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Jared Diamond : Vergesst die Erdkunde nicht!

Die Zunft der Anthropologen reagierte gleichwohl unwirsch auf Diamonds Analysen. Er propagiere einen geographischen Determinismus, der die Menschen jeglicher Verantwortung und Schuld enthebe für Imperialismus, Kolonisation und Unterdrückung. Das war schon ziemlich harsche Kritik. Die sollte sich noch verstärken nach seinem Buch „Kollaps“.

Darin untersucht Diamond, warum Nationen und Kulturen untergegangen sind, während andere überlebt haben. Sein schlagendes Beispiel ist der Untergang der Urbevölkerung auf den Osterinseln. Die Inselbewohner entwaldeten ihr Habitat, führten Ressourcen-Kriege, praktizierten Kannibalismus und löschten sich schließlich aus. Das Fazit seiner Analyse: Die Leute auf den Osterinseln begingen ökologischen Selbstmord. Er würde aber nicht bestreiten, dass die Leute eine Wahl haben. Dafür führt er das Beispiel Island an, das durch Beschränkung der Schafzucht die Bodenerosion stoppte und damit die Landwirtschaft sicherte. Wenn wir nicht besser auf unsere Erde und vor allem auf das Klima aufpassen, droht Schlimmes.

Zu einseitige Fixierung auf die Umweltbedingungen

Die Kritik an diesem Werk kam aus zwei Richtungen. Die einen bestritten, dass der Untergang der Osterinsel-Kultur vor allem ökologische Ursachen hatte. Die anderen kritisierten, jetzt sind die armen Leute für ihren Untergang selbst verantwortlich. Die jüngsten Gegner der Jared-Diamond-Thesen sind zwei berühmte Ökonomen: Daron Acemoglu und James Robinson, die in ihrem Buch „Warum Nationen scheitern“ ganz andere Antworten finden als Diamond. Ihre Kernthese lautet, sogenannte gute Institutionen allein stiften Wohlstand, geographische Faktoren wie Klima oder Bodenbeschaffenheit spielen keine Rolle. Ihr bestes Beispiel: Durch die Stadt Nogales geht die mexikanisch-amerikanische Grenze. Der Norden der Stadt floriert, der mexikanische Süden darbt trotz identischer geographischer Voraussetzung.

Wie passt das in Diamonds Modell? Er sagt, dass gute Institutionen zweifellos zentral sind, um den Wohlstand von Nationen zu erklären. Der wichtigste Faktor aber, der das Aufkommen guter Institutionen begünstige, seien historisch gewachsene zentrale Regierungen, die in der Regel wiederum die Folge geographischer Gunstbedingungen sind.

Diamond größtes Verdienst liegt in der Popularisierung der großen existentiellen Themen und in der Fähigkeit, über enge Fachdisziplinen hinwegzuspringen. Seine unstillbare Neugier spiegelt sich auch in seinem Hobby, Sprachen zu erlernen. Elf davon spricht er inzwischen, darunter deutsch, italienisch und Stammessprachen in Neuguinea.

Dass er mit breitem Pinsel malt und gelegentlich zu monokausalen Erklärungen neigt, verübeln ihm die Wissenschaftler, vor allem jene mit konkurrierenden Erklärungsansätzen. In der Geschichtswissenschaft wird seit einiger Zeit eine Debatte geführt. Einige Historiker finden, dass Faktoren wie das Wetter oder das Klima zu wenig Berücksichtigung in der Geschichtswissenschaft gefunden haben. Der Aufstieg der Mongolenreiche lasse sich in einen Zusammenhang bringen mit Dürren und harten Wintern. Diamond geht zu weit, wenn er nahezu alles aus Umwelteinflüssen heraus zu erklären sucht, sagt der Geschichtswissenschaftler Nicola di Cosmo von der Princeton University. Recht habe er aber, wenn er Historikern die Missachtung von Umwelteinflussen vorwerfe.

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