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Paul Samuelson : Bahnbrechend in allen Disziplinen

  • -Aktualisiert am

Paul Samuelson (1915 bis 2009) Bild: © Nubar Alexanian/CORBIS

Paul Samuelson ist der erste Amerikaner, der den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaft erhielt. Keiner verband so elegant Witz und Mathematik. Aus unserer Serie „Die Weltverbesserer“.

          4 Min.

          Paul Samuelson lebte von 1915 bis 2009 und war der vermutlich vielseitigste Volkswirt aller Zeiten. Es gibt kaum ein volkswirtschaftliches Gebiet, auf dem er nicht bahnbrechendes geleistet hätte. Sein Lehrbuch „Foundations of Economics“ erreichte Millionenauflagen, und 1970 wurde ihm als erstem Amerikaner der Nobelpreis verliehen. Samuelson ging konsequent mit den Mitteln der Mathematik an die Probleme heran, konnte aber zugleich überaus anschaulich und humorvoll erklären. In der Newsweek lieferte er sich als Kolumnist harte und witzige Gefechte im wöchentlichen Wechsel mit Milton Friedman, dem Nobelpreisträger von 1976 und Begründer des Monetarismus.

          Auch als Politikberater war Samuelson aktiv, dessen eigentliche Liebe aber immer der ökonomischen Theorie galt. Von seinen vielen fundamentalen Beiträgen ist derzeit einer besonders aktuell geworden, der lange Zeit nur für Spezialisten von Interesse zu sein schien. Samuelson hat ihn bereits 1958 im „Journal of Political Economy“ publiziert und behandelt darin die grundlegende Frage, warum es eigentlich einen Zins gibt.

          Das Modell der überlappenden Generationen

          Bis heute ist ja – auch unter Ökonomen – die Ansicht weit verbreitet, dass der Zinssatz so etwas wie der Preis für das Geld ist, der vor allem von der Zentralbank bestimmt wird. Manche glauben sogar, ohne Geld gäbe es gar keinen Zins und die Welt würde viel besser und gerechter sein. Samuelson schuf in seinem Aufsatz das bahnbrechende Modell der überlappenden Generationen. Darin gibt es zunächst gar kein Geld, sondern nur Naturaltausch, der zwischen drei Generationen stattfindet.

          Im einfachsten Fall haben die Jungen gar kein eigenes Einkommen und müssen daher Kredite aufnehmen oder auf andere Weise von den älteren unterhalten werden. Die mittlere Generation wiederum ist auf dem Höhepunkt ihrer Schaffenskraft, muss aber für ihr Alter vorsorgen. Denn die jeweils älteste Generation kann unter Umständen gar nicht mehr arbeiten und muss darum von ihren Ersparnissen leben, will sie nicht auf das bloße Wohlwollen der jüngeren angewiesen sein.

          Damit haben wir bereits alles, so zeigt Samuelson, was für die Entstehung eines Zinssatzes notwendig ist. Denn die mittlere Generation muss für ihr Alter sparen und wird dies sogar dann tun, wenn sie gar keinen oder sogar einen negativen Zins dafür bekommt. Jedenfalls gilt das, solange es kein Geld gibt und sie auch keine haltbaren Güter horten kann.

          Die Samuelsonsche Idee mit der „savings glut“

          Ihre Situation ist dann vergleichbar mit der von Robinson Crusoe, wenn dieser auf seiner Insel allmählich altert. Er wird verzweifelt versuchen, etwas für seine alten Tage zurückzulegen, auch wenn ein Großteil dieser Rücklagen vielleicht verdirbt und sich damit quasi negativ verzinst. Gibt es einen jüngeren Freitag auf seiner Insel, kann er diesem vielleicht zunächst einige seiner Güter abgeben, um dann im Gegenzug später von ihm unterstützt zu werden. Aber auch in diesem Fall kann es gut sein, dass er dafür einen sehr niedrigen oder sogar einen negativen Zins akzeptieren muss, je nachdem wie stark Freitag an einem solchen Geschäft überhaupt interessiert ist.

          Was hat das mit unserer aktuellen Situation zu tun? Nun, es gibt durchaus einflussreiche und seriöse Ökonomen, die das derzeit niedrige Zinsniveau keineswegs für eine Folge der expansiven Geldpolitik halten. Vielmehr argumentieren sie ganz im Sinne der Samuelsonschen Idee mit der sogenannten „savings glut“ (Sparschwemme), ein Begriff, der von dem amerikanischen Notenbankpräsidenten Ben Bernanke geprägt wurde. Demnach besteht ein Überangebot von Ersparnissen in den Industrieländern mit ihren alternden Bevölkerungen, für das es gar keine sinnvollen Investitionsmöglichkeiten gibt.

          Dies und nicht etwa die Notenbankpolitik sei der wahre Grund für die niedrigen Sparzinsen, die derzeit ja nicht einmal die Inflationsrate abdecken und damit in realer Rechnung tatsächlich negativ sind. Und es kommt noch toller: Die hohe Staatsverschuldung ist in dieser Sichtweise nicht etwa ein Übel, sondern die Lösung des Problems! Denn würde auch der Staat noch sparen, so argumentiert zum Beispiel der deutsche Ökonom Carl Christian von Weizsäcker, so wäre der Zins noch niedriger und die Sparer wären noch übler dran als ohnehin schon.

          Wir können nicht wissen, ob Paul Samuelson dieser Übertragung seines theoretischen Modells auf die aktuelle wirtschaftspolitische Situation zugestimmt hätte. Erhebliche Zweifel daran sind aber angebracht. So hat schon Samuelson argumentiert, dass in einer Welt mit stabilem Geld der Zinssatz nie negativ werden kann. Niemand würde ja Kredite zu negativen Zinsen vergeben, wenn er stattdessen einfach wertstabiles Geld unter sein Kopfkissen legen kann. Wer aber soll dann die Investitionen der Unternehmen (und die Staatsverschuldung) finanzieren?

          Die angeblich segensreichen Wirkungen der Staatsverschuldung

          Das kann offenbar nur die Zentralbank sein, was sie ja derzeit auch eifrig tut. Ohne ihr gewissermaßen künstliches, nämlich aus reiner Geldschöpfung stammendes Kreditangebot kann es deshalb keinen negativen Zinssatz geben. Auch die angeblich segensreichen Wirkungen der Staatsverschuldung sind äußerst fragwürdig. Denn der Staat verwendet seine Einnahmen daraus größtenteils für den Konsum und nicht etwa für Investitionen. Das ist aber das Gegenteil von dem, was eine alternde Gesellschaft eigentlich tun müsste.

          Es stimmt zwar, dass die Staatsverschuldung den Zinssatz tendenziell erhöht. Aber gerade dadurch werden Wachstum und Beschäftigung beeinträchtigt. Denn ein niedriger Zins ist ja im Grunde nichts Schlechtes für eine alternde Volkswirtschaft, im Gegenteil: Er lenkt die Ersparnisse in Investitionen und macht sie damit erst zu echter Altersvorsorge. Wird der Zins aber durch das Drucken von Geld künstlich noch weiter gesenkt, nur um dem Staat das Schuldenmachen zu erleichtern, so geht das zu weit. Denn die Sparer werden dann um ihren – wenn auch niedrigen – Marktzinsertrag betrogen, und anstelle realer Investitionen werden mit ihrem Geld Wahlgeschenke auf Kosten der Zukunft finanziert.

          Der Autor Ulrich van Suntum ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

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