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Reinhard Selten : Der Spieler

Ökonom und Nobelpreisträger: Reinhard Selten Bild: Julia Zimmermann, Bearbeitung F.A.Z. Sonntagszeitung

Reinhard Selten hat im Labor untersucht, wie Menschen wirklich ticken. Der egoistische Homo oeconomicus ist am Ende.

          Auf die Meinung der Masse hat Reinhard Selten noch nie etwas gegeben. Der Sohn eines jüdischen Vaters, der 1930 in Breslau zu Welt kam, gehörte in seiner Heimat von Geburt an zu einer Minderheit. Von klein auf habe er lernen müssen, seinen eigenen Urteilen mehr zu vertrauen als politischer Propaganda und der öffentlichen Meinung. „Das hatte starken Einfluss auf meine intellektuelle Entwicklung“, formulierte Selten rückblickend.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Sein gesamtes Forscherleben begleitete ihn diese Geisteshaltung. „Selten ist ein kompromissloser Denker. Ihn kümmert nicht, was der Mainstream denkt oder was publizierbar ist“, beschreibt ihn der Kölner Experimentalökonom Axel Ockenfels. Ohne diese geistige Unabhängigkeit wäre Seltens – nach eigener Einschätzung wegweisendste – Pionierleistung undenkbar gewesen. Der Ökonom hat das über Jahrzehnte unangefochtene und bis heute im ökonomischen Denken verankerte Menschenbild des Homo oeconomicus ins Wanken gebracht.

          Alternative Modelle ohne Nutzenmaximierung

          In Laborversuchen, für die er anfangs belächelt und später gefeiert wurde, hat er gezeigt, dass der Mensch aus Fleisch und Blut alles andere als eine streng rationale Optimierungsmaschine ist. Er nimmt Rücksicht, er lernt aus Erfahrungen, und er baut Vertrauen auf. Der Homo oeconomicus kann all das nicht erklären. Seltens Kritik ist deshalb grundsätzlich. Anders als andere skeptische Ökonomen fügt er dem kühl kalkulierenden Modellmenschen nicht einfach soziale Charaktereigenschaften wie Altruismus oder Fairness hinzu. „Vom diesem neoklassischen Reparaturbetrieb halte ich gar nichts“, sagt Selten. Stattdessen entwickelt er alternative Modelle, die ohne Nutzenmaximierung und Optimierungsabsolutismus auskommen.

          Trotz seiner früh verinnerlichten Skepsis gegen den Mainstream ist es verblüffend, dass ausgerechnet Seltens Arbeiten dem Homo oeconomicus derart zu Leibe rücken. Denn Ruhm und Ehre wurden dem Forscher, der in den fünfziger Jahren in Frankfurt Mathematik studiert hat, für seine Arbeiten zur Spieltheorie zuteil. 1994 den Mann, dem die öffentliche Aufmerksamkeit immer eher suspekt war, als erstem und bislang einzigen deutschem Wirtschaftswissenschaftler gemeinsam mit den Spieltheoretikern John Harsanyi und John Nash dem Wirtschaftsnobelpreis verliehen. Nash hatte in Spielen mit rationalen Akteuren stabile Zustände identifiziert, in der es sich für keinen Beteiligten lohnt, sein Verhalten zu ändern, obwohl durch Kooperation alle besser dastehen könnten. Selten verfeinerte diese Arbeit und stieß darauf, dass längst nicht alle diese „Nash-Gleichgewichte“ auch plausibel sind. Die Homo-oeconomicus-Annahme ist in der Spieltheorie aber fest verankert.

          „Dennoch“, sagt Selten, „war mir von Anfang an vollkommen klar, dass der Homo oeconomicus deskriptiv keinerlei Bedeutung hat.“ Als „methodischer Dualist“ habe ihn die Spieltheorie als normative Theorie fasziniert, die beschreibt, wie sich Individuen verhalten würden, wären sie zu vollkommener Rationalität in der Lage. Heute hat der Mann, der am liebsten auf Wanderungen über komplexe Probleme nachdenkt, auch diese Option verworfen. „Wir mussten den Homo oeconomicus erst intensiv erforschen, um zu zeigen, wie falsch er ist“, sagt Selten. Jetzt müsse es darum gehen, ganz neue, umfassendere Theorien zu entwickeln.

          Entscheidungen an Ansprüchen ausrichten

          Großen Einfluss auf seine Pionierarbeit jenseits des Homo oeconomicus hatten die Gedanken des amerikanischen Sozialwissenschaftlers Herbert A. Simon. Selten, der in Bonn eines der wichtigsten Labore für experimentelle Ökonomie aufgebaut hat, griff den von Simon geprägten Begriff der „eingeschränkten Rationalität“ auf und entwickelte ihn weiter. Ökonomische Entscheidungen sind demnach geprägt von mannigfaltigen Motivationen, Lernprozessen und unbewussten Urteilen. Der Mensch verfolgt verschiedene Ziele, die er nicht gegeneinander aufrechnet. Das steht im krassen Widerspruch zum Maximierungsautomatismus des Homo oeconomicus. Eines der Beispiele für Seltens alternative Theorien, die daraus entsprungen sind, ist die Anspruchanpassungstheorie. Vereinfacht gesagt, wird darin angenommen, dass der Mensch seine Entscheidungen an seinen Ansprüchen ausrichtet. Er definiert sie aus seinen Erfahrungen und Erwartungen heraus und passt sie mit der Zeit nach oben oder unten an.

          Die Forschung des heute 83 Jahre alten Forschers ist für den Alltag höchst relevant. Sie gibt neue Einsichten, sei es für den Ablauf von Klimaschutzverhandlungen, Auktionen oder sogar für gesellschaftliche und kriegerische Auseinandersetzungen. Was die Klimaschutzverhandlungen angeht, ist Selten pessimistisch. „Mit schnellen Fortschritten ist nicht zu rechnen“, fürchtet er. Die kulturellen Unterschiede zwischen den Verhandlungspartnern verhindern, dass das notwendige Vertrauen aufgebaut werden kann, zeigten seine Laborstudien.

          Obwohl die Kritik am Homo oeconomicus heute zum Allgemeingut der Mikroökonomie gehört, sieht sich Selten noch lange nicht am Ziel. Es gebe noch viele Ideen, die er weiterverfolgen müsse. Denn trotz aller Zweifel und Alternativmodelle hält sich der Homo oeconomicus in vielen Forschungsbereichen hartnäckig. Ein durchgängig überlegenes Paradigma, das ihn ein für alle Mal ablösen könnte, hat sich, auch mehr als ein halbes Jahrhundert nachdem Selten mit seiner Forschung begonnen hat, nicht herausgebildet.

          Selten hofft jedoch, dass seine Arbeiten hierfür das Fundament sein werden. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht, ist der Kölner Forscher Ockenfels überzeugt. Er glaubt, dass sich Studierende in ein paar Dekaden fragen werden, ob es wirklich einmal eine Zeit gab, in der praktisch alle Ökonomen stets „optimale Entscheidungen“ unterstellt haben. „Die Antwort wird dann sein: ja – nur Selten war seiner Zeit voraus.“

          Die Weltverbesserer - Große Ökonomen und ihre Ideen

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