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Ludwig von Mises : Der letzte liberale Ritter

Ludwig von Mises (1881–1973) Bild: Archiv

Der verstorbene Ökonom Ludwig von Mises warnte vor billigem Geld: Erst produziert es eine Scheinblüte, dann ein Debakel, sagte er. Hat er die Krise vorhergesehen?

          Wer seine Augen nicht absichtlich schließt, muss überall die Anzeichen einer nahen Katastrophe der Weltwirtschaft erkennen“, schrieb Ludwig von Mises 1927 in seinem Buch „Liberalismus“, zwei Jahre vor Ausbruch der großen Weltwirtschaftskrise 1929. In den Augen seiner Anhänger war der Wiener Ökonom ein verkannter Prophet, der unbeugsame „letzte Ritter des Liberalismus“, der sich der Flut aus Sozialismus, staatlichem Interventionismus und Dirigismus entgegen stemmte.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Die große Wirtschaftskrise, die vor fünf Jahren begann, hat kaum ein Mainstream-Ökonom vorausgesehen. Man hätte aber erkennen können, was sich zusammenbraute, sagen die Anhänger der österreichischen Geld- und Konjunkturtheorie, die Mises vor hundert Jahren begründet hat. Sein Argument: Wenn die Zinsen zu niedrig gedrückt werden und zu viel Geld über Kreditschöpfung in die Wirtschaft kommt, folgt daraus ein ungesunder Boom. Das billige Geld wird für Investitionen genutzt, die eigentlich unrentabel sind. Wie verrückt wird gebaut und investiert, zudem zieht der Konsum an. Schließlich überhitzt der Boom, steigende Zinsen lassen die Blase platzen. Viele Projekte entpuppen sich als unfinanzierbare Fehlinvestitionen. Es folgt eine Rezession.

          Nach Mises ist es vor allem eine zu expansive Geldpolitik, die zu verhängnisvollen Boom-und-Bust-Zyklen führt. Die „Goldenen Zwanziger“ sah er als Scheinblüte an. Ob die folgende Krise nach 1929 wirklich aus vorigen inflationären Übertreibungen resultierte, darüber streiten Wirtschaftshistoriker allerdings. Milton Friedman, mit dem Mises gut bekannt war, war anderer Meinung. Dass die vor fünf Jahren geplatzte Immobilienblase in den Vereinigten Staaten und in der Euro-Peripherie aber mit einer zu expansiven Geldpolitik zu tun hat, wird heute wenig bezweifelt. Inzwischen wird als Fehler erkannt, dass die Makroökonomen sich kaum noch für Geldmengen interessierten. Strikte Mises-Anhänger propagieren aber eine radikale Lösung: Sie wollen das staatliche Papiergeldmonopol brechen. Dort liege der Kern vieler ökonomischer Fehlentwicklungen, die Quelle der Inflation.

          Die Planwirtschaft ist zu geringer Produktivität verdammt

          Ludwig von Mises, 1881 im galizischen Lemberg als Sohn eines Beamten geboren und in Wien aufgewachsen, war der radikalste Wirtschaftsliberale des 20. Jahrhunderts. Unnachgiebig beharrte er darauf, dass der Staat sich aus der Wirtschaft heraushalten solle.

          Berühmt wurde Mises mit dem Sozialismus-Streit. Wie eine Bombe schlug 1920 sein Aufsatz ein, in dem er darlegte, warum eine „rationale Kostenrechnung“ im Sozialismus nicht möglich sei. Weite Teile der linken Intelligenz waren von der bolschewistischen Revolution in Russland in freudig-erregte Erwartung versetzt worden. Mises’ Kritik zielte nun auf das Herzstück der sozialistischen Verheißung: dass die Wirtschaft nicht nur gerechter, sondern auch effizienter und rationaler geplant werden könne, wenn der „chaotische“ Kapitalismus überwunden werde.

          Frühere Sozialismus-Gegner hatten vor allem kritisiert, dass im Sozialismus Leistungs- und Arbeitsanreize fehlten, wenn man kein Privateigentum mehr erwerben dürfe. Mises brachte ein neues Argument: Ohne Privateigentum und marktwirtschaftlichen Tausch bilden sich keine Preise, welche die relative Knappheit von Gütern anzeigen. Ohne die Signalwirkung des Preissystems tappt der zentrale Planer aber im Dunkeln. Er kennt die relative Knappheit und Begehrtheit der Güter nicht.

