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Rosa Luxemburg : Die Ikone der Antikapitalisten

Rosa Luxemburg (1871-1919) Bild: akg-images / RIA Nowosti

Rosa Luxemburg sagte den Untergang des Kapitalismus voraus. Doch dazu kam es nicht. Ihr Ruhm bleibt trotzdem unverwüstlich.

          Unter den Theoretikern der Linken ist niemand so populär wie sie, nicht der bärtige Karl Marx, nicht der Barmener Fabrikantensohn Friedrich Engels und erst recht nicht der sozialdemokratische Partei-Ideologe Karl Kautsky. Das Leben Rosa Luxemburgs hingegen wurde erfolgreich verfilmt, zu ihrem Todestag pilgern die Verehrer alljährlich in Scharen zum Grab, die Stiftung der Linkspartei trägt ihren Namen. Die Politikerin Sahra Wagenknecht verdankt ihren Erfolg auch dem Umstand, dass sie in Stil und Sprache so wirkt wie eine Reinkarnation der Revolutionärin aus dem Kaiserreich.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Verehrung gilt einer Frau, die mehrfach im Gefängnis saß und 1919 von Freikorps-Leuten ermordet wurde, die sich in einer Männerwelt behauptete und wie sonst kaum jemand gegen den Krieg eintrat. Ihre Liebesbeziehungen erst zu dem älteren Leo Jogiches, dann zu dem 14 Jahre jüngeren Kostja Zetkin regten romantische Phantasien an. Vor allem aber gilt sie, die Unbeugsame, als Verkörperung der Reinheit in einer Welt der Politik, in der sonst stets der Kompromiss regiert.

          Darüber gerät beinahe in Vergessenheit, dass sie sich selbst vor allem als Theoretikerin sah. 1871 im ostpolnischen Zamość geboren und in Warschau aufgewachsen, studierte sie in Zürich Staatswissenschaften. Ihren Lehrer, den österreichischen Nationalökonomen Julius Wolf, verwickelte sie in Dispute über Karl Marx, den Wolf zu widerlegen trachtete. Für ihre Dissertation über „Die industrielle Entwicklung Polens“, die sofort im renommierten Wissenschaftsverlag Duncker & Humblot erschien, bekam sie 1897 gleichwohl die zweitbeste Note „magna cum laude“.

          Innerparteiliche Schlachten

          Kaum nach Berlin umgezogen, stürzte sie sich sogleich in die Theoriedebatten der deutschen Sozialdemokratie. Gerade hatte ihr Parteifreund Eduard Bernstein Ungeheuerliches getan: In seinem Buch über „Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie“ wagte er es, die These vom naturnotwendigen Zusammenbruch des Kapitalismus in Zweifel zu ziehen. Das Wirtschaftssystem, so Bernstein, habe sich als erstaunlich wandlungsfähig erwiesen. Die Sozialdemokratie müsse die Lage der Arbeiter deshalb durch konkrete Reformen im Hier und Jetzt verbessern – statt einfach nur auf den „großen Kladderadatsch“ zu warten, wie es der Parteivorsitzende August Bebel gern ausdrückte.

          Luxemburg schlug 1899 mit einer Artikelserie zurück, die unter dem Titel „Sozialreform oder Revolution?“ auch als Buch erschien. Sie warf Bernstein vor, die Sozialreform zum „Selbstzweck“ zu erklären, und verteidigte die politische Religion des orthodoxen Marxismus. Diesmal noch war sie sich mit der Parteiführung um Bebel einig. Selbst Bernsteins Gesinnungsgenossen fanden, der frontale Angriff auf die Glaubenssätze der Partei sei nun wirklich nicht nötig gewesen. „Mein lieber Ede, das, was Du verlangst, so etwas beschließt man nicht, so etwas tut man“, schrieb der bayerische Reformist Ignaz Auer. Die Auseinandersetzung ging als „Revisionismusstreit“ in die Parteigeschichte ein.

          Die Fronten verkehrten sich, als Luxemburg wenig später abermals in eine innerparteiliche Schlacht zog. Die russische Revolution von 1905 löste in der Sozialdemokratie die „Massenstreikdebatte“ aus. Die Idee, für umfassende politische Ziele die Arbeit ruhen zu lassen, fand zunächst die Zustimmung aller Parteiflügel. Bald zeigte sich, dass sich damit höchst unterschiedliche Ziele verbanden. Bernstein ging es um das demokratische Nahziel eines allgemeinen Wahlrechts in Preußen. Luxemburg hatte es auf das sozialistische Fernziel der Revolution abgesehen. Durchsetzen konnten sich am Ende beide nicht: Die Gewerkschaften, die staatliche Repressionen fürchteten, würgten die Debatte ab – diesmal mit Hilfe der Parteiführung.

          „Freiheit des Andersdenkenden“

          Gleichwohl bleibt die Streitschrift, die Luxemburg damals verfasste, ihr interessantestes theoretisches Werk. Wer verstehen will, warum sich die Selbsterfahrung der Occupy-Demonstranten vom realpolitischen Geschäft der Bankenregulierung grundlegend unterscheidet, muss das Büchlein über „Massenstreik, Partei und Gewerkschaften“ lesen. Bei der Lektüre erschließt sich der Unterschied zwischen einer existentiellen Auffassung von Politik, der es ums kollektive Subjekt geht, und einem instrumentellen Politikverständnis, das konkrete Ziele durchsetzen will. Natürlich stand die Revolutionärin auf der Seite der „wirklichen Volksbewegung“, der sie eine „elementare Kraft“ zuschrieb.

          Ein Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs veröffentlichte Luxemburg im Berliner Vorwärts-Verlag schließlich das 446 Seiten starke Buch, das sie als ihr theoretisches Hauptwerk ansah: „Die Akkumulation des Kapitals. Ein Beitrag zur ökonomischen Erklärung des Imperialismus.“ Darin erläuterte sie, dass der Kapitalismus in seinem Expansionsdrang stets neue Märkte erschließen müsse. Sei die Welt vollständig durchdrungen, schlügen die Konflikt mit neuer Wucht auf den alten Kontinent zurück. Das galt zwar schon bald als prophetische Vorahnung dessen, was 1914 tatsächlich geschah. Doch kann der Versuch, den Kriegsausbruch rein wirtschaftlich zu erklären, nicht mehr überzeugen – auch wenn die Frage nach den Grenzen der Wachstumsdynamik heute neu gestellt wird.

          Ihren Nachruhm sicherte Luxemburg viel eher mit einem einzigen Satz, den sie unter dem Eindruck der russischen Revolution niederschrieb. Als Lenin im Januar 1918 die Verfassunggebende Versammlung auflöste, hielt sie ihm vor: „Freiheit ist immer nur die Freiheit des Andersdenkenden.“ Für Klassenfeinde galt das nach ihrer Ansicht allerdings nicht, und ihr Kampfgefährte Karl Liebknecht unternahm ein Jahr später seinerseits den Versuch, in Deutschland die Wahl einer Verfassunggebenden Nationalversammlung zu verhindern. Der brutalen und maßlosen Gegengewalt, die auf diesen „Spartakusaufstand“ folgte, fiel Luxemburg selbst zum Opfer. Die Freikorps-Kämpfer, die den Mord verübten, erreichten das Gegenteil des Gewollten: Sie machten Rosa Luxemburg endgültig zur Märtyrerin.

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