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Kaspar Klock : Der Vater der guten Staatsfinanzen

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Kaspar Klock (1583-1653) Bild: Stadtarchiv Trier

Kaspar Klock hat in lateinischer Sprache die deutsche Steuerlehre begründet. Er plädierte für gerechte Steuern – und deren sparsame Verwendung.

          Er wird oft als wichtigster Begründer der deutschen Steuerlehre benannt. Sie legte die Grundlage für die Smithsche Finanzwissenschaft. Kaspar Klock, 1583 in Soest geboren und 1653 in Braunschweig gestorben, war ein im praktischen Leben sehr erfolgreicher Jurist und als Berater vom Kaiser in den Grafenstand erhoben. Er war nacheinander Kanzler dreier Fürstentümer und schließlich der vielgelesene Autor immer umfänglicherer lateinischer Werke über öffentliche Finanzen.

          Sie begannen mit einer knappen Dissertation, verteidigt in Basel 1608, und endeten mit dem riesenhaften De Aerario, einem „Tractatus juridico-politico-polemico-historicus“. Diesen verfasste er unter unendlichen Mühen, umgeben von den Schrecken des Dreißigjährigen Kriegs, deren Beschreibungen immer wieder einfließen. Er trägt eine erschlagende Fülle an Material zusammen.

          Wie alle namhaften Kameralisten suchte er nach einer gerechten, auf Leistung beruhenden, ohne großen Verwaltungsaufwand zu überwachenden Form der Besteuerung. Er musste, da es dafür scharfe Begriffe noch nicht gab, das Ziel mit Hilfsvorstellungen beschreiben wie der geometrischen Proportion (Beispiel: Wie die Leistung, so die Besteuerung) oder der Sorge der Mutter für ihre Kinder (Beispiel: Dem Größeren gebührt mehr Nahrung, aber er soll auch mehr arbeiten).

          Förderung des Gemeinwohls

          So näherte er sich progressiver Besteuerung und Leistungsgerechtigkeit, warnte vor indirekten Steuern, welche vor allem die Armen belasten und das Existenzminimum gefährden, und zeigte, dass die Besteuerung dem Entwicklungsstand angepasst werden muss; in den reichen Niederlanden waren indirekte Steuern eher akzeptabel, weil die Löhne unter geregelten Verhältnissen das Existenzminimum garantierten, die indirekte Steuer also letztlich auf die Arbeitgeber fiel, was im Elend des kriegszerstörten Deutschlands nicht der Fall war: Da hatte eine Überlast der Steuern Hunger zur Folge.

          Aber es ging ebenso um die sinnvolle Verwendung der Finanzen, nicht für fürstliche Verschwendung, sondern zur Förderung des Gemeinwohls; der Reichtum aller hob dann auch den Glanz des Hofes.

          Klock setzte seinem Werk die Krone auf, indem er der systematischen Erörterung wirtschaftlicher Produktion und der Steuerquellen im zweiten Buch ein erstes über alle Länder der Welt mit ihren Steuersystemen gegenüberstellte, um zu zeigen, dass sich im Wesen der staatlichen Finanzen Geschichte und Kultur ausdrückten. Oder, wie er schrieb, die Volksnatur, die Lebensbedingungen des Volkes, die klimatischen und geographischen Gegebenheiten, die Sitten.

          Beschreibungen reichten bis nach Afrika

          Die Beschreibung „aller“ Länder der Welt war wörtlich gemeint. Er begann beim vorbildlichen Rom unter Augustus, verglich als in Marburg erzogener Protestant das Rom des Papstes mit schlechtestem Essig, aus bestem Wein gemacht, und wandte sich dem Reich zu, dessen Elend er auf den Verlust der italienischen Provinzen unter Karl IV. letztlich zurückführte. Nun musste er sich doch mit dessen katholischen Institutionen zurechtfinden und fragen, wie es der von Frankreich vorgelebten nationalen Einigkeit und Macht näher kommen könne. Er beschrieb das damals sehr protektionistische England, die verhältnismäßig demokratischen Verhältnisse in der schwedischen Monarchie, die gefährliche Machtlosigkeit der polnischen Adelsrepublik, die Sklaverei der Türken und den rücksichtslosen und egoistischen Staatshandel des „Magnus Dux“ von Moskau.

          An jedem Land wurde ein anderes historisches Prinzip anschaulich erklärt, da es reine Theorie noch nicht gab. China galt ihm als das politischste Reich der Erde, wo die Steuern zum Zentrum flossen, aber vom Kaiser auch wieder ausgegeben werden mussten: So erklärte er den Kreislauf. Seine Beschreibungen reichten auch nach Afrika. Das Reich der Äthiopier war altehrwürdig, aber unterentwickelt. Sie hatten Hanf, aber machten kein Tuch daraus, bei ihnen wuchs Zuckerrohr, aber sie wussten nicht, es zu Zucker weiter zu verarbeiten. Ein ganzes Kapitel gilt einem weithin vergessenen Königreich Kongo.

          So war Klock nicht nur der Pionier der Finanzwissenschaft, als der er in Lehrbüchern genannt wird, sondern, mit seinem barocken Überschwang, seinen üppigen Zitaten aus den Gedichten der Alten und eigenen Versen, auch ein Vollender des Programms der Historischen Schule, bevor diese entstand. Denn es gelang ihm, den Zusammenhang nicht nur von technischen Institutionen und wirtschaftlichen Abläufen, sondern von wirtschaftlichem Denken und allgemeiner Kultur für die entstehende Welt des modernen Kapitalismus anschaulich zu beschreiben. Er umriss sein Vorgehen mit knappen Begriffen programmatisch, die denen der Wirtschaftsstilanalyse von Sombart, Weber, Spiethoff, Müller-Armack und Salin gleichen.

          Man staunt, ja man erschrickt, wie sehr seine Charakterisierungen von Ländern, wirtschaftlichem und politischem Verhalten heute noch zutreffen, und man ahnt, dass keine Verfassung Europas die Integration vollenden kann, die diese Tradition nicht kennt und ihre Vielfalt nicht angemessen berücksichtigt.

          Der Autor lehrt Volkswirtschaftslehre an der Goethe-Universität in Frankfurt.

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