          Die Planwirtschaft kann mithin keine effiziente Ressourcenverwendung erzielen. Sie ist zu Stagnation, geringer Produktivität und Innovation verdammt. Vor Mises hatte noch kein Ökonom mit so messerscharfen Argumenten erklärt, dass der Sozialismus zum Scheitern verurteilt ist. Außerdem warnte er in seinem Buch „Die Gemeinwirtschaft“, dass der Sozialismus auch politisch gefährlich sei, weil er zu Autoritarismus, ja Diktatur führe. Sein Freund Friedrich August von Hayek hat diese Gedanken später aufgegriffen und fortgeführt. Nach Hayek basiert der Sozialismus auf einer „Anmaßung von Wissen“. Ohne den Wettbewerb als Entdeckungsverfahren muss die Wirtschaft in Stagnation und Verfall enden.

          Mises’ Attacke gegen die Planwirtschaft erschütterte eine ganze Generation junger Ökonomen. Wilhelm Röpke etwa bekannte später, „ich wäre ein ganz anderer Typ Nationalökonom und Mensch geworden, wenn ich nicht zufällig auf das Buch ‚Die Gemeinwirtschaft‘ gestoßen wäre“. Und Hayek, als junger Mann sozialistisch angehaucht, schrieb: „Für keinen von uns, der das Buch bei seiner Ersterscheinung las, konnte die Welt je wieder die gleiche sein wie vor der Lektüre.“ Noch viele Jahre später versuchten sich sozialistische Ökonomen an einer Widerlegung von Mises’ Argument - letztlich gab ihm die Geschichte recht.

          Interventionsspiralen

          Eine große akademische Karriere hat Mises nicht gemacht. 25 Jahre arbeitete er in der Wiener Handelskammer, nebenbei lehrte er an der Universität, aber er erhielt nur eine unbezahlte, außerordentliche Professur. Als strikt marktwirtschaftlicher Jude war er ein doppelter Außenseiter im „roten Wien“ und an der Universität. 1934, als sich die Stimmung in Österreich politisch immer mehr aufheizte, ging er nach Genf an ein Universitätsinstitut. 1940 flüchtete er mit seiner Frau nach Amerika. Dort wurde er Gastprofessor an der New York University, doch sein Gehalt zahlte eine private Stiftung.

          Mises, der kompromisslose, zuweilen schroffe, aber auch liebenswürdig höfliche Liberale - sein Biograph Jörg Guido Hülsmann nennt ihn „den letzten Ritter des Liberalismus“ - blieb am Rande des Wissenschaftsbetriebs. Selbst mit Freunden gab es Konflikte, wenn sie seiner Linie nicht folgten. Legendär ist die Szene, wie Mises bei einer Debatte über den Goldstandard im Kreis der liberalen Mont Pèlerin Society mit dem Ruf „Ihr seid doch alles Sozialisten“ wutentbrannt aus dem Raum stürmte.

          Mises sah auch die nichtsozialistischen Länder auf einer schiefen Ebene mit lauter Interventionsspiralen. Greift der Staat an einer Stelle in die Wirtschaft ein, setzt Preise oder Mengen fest, so ziehe dies unweigerlich den nächsten Eingriff nach sich. Am Ende rutsche man in immer mehr Dirigismus. Beispiele für Interventionsspiralen gibt es genug, etwa in der Agrarpolitik. Garantiert der Staat Mindestpreise, folgt daraus Überproduktion. Am Ende gab es eine Agrar-Planwirtschaft mit tausend Quoten und Preisvorgaben.

          Auch in der Geldpolitik ist die Warnung vor einer Interventionsspirale berechtigt. Immer wieder werden Leitzinsen zu niedrig gesetzt, es bildeten sich Blasen. Doch statt eine schmerzhafte Bereinigung zuzulassen, versuchen die Zentralbanken wieder mittels ultraniedriger Zinsen gegenzusteuern. Nicht nur Mises-Anhänger sehen in der Billiggeldflut den Keim für die nächste Krise gelegt.

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