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Mancur Olson : Der Abstieg der Nationen

In den 1970er Jahren fielen die Industrieländer in tiefe Selbstzweifel, weil das Wirtschaftswachstum stark nachließ und sie von Stagnation und Inflation geplagt wurden. Olson hatte eine eigene Theorie für diesen Niedergang, die er unter dem Titel „The Rise and Decline of Nations“ (1982) darlegte: Je länger eine Phase des Friedens und der Stabilität andauert, desto mehr wächst ein Netz von kartellähnlichen Interessengruppen und Umverteilungskoalitionen. Der marktwirtschaftliche Wettbewerb erlahmt, schließlich degeneriert die Gesellschaft zu einer unproduktiven „rent-seeking society“.

Britische Branchengewerkschaften ohne Rücksicht auf Verluste

Mit dieser Theorie wollte Olson auch das starke Wachstum in Japan und Deutschland nach 1945 erklären. Dort seien durch den Krieg und die Besatzung das Geflecht der etablierten Interessengruppen zerstört worden. Unter dem Druck der Alliierten wurden in Deutschland die Industrie dekartelliert und Märkte geöffnet.

Dagegen sah Olson Großbritannien, das in den 1970ern von schwerer Stagflation, Streiks und sozialen Konflikten gelähmt war, in einer historischen Sackgasse, weil dort eine Vielzahl schlagkräftiger und aggressiver Interessengruppen Wettbewerb und Strukturwandel blockierten. Anders als die deutschen Gewerkschaften, die relativ breit aufgestellt waren und daher negative Effekte ihrer Lohnforderungen auf die Gesamtwirtschaft mitbedachten, gingen die britischen Branchen- und Spartengewerkschaften ohne Rücksicht auf volkswirtschaftliche Verluste vor.

Das Buch über „Aufstieg und Niedergang von Nationen“ machte Olson berühmt und prägte die Debatte über die Eurosklerose in den 1980ern. Olson kritisierte die Verkrustung der Gesellschaft durch wettbewerbsfeindliche Interessengruppen und Besitzstandswahrer. Der Markt sei erstarrt, keynesianische Konjunkturpolitik laufe ins Leere. Skeptisch war er, ob die Senkung der Staatsquote, wie sie in Amerika Präsident Reagan anstrebte, ein entscheidender Faktor sei. Viel wichtiger sei es, die Macht der Monopole, Kartelle und Umverteilungskoalitionen zu brechen, damit eine neue produktive Dynamik entstehe.

Diese Logik wandte Olson auch auf Entwicklungsländer an. 1991 wurde er Direktor des neugegründeten Center on Institutional Reform and the Informal Sector (IRIS) an der Universität von Maryland, das zu einem bedeutenden entwicklungspolitischen Thinktank aufstieg. Vor allem Länder des ehemals kommunistischen Ostblocks, aber auch in Südamerika und Afrika hat Olson beraten, wie sie Korruption und Ineffizienz überwinden und Wege zu Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Marktwirtschaft finden könnten.

Die Frage, warum die Transformation – etwa in Russland – so schwierig ist, hat Olson in seinem postum erschienenen Buch „Power and Prosperity“ analysiert. Er sah den zähen Prozess als Spätfolge der noch zu Sowjetzeiten gewachsenen Seilschaften und Netzwerke von Interessengruppen, beispielsweise Betriebsleitern, die sich gegen den Wandel stemmten.

Die schonungslosen institutionenökonomischen Analysen Olsons haben nicht jedem gefallen und waren oft kontrovers, doch trafen sie meist einen wunden Punkt. Gleichzeitig blieb er Optimist, der an die Reformfähigkeit der Demokratien glaubte. Er war bekannt für seinen Humor und seine überraschenden Argumente. Aufgrund seiner grundlegenden Beiträge zur Theorie kollektiven Handelns galt er als Kandidat für den Wirtschaftsnobelpreis. Dazu kam es nicht mehr. Olson starb 1998, im Alter von nur 66 Jahren, infolge eines Herzinfarkts.

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