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Nikolaj Kondratjew : Der Herr der Zyklen

  • -Aktualisiert am

Nikolai Kondratjew Bild: akg-images / RIA Nowosti

Nikolaj Kondratjew entdeckte den Biorhythmus des Kapitalismus - und bezahlte mit seinem Leben dafür. Seine Idee der Kondratjew-Wellen aber machte Karriere. Aus unserer Serie „Die Weltverbesserer“.

          Wenn die Wirtschaft am Boden liegt und mit ihr die ökonomischen Denker der Vergangenheit, dann schlägt die Stunde der Wissenschaftler, die sich mit der Wirklichkeit befassen, die empirisch arbeiten. Das ist heute so nach der Finanzkrise. Und das war in den zwanziger und dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts genauso. Damals verunsicherte die Weltwirtschaftskrise eine ganze Generation von Ökonomen, was zu wahren Kreativitätsausbrüchen führte.

          Ein Empiriker, der damals in Mode kam (und auch in dieser Krise wieder viele Bewunderer findet), war Nikolaj Kondratjew, Bauernsohn und Ökonom - ausgerechnet aus der Sowjetunion, die sich gerade per Revolution vom Kapitalismus verabschiedet hatte.

          Kondratjew war jahrelang Revolutionär gewesen, kämpfte gegen die Zarenherrschaft für eine sozialistische Demokratie, war mit 25 Jahren sogar ein paar Tage lang stellvertretender Minister. Doch nach der Oktoberrevolution, in der die Bolschewiken an die Macht kamen, widmete er sich vorrangig seiner wissenschaftlichen Karriere.

          Die Wellen von Auf und Ab können auch mal lang sein

          Er leitete das Konjunkturinstitut in Moskau und stieß bei seiner Arbeit schon früh auf ein Phänomen, das ihn faszinierte: Die Konjunktur der kapitalistischen Ökonomie, also das Auf und Ab der Wirtschaft, konnte man nicht nur in den damals schon bekannten Zyklen von 7 bis 11 Jahren beobachten. Nein, wenn man in die Geschichte zurückschaute, gab es auch längere Zyklen, die 48 bis 60 Jahre umfassten und ganz ähnlich verliefen: 25 Jahre ging es bergauf, 25 Jahre ging es bergab. Die kürzeren Zyklen bewegten sich nur um diese langen Wellen herum.

          Kondratjew hatte eine Vorliebe für Statistik und entdeckte die Wellen in diversen Gebieten: beim Zins, bei Löhnen und dem Außenhandel, bei der Produktion von Kohle und Stahl, in Amerika, Frankreich, Deutschland. Das Verblüffende daran: Sie stimmten in den Jahren in etwa überein. So entdeckte er insgesamt zweieinhalb lange Wellen - mehr Daten waren nicht verfügbar. Von Ende der 1780er Jahre bis etwa 1844-51. Von damals bis etwa 1890-96. Und von da an noch eine halbe Welle bis 1920. Ausgehend von dieser Beobachtung war er sicher, dass er auch eine Prognose wagen dürfte: Demnächst käme ein Wendepunkt, und es würde für eine längere Zeit bergab gehen.

          Als Freund der Marktwirtschaft war er in der Sowjetunion am falschen Ort

          Eine geglückte Prognose, wie man einige Jahre später feststellen konnte. Und solche sind in der Ökonomie nicht gerade der Regelfall. Doch diese Genugtuung erreichte Kondratjew in einer Zeit, da es ihm schlechter kaum gehen konnte. Er war in politischer Gefangenschaft, inhaftiert in einem ehemaligen Kloster in Susdal, 200 Kilometer von Moskau. Seinen Posten beim Konjunkturinstitut hatte er schon 1928 verloren, das Institut wurde kurz darauf geschlossen.

          Eine andere Zeit war gekommen, die Kondratjews marktwirtschaftsfreundliche Ideen für hochexplosives Gedankengut hielt. Die ganze Ideologie des Sowjet-Kommunismus beruhte darauf, dass der Kapitalismus dem Untergang geweiht sei. Kondratjews Theorie aber besagte, dass er sich lediglich in der harten Abschwungphase einer langen Welle befand - irgendwann würde es wieder bergauf gehen.

