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Thorstein Veblen : Spott auf die feinen Leute

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Thorstein Veblen (30. Juli 1857– 3. August 1929) Bild: © Bettmann/CORBIS

Thorstein Veblen verachtete Menschen, die nur nach Prestige streben. Vom räuberischen Gebaren der Kapitalisten seiner Zeit hielt er ebenso wenig. Sein Herz schlug für die Erfinder. Aus unserer Serie „Die Weltverbesserer“.

          Dass aus Thorstein Veblen einmal ein wichtiger Intellektueller werden würde, war nicht von Anfang an vorgezeichnet. Der amerikanische Ökonom und Soziologe wurde im Jahr 1857 auf einer bescheidenen Farm im ländlichen Wisconsin geboren. Die Farm gehörte seinen Eltern, die zehn Jahre zuvor aus Norwegen nach Amerika ausgewandert waren, um dort ihr Glück zu suchen. Weder hatten sie Geld, noch sprachen sie am Anfang Englisch. Der kleine Thorstein wuchs genau so wie seine elf Geschwister in einer norwegischen Enklave auf, in der die heimischen Traditionen so strikt hochgehalten wurden, dass die Gegend als „Little Norway“ bekannt war.

          Zwar konnte der junge Veblen bald nur noch wenig mit den norwegischen Traditionen seiner Eltern anfangen, doch richtig Englisch lernte er erst in der Schule. Und die amerikanische Gesellschaft, deren zögerlich-distanziertes Mitglied er schließlich wurde, betrachtete er zeitlebens mit Argwohn. Das beruhte auf Gegenseitigkeit: Trotz Promotion in Yale und hervorragender Zeugnisse war Veblen mehrere Jahre arbeitslos, auch danach litt er zeitlebens unter Vorurteilen gegenüber Einwanderern und Kritik an seinem unorthodoxen Privatleben – Veblen war zweimal verheiratet, zudem wurden ihm diverse außereheliche Beziehungen nachgesagt. Immer wieder hatte er Schwierigkeiten, eine seinen Fähigkeiten angemessene Position zu finden.

          Eine völlig sinnlose Verschwendung von Zeit und Ressourcen

          Diese Herkunftsgeschichte ist entscheidend, um den misanthropischen Unterton zu verstehen, der sich durch Veblens Werk zieht. Der Mann hatte außerordentlich wenig für seine Mitmenschen übrig. Das äußert sich am deutlichsten in seinem ersten und bis heute bekanntesten Werk, „The theory of the leisure class“, also der Theorie der feinen Leute. Obwohl Veblen während seiner akademischen Karriere hauptsächlich Positionen an wirtschaftswissenschaftlichen Lehrstühlen bekleidete, handelt es sich bei dem Buch weniger um eine wirtschaftswissenschaftliche Abhandlung als um eine Art soziologischer Gesellschaftssatire.

          Veblen entwickelt darin eine beißende Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse im Amerika seiner Zeit. Er beschreibt eine Gesellschaft, in der echte ökonomische Bedürfnisse, deren Befriedigung er für berechtigt hält, wie das Streben nach mäßigem Wohlstand, sozialer Absicherung oder auch dem Besitz schöner Dinge, völlig in den Hintergrund getreten sind. Stattdessen verbringt der Großteil der Leute seine Zeit damit, sich durch völlig sinnlose Verschwendung von Zeit und Ressourcen von anderen abzusetzen, um durch den Konsum überflüssiger Produkte das eigene soziale Prestige zu verbessern. Angetrieben werden die Menschen dabei von den Vorlieben einer reichen und faulen Oberschicht (der „leisure class“, der „untätigen Klasse“), die mit demonstrativem Konsum und Müßiggang ihre privilegierte Position zelebriert.

          Individualistischen Erklärungsansätze fand er unwissenschaftlich

          Zwischen den geschmacklichen Vorlieben der Menschen und dem tatsächlichen Wert oder der wirklichen Schönheit der Dinge besteht Veblens Theorie zufolge keinerlei Zusammenhang: Die Vorlieben der Leute werden ausschließlich davon bestimmt, welches Produkt im Rahmen ihrer Möglichkeiten das größte soziale Prestige bringt. Um mit den anderen Mitgliedern ihrer jeweiligen gesellschaftlichen Klasse mitzuhalten, investieren die Leute viel mehr Geld in vermeintliche Statussymbole, als es deren tatsächlichem Wert angemessen wäre. Was für den Geschmack ihrer Klasse zu billig ist, verachten sie: „Blumen, die wenig Pflege verlangen, werden von der unteren Mittelklasse bewundert, weil sich diese keinen größeren Luxus dieser Art leisten kann; dieselben Blumen werden aber von jenen Leuten verachtet, die für teurere bezahlen können und deren Erziehung sie im Hinblick auf die Erzeugnisse des Gärtners ein höheres Niveau finanzieller Schönheit gelehrt hat.“

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