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Vernon Smith : Der scheue Menschen-Forscher

  • -Aktualisiert am

Vernon Lomax Smith (Jahrgang 1927) Bild: Foto Marcus Kaufhold / Bearbeitung F.A.S.

Vernon Smith glaubt nicht an die Theorie allein – und hat deshalb Experimente mit Märkten und Menschen gemacht. Sein milder Autismus beflügelt seine Forschung. Aus unserer Serie „Die Weltverbesserer“.

          „Hatten Sie jemals den Eindruck, dass die Leute Sie seltsam fanden?“ Diese Frage stellte eine Fernsehreporterin vor einigen Jahren dem Nobelpreisträger Vernon Smith. „O ja“, antwortete Smith – und führte das aus: dass er soziale Situationen schlecht ertragen kann, dass er dafür bekannt ist, bei Treffen mit Freunden irgendwann nach oben zu verschwinden und ein Buch zu lesen. Vernon Smith leidet unter dem Asperger-Syndrom, einer sehr milden Form des Autismus. Für Außenstehende äußert sie sich darin, dass die Menschen in sozialen Situationen distanziert sind, scheu, ihr Gegenüber nicht anschauen und Schwierigkeiten haben, zu verstehen, wie der andere sich gerade fühlt. Vernon Smiths Ehefrau sagt, wer um die Krankheit nicht wisse, könne die Betroffenen als unemotional, kalt oder unsensibel wahrnehmen.

          Dass gerade ein Mann, der Schwierigkeiten mit Menschen hat, sich als einer der ersten Ökonomen daranmachte, diese Menschen ganz genau zu erforschen, ihr Verhalten auf Märkten in Form von Experimenten nachzuspielen, statt nur darüber nachzusinnen – das ist auf den ersten Blick denkbar unpassend. Und noch mehr, dass er darin so gut war, dass er 2002 den Nobelpreis dafür bekam. Sollte ein Ökonom mit Asperger-Syndrom nicht eher ein Liebhaber des Nachdenkens im stillen Kämmerlein sein?

          Wie Erstsemester spielend die Theorie bestätigen

          Auf den zweiten Blick aber ist es nur logisch. Vernon Smith wollte das Wesen des Verhaltens der Menschen auf Märkten begreifen – wohl gerade weil er so wenig davon intuitiv verstand. Ihn trieb der Wunsch zu verstehen. Und das Asperger-Syndrom bot ihm Vorteile dabei, dieses Ziel rückhaltlos zu verfolgen, wie er heute sagt. „Ich kann abschalten und in den Konzentrationsmodus gehen, und die Welt da draußen ist vollkommen ausgeschlossen“, erzählt er. „Wenn ich schreibe, dann existiert nichts anderes mehr.“

          Angefangen hat seine Begeisterung für ökonomische Experimente schon im ersten Jahr, in dem Smith als junger Professor Ökonomie lehrte: 1955. Da fiel ihm auf, wie schwierig es ist, den Studenten theoretische Konzepte über Märkte zu vermitteln. Schließlich sollten sie diese nicht nur auswendig lernen, sondern auch verstehen und glauben. Sogar Smith selbst zweifelte daran, dass Märkte so gut funktionierten wie in der mikroökonomischen Theorie angenommen. Also erdachte er sein erstes Experiment.

          Seine Studenten spielten künftig alle in der ersten Stunde des ersten Semesters einen Markt nach. Einige waren dabei die Anbieter, andere die Käufer von Waren. Die Käufer erfuhren, wie viel sie maximal zahlen konnten, die Verkäufer erfuhren, wie hoch ihre Produktionskosten waren. Dann verhandelten sie miteinander mehrere Runden lang. Und siehe da: Heraus kam ziemlich genau immer der Preis, den die ökonomische Theorie unter diesen Bedingungen vorhersagte. Die Theorie war erstaunlich korrekt. Dieses Ergebnis überzeugte Smith davon, dass freie Märkte funktionieren – mehr als alles, was er zuvor gelernt hatte.

          Leicht verständlich waren seine Vorträge nicht

          Es ist deshalb nur logisch, dass Vernon Smith, als er viele Jahre später beim Nobelpreis-Dinner einen Toast aussprach, dabei auch eines lobte: „das bedeutendste gewachsene Werk der Menschheit – Märkte“. Zudem feierte er in seinem Tischspruch auch Benjamin Franklin wegen dessen Ausspruch: „Sag es mir und ich vergesse es, unterrichte mich und ich erinnere mich, involviere mich und ich lerne.“

          Genau das hat Smith beherzigt. Er hat seine Studenten nicht bloß unterrichtet, sondern mit eingebunden – und ihnen dadurch mehr beigebracht als durch einen Vortrag. Wobei ein Vortrag von Vernon Smith schon per se nicht durch Verständlichkeit besticht, sondern eher durch ein fast schon verschrobenes Interesse für Details und Gedankengänge, so dicht, dass sie nur versteht, wer sich das Ganze noch mal in gedruckter Form durchliest – dann allerdings wird es lustig, feinsinnig, originell.

          Seine Experimente aber sprechen eine für jeden verständliche klare Sprache. Mit ihnen hat er erst seinen Studenten, später der gesamten Ökonomen-Zunft vor Augen geführt, dass man Märkte und ihre Mechanismen tatsächlich auch in der Wirklichkeit nachspielen und erforschen kann. Dabei hat er nicht nur Theorien bestätigt, sondern auch widerlegt. Immer ging es Vernon Smith darum: Verhalten sich die Menschen wirklich so wie gedacht? Und was passiert, wenn man die Märkte anders gestaltet, andere Bedingungen schafft?

          Den Glauben an den rational handelnden Menschen erschüttert

          Diese Begeisterung für Mechanismen, die die Welt erklären, hatte Smith schon früh. Geboren 1927 in Wichita, wuchs er in Zeiten der Großen Depression auf einem Bauernhof auf – wo er jeden Tag von seinem Vater lernte, wie die Dinge in dieser Welt funktionierten. Später verlor die Familie die Farm, und Smith kam in die Stadt. Zuerst wandte er sich der Technik zu. Er arbeitete bei Boeing Aircraft, studierte dann Elektrotechnik – bevor er zur Ökonomie kam.

          Er, der Ingenieur, bewunderte dabei zwar die Gedankengänge der großen Theoretiker, misstraute aber stets auch den Ergebnissen reinen Nachsinnens. Stimmt das auch wirklich? Smith zitiert heute gerne Hayek, der ihn gelehrt habe, dass „Vernunft, die richtig gebraucht wird, ihre eigenen Grenzen erkennt“.

          Diese Grenzen hat Smith versucht zu überschreiten, indem er die Wirklichkeit in die Wirtschaftswissenschaften holte. Er entdeckte, dass bestimmte Märkte effizient sind und dass man Auktionen auf verschiedene Weisen durchführen kann – je nachdem, welcher Preis am Ende dabei herauskommen soll. Vor allem aber hat er mit seinen Experimenten einen Glauben erschüttert: den an den stets rational handelnden Menschen, das einst vorherrschende Menschenbild in der Ökonomie. Smith, der Menschenscheue, hat damit mehr über die Menschen herausgefunden als mancher seiner geselligeren Kollegen.

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