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Mancur Olson : Der Abstieg der Nationen

Mancur Olson (1932-1998) Bild: University of Maryland

Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Mancur Olson wusste: Wenn es Ländern zu gut geht, erstarren sie. Und starke Lobbyisten reißen die Macht an sich. Aus unserer Serie „Die Weltverbesserer“.

          Im Alter von nur 33 Jahren hat Mancur (sprich: Menzer) Olson sein erstes bahnbrechendes Werk „Die Logik des kollektiven Handelns“ veröffentlicht. Als Wunderkind galt der junge Olson, damals Assistenzprofessor in Princeton und später Professor an der Universität von Maryland, daraufhin in der Fachwelt. Mit seiner Analyse wischte er 1965 ältere Theorien vom Tisch und legte einen wichtigen Baustein für die Neue Politische Ökonomie vor. Olson analysierte nämlich, wie schwierig, wenn nicht gar unmöglich es ist, eine freiwillige Organisation für die Interessen der breiten Masse zu bilden. Viel eher lassen sich Sonderinteressen und Lobbygruppen mit engem Fokus effektiv organisieren, die protektionistische Gesetze, Subventionen und Privilegien fordern.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Als Olson sein Buch schrieb, war eine andere Theorie en vogue: die Pluralismustheorie mit der These der „Gegenmacht“ (countervailing power). Ökonomen wie John Kenneth Galbraith (und im 19. Jahrhundert schon Lujo Brentano) glaubten, dass sich auf freiwilliger Basis breite Interessenorganisationen von Verbrauchern, Arbeitern und Bürgern bilden könnten, um gegen die Marktmacht von Großkonzernen aufzubegehren. Olson erklärte mit strenger Logik, warum solches „kollektives Handeln“ von großen Gruppen nicht in Gang kommt: Den einzelnen potentiellen Mitstreitern fehlt der individuelle Anreiz, sich für das „kollektive Gut“ zu engagieren. Zwar würde jeder davon profitieren, wenn das Ziel erreicht würde, doch sein individueller Gewinnanteil wäre klein. Dafür lohnt aus individueller Perspektive das Engagement nicht. Also spart man sich das Geld und die Mühe; die anderen sollen kämpfen. „Let George do it“, lautet die Redewendung im Englischen. Wenn es aber nur Trittbrettfahrer gibt, kommt kein kollektives Handeln zustande, das „öffentliche Gut“ bleibt unerreichbar.

          Unternehmerverbände setzen Politik unter Druck

          Viel leichter und effizienter lassen sich dagegen kleine, homogenere Gruppen motivieren, für ein gemeinsames Interesse zu kämpfen: Bestimmte (meist gehobene) Berufsstände bilden Vereinigungen zum Schutz ihrer Sonderinteressen und schirmen sich vom Wettbewerb ab. Unternehmerverbände setzen die Politik unter Druck, wenn es um Regulierung oder Subventionen geht. Die Bildung von Gewerkschaften basierte zum Teil auf Idealismus, zum Teil auch auf Gruppendruck bis hin zu Erpressung. „Closed shops“ hießen in England und den Vereinigten Staaten jene Betriebe, in denen Gewerkschaftsbosse darüber wachten, dass nur Mitglieder dort arbeiten durften. Neben solchem legalisierten Zwang analysierte Olson auch positive selektive Anreize: Gewerkschaften bieten ihren Mitgliedern spezielle Vergünstigungen, etwa Rechtsberatung, Fortbildung oder Geld aus der Streikkasse. Andere Interessengruppen handeln für ihre Mitglieder Sondertarife bei Versicherungen oder Einkaufsrabatte für bestimmte Geschäfte aus. Auf diese Weise versuchen sie das Trittbrettfahrerproblem zu überwinden.

          Mancur Olson, 1932 in North Dakota geboren und ausgebildet in Oxford und Harvard, arbeitete stets im Grenzgebiet zwischen Ökonomie, Politikwissenschaft und Soziologie. Er bezog historische Prozesse und individuelle Anreize in seine Analysen ein. Als entscheidend für den Erfolg einer Wirtschaft sah er offenen Wettbewerb und gesicherte Eigentumsrechte an. „Institutionen und die ordnungspolitischen Regelungen in einem Land sind die Hauptdeterminanten für die Höhe des Pro-Kopf-Einkommens“, sagte er, ganz im Sinne des deutschen Ordoliberalismus.

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