https://www.faz.net/-gqq-7qzgh

Silvio Gesell : Der Erfinder des Schrumpfgeldes

Um das zu verhindern, schlug er die Einführung von nicht hortbaren Banknoten vor. Er dachte nicht an die schwer zu kontrollierende Inflation - deren negative Auswirkungen kannte er. Vielmehr sollten Banknoten ein Verfallsdatum bekommen und regelmäßig automatisch einen Teil ihres Nennwertes verlieren - eine Art negativen Zinses auf Bargeld also.

Der Zins war für Gesell schließlich der Quell allen Übels. Seine positive Funktion - zum Sparen anzuregen - werde überschätzt, meinte er. Menschen sparten auch ohne Zinsen, weil sie für schlechte Zeiten vorsorgen müssten. Er berief sich dabei auf die Natur: „Die Bienen sparen, die Hamster sparen - aber von Zinsen ist in der Natur nirgendwo eine Spur zu sehen.“ Die aktuelle Entwicklung scheint ihm zumindest ein bisschen recht zu geben: Obwohl es kaum Zinsen gibt, sparen die Menschen trotzdem - aus anderen Motiven.

Kurze Zeit hatte Gesell in Deutschland dann sogar mal ein politisches Amt: Als im Frühjahr 1919 in München die Räterepublik ausgerufen wurde, war er als Finanzminister dabei. Nach dem blutigen Ende der Räterepublik wurde ihm der Prozess gemacht - er kam allerdings frei und zog sich nach Oranienburg bei Berlin zurück.

In den 1920er Jahren wurde Gesell wenig beachtet. Erst nach seinem Tod im Frühjahr 1930 brachte der britische Ökonom John Maynard Keynes seine Erwartung zum Ausdruck, „dass die Zukunft mehr vom Geiste Gesells als von jenem von Marx lernen wird“. Auch einige Nationalsozialisten beriefen sich auf Gesell - sie teilten vor allem seine Kritik am Zins, den sie dem Judentum zuordneten. Gesell selbst hatte Antisemitismus und Rassismus jedoch stets abgelehnt, wie Gesell-Forscher Onken sagt.

Der exotische Außenseiter hat bis heute viele Anhänger. Es gab auch Versuche, Gesells Ideen in die Praxis umzusetzen. Etwa in Wörgl: Die österreichische Stadt in der Nähe von Kufstein hat in der Wirtschaftskrise der 30er Jahre ein Notgeld eingeführt, das automatisch an Wert verlor, wenn man nicht monatlich eine Marke im Wert von einem Prozent des Nennwertes kaufte und aufklebte. Das Ganze funktionierte offenbar - so ist es zumindest überliefert. Die Wirtschaft wurde angekurbelt, die Arbeitslosigkeit ging etwas zurück. Das Experiment wurde aber von der Österreichischen Nationalbank beendet, die das Monopol auf die Ausgabe von Geld für sich beanspruchte.

Kritiker unseres Geldsystems, die Anhänger des Frei- oder Schrumpfgelds, fordern bis heute, es Wörgl nachzumachen. Der ökonomische Mainstream allerdings ist nach wie vor skeptisch, ob ein solches Geldsystem für ein ganzes Land funktionieren würde. Um die Wirtschaft anzukurbeln, gibt es vermutlich bessere Möglichkeiten als sich von selbst entwertende Geldscheine. Zudem entwertet sich Geld durch die Inflation ohnehin, das muss man nicht künstlich bewirken. Allerdings weiß man nie genau, wie hoch die Inflation ausfällt.

Regionale Experimente mit solchem Geld hingegen gibt es nach wie vor - etwa die Regionalwährung „Chiemgauer“ in Bayern. Und seit der Finanz- und Wirtschaftskrise hat Gesells Lehre an Bedeutung gewonnen: Zumindest einige seiner Ideen erleben eine Renaissance. Etwa in den Schriften des Havard-Ökonomen Gregory Mankiw, der sich auf ihn beruft. Das Problem, dass Menschen und Banken Geld horten, statt es auszugeben oder zu investieren, ist schließlich wieder auf der Tagesordnung. Es hat dazu geführt, dass die Notenbanken die Zinsen immer weiter senkten, praktisch auf Null. Wenn man die Inflation berücksichtigt, verliert Geld auf Sparkonten schon länger an Wert - jetzt hat die Europäische Zentralbank auch noch negative Zinsen für Banken eingeführt. Das alles hat das Ziel, das Horten von Geld zu verleiden - und so die Wirtschaft anzukurbeln. Silvio Gesell lässt grüßen.

Weitere Themen

Bitcoin helfen nicht

Höhere Inflation : Bitcoin helfen nicht

Der Ökonom Michael Heise rechnet mit einer „Trendwende“ bei der Inflation. Die Preise werden wieder stärker steigen als zuletzt. Wie können Sparer sich mittelfristig schützen?

Topmeldungen

Der französische Präsident Emmanuel Macron am 1. März 2021 in einem Impfzentrum in Bobigny in der Nähe von Paris

Corona-Krise in Frankreich : Der Präsident als Chefvirologe

Im Kampf gegen die Pandemie richtet sich Frankreichs Präsident immer weniger nach dem Urteil seiner wissenschaftlichen Berater. Stattdessen lässt sich Emmanuel Macron selbst als Corona-Fachmann inszenieren. Das sorgt nicht nur bei Ärzten für Unmut.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.