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János Kornai : Der Verräter des Sozialismus

János Kornai, ungarischer Wirtschaftswissenschaftler Bild: MTI/MTVA

János Kornai war der erste Ökonom im Osten, der die Planwirtschaft kritisierte. Dafür wurde er von den Kommunisten gehasst – und hat doch ihr Denken tief beeinflusst.

          Für viele linke Intellektuelle im Westen war es ein Schock, als die Staaten und Volkswirtschaften des Ostblocks 1989/90 kollabierten. Insgeheim hatten sie geglaubt (manche bis heute), dass der Sozialismus irgendwie ein überlegenes, zumindest humaneres Wirtschaftssystem sei – verglichen mit dem ausbeuterischen Kapitalismus. Für János Kornai kam der Zusammenbruch nicht überraschend. Der ungarische Ökonom hatte schon früh die Schwächen, Widersprüche und letztlich die Unmöglichkeit des sozialistischen Plansystems erkannt.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Als grundlegende Fehler erkannte Kornai die Tendenz zur „Überzentralisierung“ sowie „weiche Budgetbeschränkungen“ für die Staatskonzerne. Kornais Kritik ist immer noch aktuell, weil es bis heute in einigen Bereichen „weiche Budgetbeschränkungen“ gibt, die zu Fehlentwicklungen und Verwerfungen führen. Selbst die Finanzkrise ist zum Teil damit erklärbar.

          Kornai war anfangs kein Sozialismus-Kritiker

          Was hat Kornai mit „soft budget constraint“ gemeint? In einer funktionierenden Marktwirtschaft müssen Unternehmen, die dauerhaft Verluste machen, aus dem Markt ausscheiden. Es gibt eine harte Budgetbeschränkung. Diese ist ein Selektionsmechanismus: Ineffiziente Unternehmen verschwinden. Im Sozialismus hingegen erhalten defizitäre Staatsunternehmen Zuschüsse und Subventionen, die Fehlbeträge ausgleichen.

          Zwar experimentierten reformsozialistische Länder mit Anreizsystemen. Doch keines war so stark wie die marktwirtschaftliche Disziplin, die zu mehr Leistung und Innovationen antreibt. Dem Sozialismus fehlt es an Fortschrittsdynamik, die Planung bleibt wirr und ineffizient. Kornais Buch „The Economics of Shortage“ (1980) über die chronische Mangelwirtschaft im Sozialismus verbreitete sich im Ostblock. Junge russische Ökonomen bezeichneten es bald als ihre „Bibel“. Jegor Gajdar, in der späten Sowjetzeit Wirtschaftsressortleiter der „Prawda“ und in der Reformära Anfang der neunziger Jahre russischer Ministerpräsident, sagte über Kornai: „Der einzige lebende Ökonom, der für sich in Anspruch nehmen darf, die Anschauungen einer ganzen Generation im Kommunismus beeinflusst zu haben, ist Kornai. Er hat das System der Zentralplanung peinlich genau seziert und seine Irrationalität und selbstzerstörerische Kraft demonstriert.“

          János Kornai war anfangs kein Sozialismus-Kritiker – ganz im Gegenteil. Der 1928 in Budapest geborene Sohn eines angesehenen jüdischen Rechtsanwalts, der 1944 in Auschwitz ermordet wurde, begrüßte die Rote Armee als Befreier. Er studierte Marx’ „Kapital“ und wurde Kommunist. Der begabte junge Mann machte rasch Karriere bei „Szabad Nép“ (Freies Volk), dem Zentralorgan der ungarischen KP, wurde Leiter der Wirtschaftsredaktion. Er schrieb Industriereportagen, Propagandaartikel und übernahm die schöngefärbten offiziellen Statistiken über wirtschaftliche Erfolge. Mitte der fünfziger Jahre wuchsen aber seine Zweifel. Er brach mit dem Marxismus, mit der Partei und schließlich mit dem Kommunismus, als ihm Freunde von 40.000 politischen Gefangenen in Ungarn erzählten. Kornai verließ die Zeitung und nahm eine schlecht bezahlte Stelle als Doktorand an.

          Warum sind seine Thesen heute noch interessant?

          „Überzentralisierung“ betitelte er seine Dissertation, die er im Sommer 1956, kurz vor dem ungarischen Volksaufstand, fertigstellte. Die Analyse beruhte auf Gesprächen mit Betriebsleitern und empirischen Beobachtungen. Kornai beschrieb schonungslos alle Probleme der sozialistischen Praxis: die Fixierung auf große Ausstoßmengen (Tonnenideologie), die keine Rücksicht auf Kosten und Qualität nahm, das „Planfeilschen“, die Schwankungen und Stockungen in der Produktion wegen Versorgungsmängeln. Zudem erkannte Kornai, dass das sozialistische System untrennbar mit Repression verbunden war. „Je weniger das System auf materielle Anreize vertraut (und je weniger es auf die Begeisterung der Menschen rechnen kann), desto mehr muss es Zwangsmethoden anwenden“, schrieb er, glaubte allerdings noch an eine Reformierbarkeit des Systems.

          Die kritische, „revisionistische“ Tendenz des Buches brachte Kornai aber nach dem Volksaufstand ins Visier der Partei. Er habe „die Konterrevolution intellektuell vorbereitet“, hieß es. Für den „Verräter“ begann eine bittere Zeit. Freunde kamen nach dem Volksaufstand ins Gefängnis, immer wieder wurde Kornai selbst von der Polizei verhört, am Institut für Ökonomie war er von Spitzeln umzingelt, schließlich warf man ihn raus. Er kam auf einen Abstellposten in einem Ministerium und betrieb private Ökonomiestudien.

          Gleichzeitig wurden westliche Ökonomen auf ihn aufmerksam. „Nirgendwo in der kommunistischen Welt ist eine vergleichbare Studie erschienen“, schrieb die Londoner Zeitschrift „Economica“ über die englische Übersetzung der Dissertation. Über die Jahre wurde Kornai ein hochangesehener, in Ungarn zumindest geduldeter Ökonom, dem man Konferenzbesuche und Forschungsaufenthalte in Cambridge, London, Stockholm und Amerika erlaubte. 1984 erhielt er eine Professur in Harvard, wo er fast zwei Jahrzehnte lehrte. Auch gegenüber der westlichen Ökonomie blieb Kornai kritisch, er lehnte die dominanten Gleichgewichtsmodelle ab. Nach dem Zusammenbruch des Sozialismus mischte er sich mit Ideen für den Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft ein, war aber enttäuscht über die Fehler, die bei der Privatisierung gemacht wurden.

          Warum sind Kornais Thesen heute noch interessant? „Soft budget constraints“ gibt es in vielen Bereichen, etwa im Gesundheits- oder Bildungssystem. Ganze dauerhaft defizitäre Länder werden durch Entwicklungshilfe – oder jüngst die Euro-Rettungspakete – subventioniert, ineffiziente Systeme können sich so halten. Und die „Too big to fail“-Banken, die in die Finanzkrise führten, genossen eine „weiche Budgetbeschränkung“, weil sie bei Verlusten gerettet wurden. Die implizite Staatsgarantie hat ihre Verantwortungslosigkeit begünstigt. Es gibt mehr Sozialismus, als viele denken.

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