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Joseph Schumpeter : Vergesst mir die Banken nicht!

Joseph Schumpeter (1883 bis 1950) Bild: Ullstein

Joseph Schumpeter hat in seiner Theorie den „schöpferischen Zerstörer“ mit der Finanzwirtschaft zusammengebracht. Jeder Pionier braucht Banker. Aus unserer Serie „Die Weltverbesserer“.

          Der österreichische Ökonom Joseph A. Schumpeter (1883 bis 1950) ist vor allem durch seinen Begriff der „schöpferischen Zerstörung“ bekannt geblieben. Damit ist der für das langfristige wirtschaftliche Wohlergehen der Menschen vorteilhafte Prozess der Entstehung innovativer Pionierunternehmen zu sehen, die mit neuen Produkten oder Produktionsverfahren ältere und weniger leistungsfähige Unternehmen aus dem Wettbewerb trennen. Weniger bekannt ist geblieben, dass sich Schumpeter diese Prozesse nicht ohne die Mitwirkung von Banken vorstellen konnte. „Kapitalismus ist jene Form privater Eigentumswirtschaft, in der Innovationen mittels geliehenen Geldes durchgeführt werden“, schrieb Schumpeter in seinem Spätwerk über Konjunkturzyklen.

          In diesem Satz sind die drei konstitutiven Bestandteile des Kapitalismus in der Lesart Schumpeters vereint: Privateigentum, unternehmerische Initiative sowie Finanzierung durch Banken.

          Sieben Jahre nach Ausbruch einer verheerenden Finanzkrise wird die Feststellung, dass Banken und Finanzmärkte im Ablauf der vergangenen 100 Jahre in den jeweils dominierenden ökonomischen Theorien keine oder fast keine Rolle gespielt haben, heute Kopfschütteln hervorrufen. Schumpeter gehörte zu den Ökonomen, die dafür kämpften, dass der Finanzsektor einer Wirtschaft in den Lehrbüchern die ihm geziemende Aufmerksamkeit findet.

          Das Bankfach erfordert „intellektuelle und moralische Qualitäten“

          Schumpeters innovative Pionierunternehmer waren nicht die etablierten Konzerne, sondern junge Leute, die erst einmal nicht mehr besaßen als eine Idee. Schumpeter hat den Aufstieg des Silicon Valley nicht mehr miterlebt, aber er hätte ihn zweifellos in seiner Vorstellung von jungen Pionieren unterstützt. Diesen Unternehmern stellte er Banken zur Seite, die ohne Lenkung durch den Staat durch Kreditschöpfung Geld bereitstellen würden.

          Schumpeter lebte in einem Zeitalter, in dem sich das Bankwesen mächtig entwickelte und Großbanken entstanden, die Industrieunternehmen ins Ausland begleiteten und internationale Finanzierungen organisierten. Sein Idealbild einer Bank war nicht das traditionelle kleine Privatbankhaus, das überwiegend vorsichtig agierte, sondern eine moderne Aktienbank, in der Manager bereit waren, Fachkompetenz mit dem Mut zur Kreditvergabe auch an Pioniere zu verbinden. Es handelte sich um eine Arbeit, die nach seiner Auffassung „intellektuelle und moralische Qualitäten erfordert, die nicht bei allen Leuten vorhanden ist, die das Bankfach einschlagen“. Um seine symbiotische Beziehung von Unternehmer und Banker baute Schumpeter eine eigene Konjunkturtheorie. Wirtschaftliche Katastrophen, so befand er, würden vor allem durch Banken ausgelöst.

          Worte in Zeiten der Mathematisierung

          Schumpeter, der in den frühen zwanziger Jahren als Vorstand einer Wiener Privatbank wegen unvorsichtiger Kreditvergabe gescheitert war, hat die Wirtschaftstheorie seiner Zeit mit seinen Analysen zur Rolle der Banken nicht wesentlich befruchten können. Dies erklärt sich zum einen mit seinem Charakter: Schumpeter war ein Solitär, der sich wenig um Schüler bemühte und daher im Unterschied zu seinem Altersgenossen John Maynard Keynes auch keine eigene Schule bilden konnte.

          Zudem war, was Schumpeter in späten Schriften konzedierte, seine Annahme über die Finanzierungspraxis von Banken nicht sehr realitätsnah. Banken vergeben Kredite aus allen möglichen Gründen, aber selten an junge Pionierunternehmer, weil sie die Risiken einer solchen Kreditvergabe schwer einschätzen können. Wer unternehmerische Neulinge finanzieren will, wird eher Eigenkapital als einen Kredit in die Hand nehmen.

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