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Silvio Gesell : Der Erfinder des Schrumpfgeldes

Silvio Gesell (1862-1930) Bild: Archiv für Geld- und Bodenreform, Oldenburg

Silvio Gesell, ein Kaufmann aus der Eifel, hatte eine verrückte Idee: Die Geldscheine sollen jedes Jahr an Wert verlieren, damit sie niemand hortet. Heute hat er selbst unter Ökonomen Fans.

          Es ist eine Idee, die auf den ersten Eindruck ziemlich abgedreht klingt. Und so, dass man dafür von allen Sparern mit Hass übergossen werden müsste: Silvio Gesell, ein Ökonom aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert, ist mit der Forderung in die Geschichte eingegangen, dass Geld keine Zinsen einbringen darf - sondern vielmehr mit der Zeit automatisch an Wert verlieren sollte. So wollte er verhindern, dass Menschen Geld horten. Sie sollten es lieber so schnell wie möglich ausgeben - und damit die Nachfrage und die Wirtschaft ankurbeln.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Eine Idee, die heute wieder hochaktuell ist: In einer Zeit, in der es kaum noch Zinsen aufs Ersparte gibt, aber viele Banken, Unternehmen und Privatleute trotzdem das Geld lieber horten, erinnert vieles an die Lehren des Silvio Gesell.

          Der bärtige Mann aus der Eifel war ein eigenwilliger Querdenker - und ein Autodidakt. Es soll eine verirrte Gewehrkugel gewesen sein, die dazu beitrug, dass er überhaupt Ökonom wurde. Das kam so: Gesell wurde 1862 in Sankt Vith (heute Belgien) als Sohn eines kleinen Beamten geboren. Die Eltern hatten neun Kinder, das „tausendmal verfluchte Geld“, wie er selbst es formuliert, war zu Hause immer knapp. An ein Studium war nicht zu denken.

          Gesell wurde deshalb Kaufmann. Er lernte in Berlin, wanderte später nach Spanien aus und ließ sich schließlich in Buenos Aires nieder. Dort betrieb er ein Importunternehmen, das Gehhilfen, Verbände und anderes medizinisches Gerät einführte. Damit belieferte er niedergelassene Ärzte und Krankenhäuser. Offenbar mit Erfolg: Gesell kam mit der Zeit zu einigem Wohlstand.

          Er wollte auch Grund und Boden neu ordnen

          Um 1890 jedoch brach in Argentinien eine schwere Wirtschaftskrise aus. Viele Menschen wurden arbeitslos, es gab Unruhen. Und einmal durchschlug dabei eben auch eine Gewehrkugel ein Fenster in Gesells Haus. Das war die Wende: „Die Wirtschaftskrise brachte Gesell zum Nachdenken über die Ursachen von Inflation und Deflation, von ungerechter Verteilung und Arbeitslosigkeit“, sagt Werner Onken, der Herausgeber der immerhin 18-bändigen Gesamtausgabe von Gesells Werken.

          Es folgten viele Jahre der Beschäftigung mit volkswirtschaftlichen Themen. Später auch in der Schweiz, wo Gesell als Bauer und Bienenzüchter lebte. Er entwickelte eine Alternative zum Kapitalismus, die sogenannte Freiwirtschaftslehre - die auch eine Neuordnung der Besitzverhältnisse an Grund und Boden vorsah.

          Der Kern seiner Theorie aber ist ebenso einfach wie ungewöhnlich: Gesell schlug vor, Bargeld zu erfinden, das „rostet“, also im Zeitablauf an Wert verliert. Aus Gesells Sicht hat Geld nämlich zwei Funktionen, die allerdings im Konflikt zueinander stehen: Ursprünglich ist es ein Tauschmittel. Es hat zugleich aber eine Wertaufbewahrungsfunktion: Anders als viele Waren verdirbt es nicht, wenn man es aufhebt.

          Gegen das Horten von Banknoten

          Diese Hortbarkeit des Geldes aber eröffnet Menschen die Möglichkeit, es dem Geldkreislauf für eine Zeit zu entziehen - und nur herauszurücken, wenn ein Zins gezahlt wird. Das sah Gesell als große Gefahr: nicht nur, dass Zins und Zinseszins aus seiner Sicht über kurz oder lang zu einer ungerechten Verteilung von Einkommen und Vermögen führen. Ein Thema, das gerade von dem Franzosen Thomas Piketty wieder einmal in die ökonomische Debatte eingebracht wurde. Nein, Gesell war auch überzeugt: Wenn Menschen Geld horten und es dem Kreislauf entziehen, führt das zu Absatzstörungen - und Arbeitslosigkeit.

