Interesse noch gestiegen ist seit der Finanzkrise. Deshalb gibt es diese Serie.

          Weitere Themen

          Verunsicherung nach Pleite von Thomas Cook Video-Seite öffnen

          Britischer Reisekonzern : Verunsicherung nach Pleite von Thomas Cook

          Am Montag und Dienstag wollten von Deutschland aus 21.000 Menschen mit Thomas Cook abheben. Das Tochterunternehmen Condor teilte mit, den Flugbetrieb fortzusetzen und beantragte bei der Bundesregierung einen Überbrückungskredit.

          Topmeldungen

          Thomas Cook ist pleite : Was Reisende jetzt wissen müssen

          Die Insolvenz des britischen Reisekonzerns Thomas Cook verunsichert Tausende von Urlaubern. Geht mein Geld verloren? Wie sicher ist das Absicherungsversprechen? Die wichtigsten Fragen und Antworten für Reisende.
          Einer für alles: Aktuelle Samsung-Fernseher haben auch die Apple-TV-App installiert.

          Video-Streaming im Überblick : Was gibt es da zu glotzen?

          Netflix, Amazon, Sky und jetzt noch Apple: Video-Streaming ersetzt immer mehr das klassische Fernsehen. Das Angebot wird vielfältiger und der Zugang komfortabler.
          Stephan E. soll den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke ermordet haben.

          Geheimpapier : Falsche Angaben im Fall Lübcke?

          Der hessische Verfassungsschutz soll im Vorfeld mehr über Lübckes mutmaßlichen Mörder gewusst haben, als zunächst zugegeben wurde. Ein Geheimpapier belastet die Behörde.
          Das Mercedes-Benz Logo auf dem Turm des Hauptbahnhofes in Stuttgart.

          Brandbrief : Daimler-Vorstand rüttelt die Belegschaft wach

          Der Daimler-Vorstand Ole Källenius will mit einem Brandbrief seine Führungskräfte wachrütteln: Daimler will kurzfristig mindestens 4,2 Milliarden Euro einsparen. Die Mitarbeiter sollen selbst Ideen dafür finden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.