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José Ortega y Gasset : Lob des Überflüssigen

José Ortega y Gasset (1883–1955) Bild: akg-images

Der spanische Kulturphilosoph Ortega y Gasset sagt: Der Mensch arbeitet in Wirklichkeit nicht des Geldes wegen. Aus unserer Serie „Die Weltverbesserer“.

          Warum geht man überhaupt arbeiten? Warum verbringt jemand Tag für Tag im Büro oder in einer Fabrik, statt seinen Hobbys nachzugehen, draußen durch die Natur zu streifen oder irgendwo schön am Pool zu liegen? Die naheliegende Antwort ist: Weil man das Geld zum Leben braucht. Von dieser Vorstellung ist traditionell auch das Bild geprägt, das sich Ökonomen von der Arbeit machen: Der Mensch ist bereit, ein bestimmtes Maß an sogenanntem „Arbeitsleid“ auf sich zu nehmen, wenn er zum Ausgleich genug Lohn bekommt.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Aber trifft das wirklich die Gründe, warum wir einer Arbeit nachgehen? Vermutlich nicht vollständig. Das extreme Gegenteil wäre die Vorstellung von der Arbeit als „Selbstverwirklichung“. So sehen sie Philosophen wie Hegel: Erst durch die Arbeit komme der Mensch „zu sich selbst“ – so verwirklicht er sich.

          Der spanische Kulturphilosoph José Ortega y Gasset (1883–1955) hat diesen beiden gegensätzlichen Motiven für Arbeit einen dritten Ansatz gegenübergestellt – und kommt zu eigenwilligen Schlussfolgerungen.

          Er unterscheidet ganz grundsätzlich zwei unterschiedliche Arten von Tätigkeiten, die der Mensch betreibt: die „notwendigen“ und die „überflüssigen“. Notwendig ist aus seiner Sicht alles, was man zur Sicherung des Lebensunterhalts macht. Man muss Geld verdienen, um etwas zu essen zu haben, ein Dach über dem Kopf und etwas anzuziehen. Das objektiv Überflüssige dagegen sind für Ortega y Gasset andere Dinge, die nicht der Sicherung der physischen Grundbedürfnisse dienen – Literatur, Musik, Theater oder Kunst. Dazu stellt er die paradoxe These auf: Für den Menschen sei nur das objektiv Überflüssige notwendig.

          Mensch ist ein seltsames Wesen

          Was meint er damit? Zwar neige in gewissem Sinne schon die Natur bisweilen zum Überflüssigen, sagt Ortega y Gasset. So könne man sagen, dass zum Beispiel die Vögel im Frühjahr viel mehr zu singen pflegen, als es nach Charles Darwin für die biologische Arterhaltung eigentlich notwendig wäre. Aber erst der Mensch sei das seltsame Wesen, das überall und mit Inbrunst das Überflüssige tue. Er produziert Gedichte, Opern, Operetten und Ideologien. Er schmückt und schminkt sich, er durchwandert Eiswüsten und erklettert Berge. Er lässt sich auf waghalsige Wetten und Wettkämpfe ein, er spielt – und er fühlt sich bei alledem sogar noch wohl. Wenn er will, so kann der Mensch dabei erstaunliche Entbehrungen für seine Ziele in Kauf nehmen – und zumindest eine Zeitlang sogar auf das vermeintlich Lebensnotwendige verzichten.

          Umgekehrt ist der Mensch auch das Wesen, das völlig verzweifelt sein kann, auch wenn er das Notwendige hat und vollgestopft ist mit Futter in jedem Sinne – und am Ende trotzdem Selbstmord begeht. Das macht er in den seltensten Fällen, weil ihm das Notwendige fehlt, etwa Essen und Trinken. Eher wegen Dingen, die im weitesten Sinne zum Überflüssigen gezählt werden können: aus Liebeskummer oder wegen eines Ideals, aus Begeisterung oder Enttäuschung. Dazu passt die historische Erfahrung, dass die Selbstmordrate in Ländern mit zunehmendem Wohlstand eher steigt als fällt. Das Notwendige reicht dem Menschen offenkundig nicht zum Leben. Vielmehr, so folgert Ortega y Gasset, „ist für den Menschen nur das objektiv Überflüssige notwendig“.