          Um das zu verhindern, schlug er die Einführung von nicht hortbaren Banknoten vor. Er dachte nicht an die schwer zu kontrollierende Inflation - deren negative Auswirkungen kannte er. Vielmehr sollten Banknoten ein Verfallsdatum bekommen und regelmäßig automatisch einen Teil ihres Nennwertes verlieren - eine Art negativen Zinses auf Bargeld also.

          Der Zins war für Gesell schließlich der Quell allen Übels. Seine positive Funktion - zum Sparen anzuregen - werde überschätzt, meinte er. Menschen sparten auch ohne Zinsen, weil sie für schlechte Zeiten vorsorgen müssten. Er berief sich dabei auf die Natur: „Die Bienen sparen, die Hamster sparen - aber von Zinsen ist in der Natur nirgendwo eine Spur zu sehen.“ Die aktuelle Entwicklung scheint ihm zumindest ein bisschen recht zu geben: Obwohl es kaum Zinsen gibt, sparen die Menschen trotzdem - aus anderen Motiven.

          Kurze Zeit hatte Gesell in Deutschland dann sogar mal ein politisches Amt: Als im Frühjahr 1919 in München die Räterepublik ausgerufen wurde, war er als Finanzminister dabei. Nach dem blutigen Ende der Räterepublik wurde ihm der Prozess gemacht - er kam allerdings frei und zog sich nach Oranienburg bei Berlin zurück.

          In den 1920er Jahren wurde Gesell wenig beachtet. Erst nach seinem Tod im Frühjahr 1930 brachte der britische Ökonom John Maynard Keynes seine Erwartung zum Ausdruck, „dass die Zukunft mehr vom Geiste Gesells als von jenem von Marx lernen wird“. Auch einige Nationalsozialisten beriefen sich auf Gesell - sie teilten vor allem seine Kritik am Zins, den sie dem Judentum zuordneten. Gesell selbst hatte Antisemitismus und Rassismus jedoch stets abgelehnt, wie Gesell-Forscher Onken sagt.

          Der exotische Außenseiter hat bis heute viele Anhänger. Es gab auch Versuche, Gesells Ideen in die Praxis umzusetzen. Etwa in Wörgl: Die österreichische Stadt in der Nähe von Kufstein hat in der Wirtschaftskrise der 30er Jahre ein Notgeld eingeführt, das automatisch an Wert verlor, wenn man nicht monatlich eine Marke im Wert von einem Prozent des Nennwertes kaufte und aufklebte. Das Ganze funktionierte offenbar - so ist es zumindest überliefert. Die Wirtschaft wurde angekurbelt, die Arbeitslosigkeit ging etwas zurück. Das Experiment wurde aber von der Österreichischen Nationalbank beendet, die das Monopol auf die Ausgabe von Geld für sich beanspruchte.

          Kritiker unseres Geldsystems, die Anhänger des Frei- oder Schrumpfgelds, fordern bis heute, es Wörgl nachzumachen. Der ökonomische Mainstream allerdings ist nach wie vor skeptisch, ob ein solches Geldsystem für ein ganzes Land funktionieren würde. Um die Wirtschaft anzukurbeln, gibt es vermutlich bessere Möglichkeiten als sich von selbst entwertende Geldscheine. Zudem entwertet sich Geld durch die Inflation ohnehin, das muss man nicht künstlich bewirken. Allerdings weiß man nie genau, wie hoch die Inflation ausfällt.

          Regionale Experimente mit solchem Geld hingegen gibt es nach wie vor - etwa die Regionalwährung „Chiemgauer“ in Bayern. Und seit der Finanz- und Wirtschaftskrise hat Gesells Lehre an Bedeutung gewonnen: Zumindest einige seiner Ideen erleben eine Renaissance. Etwa in den Schriften des Havard-Ökonomen Gregory Mankiw, der sich auf ihn beruft. Das Problem, dass Menschen und Banken Geld horten, statt es auszugeben oder zu investieren, ist schließlich wieder auf der Tagesordnung. Es hat dazu geführt, dass die Notenbanken die Zinsen immer weiter senkten, praktisch auf Null. Wenn man die Inflation berücksichtigt, verliert Geld auf Sparkonten schon länger an Wert - jetzt hat die Europäische Zentralbank auch noch negative Zinsen für Banken eingeführt. Das alles hat das Ziel, das Horten von Geld zu verleiden - und so die Wirtschaft anzukurbeln. Silvio Gesell lässt grüßen.

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