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Paul Samuelson : Bahnbrechend in allen Disziplinen

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Was hat das mit unserer aktuellen Situation zu tun? Nun, es gibt durchaus einflussreiche und seriöse Ökonomen, die das derzeit niedrige Zinsniveau keineswegs für eine Folge der expansiven Geldpolitik halten. Vielmehr argumentieren sie ganz im Sinne der Samuelsonschen Idee mit der sogenannten „savings glut“ (Sparschwemme), ein Begriff, der von dem amerikanischen Notenbankpräsidenten Ben Bernanke geprägt wurde. Demnach besteht ein Überangebot von Ersparnissen in den Industrieländern mit ihren alternden Bevölkerungen, für das es gar keine sinnvollen Investitionsmöglichkeiten gibt.

Dies und nicht etwa die Notenbankpolitik sei der wahre Grund für die niedrigen Sparzinsen, die derzeit ja nicht einmal die Inflationsrate abdecken und damit in realer Rechnung tatsächlich negativ sind. Und es kommt noch toller: Die hohe Staatsverschuldung ist in dieser Sichtweise nicht etwa ein Übel, sondern die Lösung des Problems! Denn würde auch der Staat noch sparen, so argumentiert zum Beispiel der deutsche Ökonom Carl Christian von Weizsäcker, so wäre der Zins noch niedriger und die Sparer wären noch übler dran als ohnehin schon.

Wir können nicht wissen, ob Paul Samuelson dieser Übertragung seines theoretischen Modells auf die aktuelle wirtschaftspolitische Situation zugestimmt hätte. Erhebliche Zweifel daran sind aber angebracht. So hat schon Samuelson argumentiert, dass in einer Welt mit stabilem Geld der Zinssatz nie negativ werden kann. Niemand würde ja Kredite zu negativen Zinsen vergeben, wenn er stattdessen einfach wertstabiles Geld unter sein Kopfkissen legen kann. Wer aber soll dann die Investitionen der Unternehmen (und die Staatsverschuldung) finanzieren?

Die angeblich segensreichen Wirkungen der Staatsverschuldung

Das kann offenbar nur die Zentralbank sein, was sie ja derzeit auch eifrig tut. Ohne ihr gewissermaßen künstliches, nämlich aus reiner Geldschöpfung stammendes Kreditangebot kann es deshalb keinen negativen Zinssatz geben. Auch die angeblich segensreichen Wirkungen der Staatsverschuldung sind äußerst fragwürdig. Denn der Staat verwendet seine Einnahmen daraus größtenteils für den Konsum und nicht etwa für Investitionen. Das ist aber das Gegenteil von dem, was eine alternde Gesellschaft eigentlich tun müsste.

Es stimmt zwar, dass die Staatsverschuldung den Zinssatz tendenziell erhöht. Aber gerade dadurch werden Wachstum und Beschäftigung beeinträchtigt. Denn ein niedriger Zins ist ja im Grunde nichts Schlechtes für eine alternde Volkswirtschaft, im Gegenteil: Er lenkt die Ersparnisse in Investitionen und macht sie damit erst zu echter Altersvorsorge. Wird der Zins aber durch das Drucken von Geld künstlich noch weiter gesenkt, nur um dem Staat das Schuldenmachen zu erleichtern, so geht das zu weit. Denn die Sparer werden dann um ihren – wenn auch niedrigen – Marktzinsertrag betrogen, und anstelle realer Investitionen werden mit ihrem Geld Wahlgeschenke auf Kosten der Zukunft finanziert.

Der Autor Ulrich van Suntum ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

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