          Arbeit aus der Sicht eines Künstlers

          Die Vorstellung des Spaniers von Arbeit ist die eines Künstlers, eines Kreativen. So ähnlich wie auch Hegel einen bestimmten Typus von Arbeit im Kopf hatte – das Tagwerk eines Intellektuellen, der sich philosophierend die Welt erarbeitet. Dagegen hatten die Ökonomen bei ihrer Theorie vom Arbeitsleid eher jemanden im Kopf, der eine relativ stumpfsinnige Tätigkeit mit viel Mühe und Last erledigt, wie ein Fabrikarbeiter im 19. Jahrhundert. Wer heute über seine eigene Arbeit nachdenkt, findet wahrscheinlich Elemente der unterschiedlichen Modelle.

          Dass Ortega y Gasset sich Arbeit als kreative Tätigkeit vorstellt, ist konsequent: Das entsprach seinem eigenen Leben. Zeitgenossen schildern den klassisch gebildeten Professor für Metaphysik, Philosophie und Literatur als „einen der anregendsten Gesprächspartner“, der ständig „Gedanken wie Pfeile“ abschieße. Er pflegte die Tradition der „Tertulia“ – einer Art künstlerischer Gesprächsrunde, ähnlich den literarischen Salons früherer Zeiten. Der tägliche Austausch mit Freunden und Kollegen gehörte zu seinem Arbeitsprogramm. Er verstand sich als „Philosoph auf dem Marktplatz“ – als öffentlicher Intellektueller.

          Politisches Engagement in Spanien

          Das Leben von José Ortega y Gasset war überaus bewegt. Geboren wurde er 1883 in Madrid als Sohn eines Journalisten. Seine Kindheit war von dem Geräusch und dem Vibrieren einer Druckerpresse geprägt, wie er sich später erinnert: Verlag und Druckerei der Zeitung, deren Chefredakteur sein Vater war, befanden sich unmittelbar unter der Privatwohnung.

          Nach dem Besuch des Jesuitenkollegs studierte er Philosophie und Literatur in Madrid, Berlin, Leipzig und Marburg. Zeit seines Lebens interessierten ihn Deutschland und sein Geistesleben besonders – und er wollte daraus für Spanien Gewinn ziehen.

          Wie seine Theorie der Arbeit, so ist vieles im Werk Ortega y Gassets sehr elitär. „Aufstand der Massen“ ist sein Hauptwerk: Darin warnt er, die Massen benötigten die Eliten, damit ihre Herrschaft nicht „brutal“ werde. Politisch engagierte er sich Anfang der 30er Jahre in Spanien für die Republik – und er war sogar Abgeordneter in der Nationalversammlung.

          Lehrgenehmigung trotz Ablehnung der Diktatur

          Mit Ausbruch des spanischen Bürgerkrieges flüchtete er zunächst nach Paris, später nach Holland, Portugal und sogar nach Argentinien. Seit 1949 lehrte er wieder in Madrid. Und zwar mit besonderer Genehmigung Francos: Der Diktator versuchte, ihn zu vereinnahmen – obwohl Ortega y Gasset die Diktatur stets abgelehnt hatte. Nach dem Krieg hielt er auch wieder zahlreiche Vorträge in Deutschland und diskutierte unter anderem mit Martin Heidegger. 1955 starb er an Krebs, kurz nach einer Aussöhnung mit der Kirche.

          Neben dem künstlerischen Leben lobte Ortega y Gasset in seinen vielen Schriften auch das journalistische Arbeiten als kreativ. „Der Zeitungs- und Zeitschriftenartikel ist eine unentbehrliche Form des Geistes“, schrieb er. „Wer ihn pedantisch verachtet, hat nicht die geringste Vorstellung von dem, was sich heute abspielt.“

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