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Jared Diamond : Vergesst die Erdkunde nicht!

Jared Diamond (Jahrgang 1937) Bild: ALBERTO CRISTOFARI/A3/CONTRASTO/

Reichtum und Armut der Nationen haben viel mit Geographie zu tun, predigt Jared Diamond seit Jahren. Die These ist so plausibel wie umstritten. Aus unserer Serie „Die Weltverbesserer“.

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          Die großen Fragen sind es, die Jared Diamond beschäftigen: Warum sind einige Nationen zu Reichtum gekommen und einige arm geblieben? Warum sind einige Kulturen untergegangen, während sich andere gehalten haben? Warum haben Europäer Amerika, Afrika und Teile Asiens erobert? Es hätte ja auch andersherum laufen können.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          In solchen Dimensionen hat Diamond allerdings nicht immer gedacht: Er war als ausgebildeter Physiologe Spezialist für zwei veritable Orchideendisziplinen. Bestens kannte er sich mit der menschlichen Gallenblase aus und welche Rolle Natrium für ihre Funktionsweise spielte. Und er war und ist ein Spezialist für die Vogelwelt in Neuguinea.

          Dann, im Jahr 1985, erhielt der Harvard-Absolvent den „Genius Grant“ der MacArthur Foundation, mit dem die renommierte Stiftung außergewöhnlich talentierte, kreative und originelle Persönlichkeiten auszeichnet und mit einer Million Dollar belohnt. Der Preis versetzte Jared Diamond in tiefe Depressionen, statt ihn zu beflügeln, räumte er in einem Gespräch mit der britischen Zeitung „The Guardian“ ein. Denn für ihn spiegelt die Auszeichnung die Erwartungshaltung der Gesellschaft wider, sein großes Talent nicht an Nichtigkeiten zu vergeuden.

          Europa ist von der Umwelt begünstigt

          Zusätzlich angespornt, den Rahmen seiner Betrachtungen zu erweitern, fühlte er sich nach eigenen Angaben durch die Geburt seiner Zwillinge im Jahre 1987. Danach gab er die Laborarbeit und damit den scharfen Blick auf die Gallenblase – nicht aber die Vögel Neuguineas – auf, um sich größeren Menschheitsfragen zu widmen. Vier seiner Sachbücher, die er verfasste, sollten Furore machen und ein großes Publikum erreichen. Und jedes einzelne provozierte Kritik. „Der dritte Schimpanse“, „Arm und Reich. Die Schicksale menschlicher Gesellschaften“, „Kollaps“ und „Vermächtnis: Was wir von traditionellen Gesellschaften lernen können“ heißen die Titel, die Millionenauflagen erreicht haben.

          Diamonds große Idee ist vor allem in seinem Erfolgsbuch „Arm und Reich“ verewigt: Sie besagt, dass Umwelteinflüsse im weiteren Sinne das Schicksal von Nationen in weit stärkerem Maße bestimmen als allgemein angenommen. So erklärt er den wirtschaftlichen Erfolg der Bewohner Europas weitgehend durch geographische Gunst. Europa, oder genauer Eurasien, verfügte über gute Böden sowie viele domestizierbare Tiere und Pflanzen. So konnten Ackerbaugesellschaften entstehen, sich erste größere Siedlungen formieren und politische Macht konzentrieren.

          Diamond legt außerdem großen Wert auf einen Sondereffekt der Landwirtschaft, der die militärischen Erfolge der Eurasier erklärt: Krankheitserreger. Die viehhaltenden Gesellschaften entwickelten Immunität gegen Krankheiten, die das Vieh in sich trug. Das gab ihnen einen entscheidenden Vorteil bei der Eroberung neuer Gebiete. Denn nicht die Überlegenheit bei Bewaffnung und Organisation hat dabei den Ausschlag gegeben, sagt Diamond, sondern die tödliche Ansteckung mit Krankheiten.

