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John Stuart Mill : Ein Kämpfer für die Freiheit

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John Stuart Mill (1806 - 1873) Bild: Reproduktion ddp

John Stuart Mill meint, der Kapitalismus kann glücklich machen. Damit das funktioniert, forderte er Bildung, Gleichberechtigung und Erbschaftssteuern.

          Es gibt Leute, denen wird das Weltverbessererdasein geradezu in die Wiege gelegt. John Stuart Mill gehört dazu. Der englische Philosoph, Ökonom und Politiker kommt 1806 als ältestes von neun Kindern in London zur Welt. Der beste Freund seines Vaters James Mill, selbst ein Vordenker des Liberalismus, ist der Ökonom David Ricardo, dessen Erkenntnisse bis heute die theoretische Grundlage des Freihandels bilden. Der radikale Reformer Jeremy Bentham, bekannt für seine Schriften zur Philosophie des Utilitarismus, geht bei den Mills ein und aus. Alle kämpfen sie für die individuelle Freiheit, freie Märkte, eine nach rationalen Prinzipien ausgerichtete Gesellschaftsstruktur und die mehr oder weniger ungezügelte Verfolgung persönlicher Interessen und Gelüste. Ihre Gegner sind gesellschaftliche Konventionen, überholte Moralvorstellungen und die Kirche.

          An dem jungen John Stuart probiert James Mill seine Theorien aus. Der Sohn soll der ideale Bewohner der neuen Gesellschaft werden: hoch gebildet, aufgeklärt, von der Vernunft geleitet. Als Dreijähriger lernt Mill Griechisch, mit sieben liest er Platon und mit 13 Ricardos Prinzipien der politischen Ökonomie. Als er Anfang 20 ist, erleidet er den ersten von mehreren depressiven Zusammenbrüchen und erkennt: Der Vater und seine Freunde haben in ihren rationalen Theorien einen entscheidenden Punkt vergessen - das Glück des Einzelnen.

          Fortan beschäftigt sich Mill damit, welche sozialen und ökonomischen Bedingungen eine Gesellschaft erfüllen muss, um es möglichst vielen ihrer Mitglieder zu ermöglichen, ihre Persönlichkeit frei von äußeren Zwängen zu entfalten. Berühmt geworden ist sein Freiheitsbegriff. Danach gibt es nur eine einzige Rechtfertigung für Staat und Gesellschaft, die Freiheit des Einzelnen einzuschränken: wenn damit Schaden von anderen abgewendet wird. Maßgeblich beeinflusst von seiner Freundin und späteren Ehefrau Harriet Taylor, lag Mill auch die Selbstbestimmung der Frau am Herzen: Die Freiheitsrechte sollten für alle gelten, unabhängig vom Geschlecht.

          Mill wollte das System retten

          Auch Mills ökonomische Theorie ist von seinem Glauben an das Ideal der Selbstverwirklichung geprägt. Obgleich er wie sein Vater ein Anhänger der klassischen ökonomischen Theorie Ricardos war, störte er sich daran, wie ungleich Reichtum und Lebenschancen im kapitalistischen System seiner Zeit verteilt waren. Anders als einige seiner Zeitgenossen sah er diese Zustände nicht als naturgegeben. Die vorherrschenden Institutionen und Theorien, war Mill überzeugt, hatten die Menschen derart in ihrem Egoismus und Gewinnstreben bestärkt, dass sie vergessen hatten, sich höhere moralische Ziele zu suchen: „Sowohl die unkultivierte Herde, die heute die arbeitende Klasse stellt, als auch der Großteil ihrer Arbeitgeber“ mussten Mills Einschätzung nach erst einmal ihren Charakter umkrempeln, bevor die Gesellschaftsordnung, die ihm vorschwebte, eine Chance hatte.

          Die kapitalistische Produktionsweise, wie sie zu seiner Zeit üblich war, konnte nach Mills Ansicht zwar für eine begrenzte Zeit wachsenden Wohlstand bescheren, würde langfristig aber nicht nur Unglück, sondern auch Verarmung hervorbringen: Übermäßige Geburtenzahlen und ein ruinöser Wettbewerb der Arbeiter und Kapitalisten untereinander würden dafür sorgen, dass die Löhne der Arbeiter nur noch gerade eben zum Leben reichten und die Kapitalisten minimale Profite machten. Nur die Eigentümer bestimmter Rohstoffquellen könnten dank ihrer Monopolstellung noch nennenswerte Gewinne erwarten.

          Zwar hatte Mill Hoffnung, dass etwa technische Fortschritte diesen Prozess verlangsamen könnten, doch tendenziell sah er jede entwickelte kapitalistische Gesellschaft in Gefahr, auf diese Art zu enden. Abschaffen wollte er den Kapitalismus jedoch nicht. Tiefgreifende gesellschaftliche Reformen und eine Abkehr vom reinen Eigennutz sollten das System retten. Mit den richtigen Prioritäten, fand Mill, könne das kapitalistische Wirtschaftssystem so gestaltet werden, dass alle davon profitierten, ohne die Grundidee freier Märkte aufzugeben.

          Um das zu erreichen, forderte er vor allem, die Idee des Privateigentums endlich ernst zu nehmen. Darunter verstand Mill das Recht jedes Einzelnen auf die Früchte seiner Arbeit oder Sparsamkeit.

          Er kämpfte bis zuletzt

          Aus dieser Definition leitete er eine Reihe politischer Empfehlungen ab. Nicht selbst erarbeiteter Wohlstand, wie etwa Erbschaften oder die Kontrolle über Rohstoffe, die jemand zufällig auf seinem Land fand, fiel zum Beispiel nicht unter dieses Recht - diese Erträge sollte der Staat stark besteuern und zum Wohle der Allgemeinheit einsetzen. Eine staatliche Geburtenkontrolle sollte ein Überangebot an Arbeitern verhindern, damit der Wohlstand für alle reichte. Außerdem war Mill der Ansicht, dass Profite gleichmäßiger unter Arbeitern und Kapitalisten aufgeteilt werden sollten, etwa durch die Beteiligung der Arbeiter am Unternehmen. An den Aktienoptionen der Google-Masseusen hätte er wohl seine helle Freude gehabt.

          Doch mit Umverteilung allein war die Gesellschaft noch nicht zum Besseren zu verändern. Die Leute sollten den Wohlstand, den ihnen die wirtschaftlichen Reformen bescheren würden, auch richtig einsetzen: im Sinne einer Bildung nach aufklärerischen Idealen. In dieser Hinsicht war der freiheitsliebende Mill sehr elitär. Eigentlich überzeugter Demokrat, plädierte er dennoch dafür, Gebildeten und Vermögenden (von deren höherer Bildung er ausging) zusätzliche Stimmen bei Wahlen zu geben. Für Bürger, die sich dem Auftrag zur Bildung und Selbstverwirklichung entzogen und etwa ihre Kinder nicht zur Schule schickten, forderte er harte Strafen. Er arbeitete jahrzehntelang für die East India Company und verteidigte den britischen Kolonialismus zeitlebens als „zivilisierend“.

          Mill schwebte eine Gesellschaft vor, in der „viel mehr Menschen als heute ausreichend Zeit und Mittel haben, um sich den schönen, wertvollen Dingen des Lebens zu widmen“. Dafür kämpfte er bis zuletzt. Noch in seinen letzten Lebensjahren zog er ins Parlament ein. Wenig später flog er wieder hinaus: Seine Ideen waren den viktorianischen Abgeordneten einfach zu radikal.

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