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Walter Eucken : Der wahre Neoliberale

Euckens drittes Prinzip ist die Herstellung und Sicherung offener Märkte. Dies zielt nicht nur auf den internationalen Handel ab, den Eucken unter anderem durch „Einfuhrverbote, Prohibitivzölle oder Außenhandelsmonopole“ gefährdet sah. Der Ökonom wandte sich auch gegen „lokale Schließungen des Angebotes“ zum Beispiel durch Anbaubeschränkungen, die Behinderung der freien Berufswahl oder die Etablierung von Lizenzsystemen. Das vierte Prinzip ist die Gewährleistung des Privateigentums, eine Frage „von eminenter wirtschaftspolitischer Bedeutung, nicht nur, weil Kollektiveigentum an den wesentlichen Teilen des Produktionsapparates ein überaus wirksames Beherrschungsinstrument einer Führerschicht darstellt, sondern auch, weil es zwangsläufig mit zentraler Lenkung des Wirtschaftsprozesses verbunden ist und soziale Probleme auslöst, die nicht zu bewältigen sind“. Ebenso fundamental ist Euckens fünftes Prinzip, die Vertragsfreiheit, „offensichtlich eine Voraussetzung für das Zustandekommen der Konkurrenz“.

Eine Art Sozialpolitik

Das sechste Prinzip wird seit dem Ausbrechen der Finanzkrise besonders häufig erwähnt: das Haftungsprinzip. „Wer den Nutzen hat, muss auch den Schaden tragen“, schrieb Eucken. Ob es um Bankenrettungen in Amerika geht oder in den vergangenen Jahren um Rettungsmaßnahmen innerhalb des Euroraums, so bemängeln viele Kritiker nicht zuletzt die damit verbundene Verletzung des Haftungsprinzips. „Jede Beschränkung der Haftung löst eine Tendenz zur Zentralverwaltungswirtschaft aus“, merkte Eucken an.

Das siebte Prinzip beschreibt die Konstanz der Wirtschaftspolitik. Eucken sah in einer kurzfristig agierenden Wirtschaftspolitik eine Gefahr für das Wirtschaftswachstum, weil verunsicherte Unternehmen Investitionen zurückstellen könnten. Eine unstetige Wirtschaftspolitik würde nach seiner Ansicht kleine Unternehmen besonders stark benachteiligen und damit die Bildung von Konzernen und wirtschaftlicher Macht begünstigen.

Eucken war kein weltfremder Mann. Er wusste sehr wohl, dass die Einhaltung auch der besten Prinzipien alleine nicht genügen würde. Daher sah er in den sogenannten regulierenden Prinzipien einer Wettbewerbsordnung auch die Notwendigkeit des Staates, gelegentlich mehr zu tun, als nur die Ordnung zu gewährleisten. Die Zerschlagung wirtschaftlicher Macht durch eine aktive Wettbewerbspolitik war nur ein Beispiel; Eucken erkannte durchaus auch eine gewisse Notwendigkeit, Sozialpolitik zu betreiben, auch wenn nach seiner Ansicht alleine die Sicherung einer leistungsfähigen Wirtschaftsordnung als eine Art Sozialpolitik zu betrachten war.

Fehlende Analyse des Staates

Eucken starb mit nicht einmal 60 Jahren unerwartet während einer Vortragsreise in London. Auch wenn es noch heute in Deutschland selbsternannte „Ordnungsökonomen“ gibt, ist sein wissenschaftliches Erbe verwaist geblieben. Das ist ein Grund, warum es niemals gelungen ist, das Werk Euckens und anderer deutschsprachiger Ordnungsökonomen in den internationalen wissenschaftlichen Diskurs einzubringen. Hieraus erklären sich auch viele unterschiedliche ökonomische Interpretationen der aktuellen Krise durch traditionell denkende deutsche Ökonomen einerseits und amerikanische Mainstream-Ökonomen andererseits. Während die deutschen Traditionalisten oft Erkenntnisse zeitgenössischer internationaler Ökonomik wenig beachten, fehlt vielen amerikanischen Ökonomen der Zugang zu einem Denken in Ordnungen und Institutionen.

Die Lehren Euckens nicht als Gegenstand für Sonntagsreden und Heldenverehrung, sondern als Ausgangspunkt eines modernen Forschungsprojekts zu verstehen, könnte einen Beitrag zu einem transatlantischen Brückenschlag liefern. Denn so wichtig das Denken in Ordnungen und Euckens Prinzipien der Wirtschaftspolitik sein mögen: Mit ihnen endet nicht der Prozess wissenschaftlicher Erkenntnis. So fehlt in Euckens Werk eine Analyse des Staates. Euckens Staat ist stark als Garant von Ordnungen und Regeln, aber er verzichtet weitgehend auf Eingriffe in den Wirtschaftsprozess. So verhält sich kein Staat in der Praxis, und dafür gibt es nachvollziehbare Gründe. Außerdem ist Euckens Wirtschaftsmodell in seiner Ablehnung jeder starken Marktstellung eines Unternehmens statisch. Vorübergehende Macht ist oft Ausdruck wirtschaftlicher Dynamik.

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