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Rüdiger Dornbusch : Warum spielen die Währungen verrückt?

Schwankungen sind nicht Folge sinnfreier Zockerei

Das ist eine entscheidende Annahme für seinen Ansatz. Denn nun geschieht zunächst Folgendes: Dadurch, dass die Zentralbank mehr Geld vergibt, sinkt dessen Preis, der Zins. Zugleich wertet die inländische Währung ab, weil sie infolge der expansiveren Geldpolitik nun weniger knapp ist im Verhältnis zu ausländischem Geld. Und nicht nur das. Sie wertet erst einmal sogar stärker ab, als es aufgrund der fundamentalen Rahmenbedingungen eigentlich gerechtfertigt wäre. Warum? Der Grund dafür liegt in der großen Geschwindigkeit, mit der die Akteure an den Finanzmärkten reagieren: Sinken die Zinsen im Inland wie in diesem Szenario dargestellt, wird Geldanlegen dort weniger attraktiv. Investoren engagieren sich in dieser Situation nur dann, wenn sie neben den niedrigeren Zinsen erwarten, dass die inländische Währung aufwertet und sie Wechselkursgewinne einstreichen können. Eine Aufwertung erwarten sie in diesem Beispiel wiederum aber nur dann, wenn die Währung zunächst eben außerordentlich stark abwertet und ihren langfristig als fair angesehenen Wert unterschreitet.

Dornbuschs Verdienst war es, diesen Gedanken als Erster zu einer eigenen Wechselkurs-Theorie gemacht und auf eine der interessantesten ökonomischen Fragen dieser Zeit eine fundierte Antwort gegeben zu haben. Und eine, die gewaltige Konsequenzen hat: Er erklärte die starken Wechselkursschwankungen mit durchaus rationalem Verhalten und eben nicht als Folge sinnfreier Zockerei. Und er verdeutlichte, wie wichtig es ist, die eigenständige Bedeutung der internationalen Finanzmärkte zu verstehen und ihre Interaktion mit dem „Rest“ der Wirtschaft.

„Krisen sind nicht nur finanzielle Erlebnisse“

Kenneth Rogoff, ehemaliger Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds, würdigte in der Rückschau einmal, dieser Dornbusch-Aufsatz „markiert die Geburt der modernen internationalen Makroökonomie“. Er selbst hörte Dornbuschs Währungsvorlesung am MIT im Frühling des Jahres 1977. Auch Maurice Obstfeld, der zusammen mit Rogoff in den neunziger Jahren den aktuellen Standard des Faches setzte, lernte von Dornbusch. Ebenso wie Paul Krugman, Jeffrey Frankel und Jeffrey Sachs. Dabei blieben längst nicht alle prominenten Schüler des „Meisters“ (Rogoff) an der Universität. Larry Summers beispielsweise wurde später amerikanischer Finanzminister unter Bill Clinton, Mario Draghi Präsident der Europäischen Zentralbank. Stanley Fischer, mit dem Dornbusch etwa dreißig Jahre lang zusammenarbeitete und einen Lehrbuch-Bestseller schrieb, wurde einer der Direktoren des Internationalen Währungsfonds und ist mittlerweile Vizepräsident der amerikanischen Zentralbank.

Auch Rudi Dornbusch war politisch sehr interessiert. Er lehnte politische Ämter jedoch ab, und blieb stattdessen Dozent und Forscher. Mit seinen unzähligen Beiträgen in Fachzeitschriften und der internationalen Wirtschaftspresse war er ein gefragter Ratgeber von Notenbankern und Regierungen rund um den Globus. Besonders setzte er sich mit den Währungskrisen in Lateinamerika und Asien auseinander. Er warnte vor „makroökonomischem Populismus“, erklärte, wieso es so wichtig ist, dass gerade die Auslandsverschuldung (öffentliche wie private) nicht außer Kontrolle gerät und warum er den Euro für eine schlechte Idee hielt.

Im Januar des Jahres 2002 veröffentlichte er eine „Einführung in Schwellenländer-Krisen“, nicht mehr als einen längeren Aufsatz, keine Formeln, keine Kurven, blanke Prosa. Darin schrieb er: „Krisen sind nicht nur finanzielle Erlebnisse; sie beinhalten große soziale Kosten und die Umverteilung von Vermögen und Einkommen. Diese Konsequenzen sind es, die es so besonders wichtig machen, sich darüber zu verständigen, was falsch gelaufen ist.“ Vieles von dem, was er da ansprach, ließe sich leicht auf die Finanzkrise der westlichen Industrieländer übertragen, aus der wir uns gerade herausarbeiten. Er selbst hat sie nicht mehr erlebt. Ein halbes Jahr nachdem er diesen Aufsatz geschrieben hatte, starb Rudi Dornbusch im Alter von 60 Jahren an Krebs.

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