          Für solche Gedanken war die stalinistische Sowjetunion nicht der richtige Ort. Kondratjew wurde angeklagt, einer Partei angehört zu haben, die es niemals gegeben hatte, die eine Fiktion war, um liberale Denker aus dem Weg zu schaffen - und kam nach Susdal. Er selbst jedoch zweifelte nicht daran, dass das, was er entdeckt hatte, die Wahrheit war. Und sah sich bald bestätigt. 1934 schrieb Kondratjew aus Susdal: „Ich versuche dem Verlauf der Weltwirtschaftsentwicklung zu folgen und ich denke, dass einige meiner Ideen und Vorhersagen erfolgreich getestet wurden und den Status anerkannter Fakten erreicht haben.“

          Damals wusste er noch nicht, dass er kaum vier Jahre später tot sein würde, getötet von einem Erschießungskommando der zunehmend brutalen Stalinisten. Es dauerte bis ins Jahr 1987, bis er in der Sowjetunion rehabilitiert wurde. Seine Idee aber konnten die Stalinisten nicht ausrotten. Sie hatte ihren Weg in den Westen gefunden, als die Zeiten für den jungen Kondratjew noch gut aussahen, als er sogar noch die Erlaubnis erhielt, in den Westen zu reisen. Zwischen 1922 und 1928 veröffentlichte er die meisten seiner wichtigen Werke. 1926 erschien das erste davon im Ausland, in Deutschland. Der Titel: „Die langen Wellen der Konjunktur“.

          Im Westen wurde Kondratjew entdeckt

          Während Kondratjew daheim in Ungnade fiel, wurde er im Westen entdeckt. Sein Schicksal als politischer Gefangener mag dabei ein Verstärker gewesen sein. Vor allem war es aber seine empirische Entdeckung, die Ökonomen wie Joseph Schumpeter faszinierte - und verfolgte. Denn Kondratjew hatte zwar eine interessante Regelmäßigkeit entdeckt, er hatte aber eine Frage ziemlich offengelassen: Wieso nur traten diese langen Wellen auf?

          Das kurzfristige Auf und Ab der Wirtschaft ist schon schwierig zu erklären. Das langfristige Auf und Ab ist noch mysteriöser. Kondratjew selbst äußerte sich nebulös dazu. „Die langen Wellen entstehen aus Gründen, die dem Wesen der kapitalistischen Ökonomie inhärent sind“, schrieb er etwa. Ihm schienen die Wellen offenbar eine Art Biorhythmus des Kapitalismus zu sein, ein natürlicher Zyklus, dessen Gründe vielfältig sind.

          Eines allerdings stellte er fest: Jede dieser langen Wellen ging mit einer bahnbrechenden Innovation einher, die die Produktionstechnologie veränderte, etwa der Einsatz von Dampfmaschinen oder Strom. Heute interpretieren dies viele so, als sei die Erfindung dieser Technik der eigentliche Auslöser für die langen Wellen. Das sah Kondratjew jedoch anders. „Technische Erfindungen selbst sind nicht ausreichend, um einen wirklichen Wechsel in der Produktionstechnologie herbeizuführen“, schrieb er. „Sie bleiben so lange ineffektiv, wie die ökonomischen Bedingungen, die ihre Verwendung begünstigen, nicht vorhanden sind.“ So habe es im 17. und 18. Jahrhundert viele Erfindungen gegeben, die erst im 18. Jahrhundert während der industriellen Revolution zur Anwendung kamen.

          Damit hinterließ er den nachfolgenden Ökonomen ein Rätsel, das bis heute ungelöst ist. Kondratjews Anhänger sind mittlerweile pragmatisch und sehen die langen Wellen eher als eine Methode, die Wirtschaftsgeschichte zu verstehen. So gab es ihrer Ansicht nach zuletzt zwei Wellen: Eine ging einher mit der Verbreitung des Automobils, die nächste mit der Informationstechnologie. Dort stehen wir nach Ansicht von Kondratjews Anhängern gerade am Wendepunkt, vom Kamm der Welle geht es nun bergab. Demnach wäre die Finanzkrise lediglich Ausdruck davon, dass das Geld nicht mehr weiß, wo es möglichst produktiv verwendet werden soll, weil die Informationstechnologie nicht mehr viel Innovationspotential hat und das nächste große Ding noch fehlt.

          Das ist vielleicht gar nicht falsch, aber es ist auch ziemlich deprimierend, bedeutet es doch, dass es jetzt jahrelang eher bergab geht, wenn Kondratjew recht hat. Und wir können nur sitzen und abwarten. Das hat etwas Fatalistisches. Denn den Menschen bietet Kondratjews Entdeckung keinerlei praktische Anweisung, was jetzt zu tun ist. Da verwundert es nicht, dass der praktische Keynes damals wie heute weit populärer ist als Kondratjew.

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