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Michail Bakunin : Der erste Anarchist

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Michail Alexandrowitsch Bakunin (1814-1876) Bild: Ullstein

Michail Bakunin lebte und dachte ungezügelt. Jede staatliche Ordnung war ihm ein Graus. Heute berufen sich linke Revolutionäre und amerikanische Libertäre auf ihn. Aus unserer Serie „Die Weltverbesserer“.

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          Michail Alexandrowitsch Bakunin war ein gesuchter Mann. Gleich mehrere Länder wollten ihn haben. Er wird nach dem gescheiterten Aufstand von Dresden im Jahr 1849 von Preußen verhaftet und als Rädelsführer zum Tode verurteilt. Da die Österreicher aber ebenfalls noch eine Rechnung mit ihm offen hatten, wird er nach Wien ausgeliefert und dort ebenfalls zum Tode verurteilt. Nun besteht auch das Russische Reich auf seinem Recht und erwirkt die Auslieferung nach St. Petersburg. Auch dort wird Bakunin ein Prozess gemacht, der mit dem Todesurteil endet. „Diese ewigen Prozesse beginnen mich zu langweilen“, schreibt er in seinen Briefen.

          Wer war der Mann, um dessen Hinrichtung fast alle europäischen Mächte wetteiferten? Bakunin wuchs in den endlosen Weiten Russlands auf. Er war groß und dick, er aß viel, trank viel, rauchte viel und redete viel. Vor allem aber war er von einem unbezwingbaren Freiheitsdrang beseelt. In Moskau, wohin er nach kurzer und erfolgloser Militärzeit zog, kam er mit revolutionären Ideen in Kontakt, die er in Berlin, an der Universität Fichtes und Hegels, zu unterfüttern beschloss. Die Ideen schwankten und schwirrten in seinem Kopf, immer aber hatte er die Befreiung der Menschen aus den gegenwärtigen Verhältnissen vor Augen, welche nur zu deren Unterdrückung dienten.

          Er zog weiter nach Paris, wo er sich bald in sozialistischen und anarchistischen Kreisen einen Namen machte. Mit Marx verband ihn dort ein zwiespältiges Verhältnis. Einerseits erkannte Bakunin an, dass dieser ein bedeutender theoretischer Kopf im Dienste des Sozialismus war. Andererseits hielt er dessen Lehre für im Grunde autoritär. Die Arbeiterschaft werde bei Marx von einer abstrakten Theorie und ihren Hohepriestern gegängelt und sei damit am Ende nicht freier als zuvor. So erinnert sich Bakunin: „Es bestand nie eine offene Intimität zwischen Marx und mir. Unsere Temperamente vertrugen sich nicht. Er nannte mich einen sentimentalen Idealisten, und er hatte recht; ich nannte ihn einen perfiden und tückischen eitlen Menschen, und ich hatte auch recht.“

          Bakunins Todesstrafe wird, da er aus einer guten adeligen Familie kommt, vom Zaren zunächst in Festungshaft umgewandelt. Später wird er nach Sibirien in die Verbannung geschickt, wo er bald die Gelegenheit zur Flucht nutzt. Über Japan und die Vereinigten Staaten gelangt er nach England, wo er zehn Jahre nach seiner Festnahme völlig ungeniert und mit ungeminderter Energie für den Anarchismus wirbt. Er ist kein Schreibtischrevolutionär wie Marx, sondern wann immer irgendwo in Europa eine Revolte losbricht, findet Bakunin sich auf den Barrikaden im Auge des Sturms. Je chaotischer es zugeht, desto wohler fühlt er sich.

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