          Paradebeispiel Osterinseln

          So sind in der Tat gerade die Ureinwohner des amerikanischen Kontinents durch eingeschleppte Pocken und andere Krankheiten stark dezimiert worden. Ein geographisches Privileg hat in dieser Perspektive letztlich den Erfolg der Eurasier möglich gemacht, nichts, worauf man stolz sein kann.

          Die Zunft der Anthropologen reagierte gleichwohl unwirsch auf Diamonds Analysen. Er propagiere einen geographischen Determinismus, der die Menschen jeglicher Verantwortung und Schuld enthebe für Imperialismus, Kolonisation und Unterdrückung. Das war schon ziemlich harsche Kritik. Die sollte sich noch verstärken nach seinem Buch „Kollaps“.

          Darin untersucht Diamond, warum Nationen und Kulturen untergegangen sind, während andere überlebt haben. Sein schlagendes Beispiel ist der Untergang der Urbevölkerung auf den Osterinseln. Die Inselbewohner entwaldeten ihr Habitat, führten Ressourcen-Kriege, praktizierten Kannibalismus und löschten sich schließlich aus. Das Fazit seiner Analyse: Die Leute auf den Osterinseln begingen ökologischen Selbstmord. Er würde aber nicht bestreiten, dass die Leute eine Wahl haben. Dafür führt er das Beispiel Island an, das durch Beschränkung der Schafzucht die Bodenerosion stoppte und damit die Landwirtschaft sicherte. Wenn wir nicht besser auf unsere Erde und vor allem auf das Klima aufpassen, droht Schlimmes.

          Zu einseitige Fixierung auf die Umweltbedingungen

          Die Kritik an diesem Werk kam aus zwei Richtungen. Die einen bestritten, dass der Untergang der Osterinsel-Kultur vor allem ökologische Ursachen hatte. Die anderen kritisierten, jetzt sind die armen Leute für ihren Untergang selbst verantwortlich. Die jüngsten Gegner der Jared-Diamond-Thesen sind zwei berühmte Ökonomen: Daron Acemoglu und James Robinson, die in ihrem Buch „Warum Nationen scheitern“ ganz andere Antworten finden als Diamond. Ihre Kernthese lautet, sogenannte gute Institutionen allein stiften Wohlstand, geographische Faktoren wie Klima oder Bodenbeschaffenheit spielen keine Rolle. Ihr bestes Beispiel: Durch die Stadt Nogales geht die mexikanisch-amerikanische Grenze. Der Norden der Stadt floriert, der mexikanische Süden darbt trotz identischer geographischer Voraussetzung.

          Wie passt das in Diamonds Modell? Er sagt, dass gute Institutionen zweifellos zentral sind, um den Wohlstand von Nationen zu erklären. Der wichtigste Faktor aber, der das Aufkommen guter Institutionen begünstige, seien historisch gewachsene zentrale Regierungen, die in der Regel wiederum die Folge geographischer Gunstbedingungen sind.

          Diamond größtes Verdienst liegt in der Popularisierung der großen existentiellen Themen und in der Fähigkeit, über enge Fachdisziplinen hinwegzuspringen. Seine unstillbare Neugier spiegelt sich auch in seinem Hobby, Sprachen zu erlernen. Elf davon spricht er inzwischen, darunter deutsch, italienisch und Stammessprachen in Neuguinea.

          Dass er mit breitem Pinsel malt und gelegentlich zu monokausalen Erklärungen neigt, verübeln ihm die Wissenschaftler, vor allem jene mit konkurrierenden Erklärungsansätzen. In der Geschichtswissenschaft wird seit einiger Zeit eine Debatte geführt. Einige Historiker finden, dass Faktoren wie das Wetter oder das Klima zu wenig Berücksichtigung in der Geschichtswissenschaft gefunden haben. Der Aufstieg der Mongolenreiche lasse sich in einen Zusammenhang bringen mit Dürren und harten Wintern. Diamond geht zu weit, wenn er nahezu alles aus Umwelteinflüssen heraus zu erklären sucht, sagt der Geschichtswissenschaftler Nicola di Cosmo von der Princeton University. Recht habe er aber, wenn er Historikern die Missachtung von Umwelteinflussen vorwerfe.

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