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Marie Jahoda & Paul Lazarsfeld : Arbeitslosigkeit zerstört das Leben

Marie Jahoda (1907-2001) Bild: Archiv, Uni Graz

„Die Arbeitslosen von Marienthal“ heißt eine berühmte Studie von Marie Jahoda und Paul Lazarsfeld. Seither wissen wir, was Arbeitslosigkeit anrichtet. Dabei trifft sie aber nicht jeden gleich schwer. Aus unserer Serie „Die Weltverbesserer“.

          Die Bedeutung von Arbeit spürt man dann am deutlichsten, wenn man keine mehr hat. Fehlt einem nur das Geld – oder mehr? In diesem Sinne war es ein höchst bemerkenswertes Experiment, das Sozialwissenschaftler unter der Leitung von Marie Jahoda (damals 26 Jahre alt) und Paul Lazarsfeld (damals 32) im Jahre 1933 in Österreich machen konnten: Sie studierten die Auswirkungen von Arbeitslosigkeit am lebenden Objekt. „Die Arbeitslosen von Marienthal“ heißt ihre Studie, die bis heute legendär ist.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          In einem Dorf namens Marienthal in der Nähe von Wien war damals fast die gesamte Bevölkerung arbeitslos geworden, weil die örtliche Textilfabrik schließen musste. Die Wissenschaftler nutzten die außergewöhnliche Situation, um das Dorf mehrere Wochen lang zu beobachten und minutiös zu protokollieren, wie sich die Lebensgewohnheiten der Menschen veränderten.

          Damit das Experiment nicht allzu kaltherzig wirkte, stellten Jahoda und Lazarsfeld die Regel auf: Jeder Wissenschaftler, der mitmachen wollte, musste sich für das Dorf auch nützlich machen. Die Forscher sammelten alte Kleider in Wien und verteilten sie in Marienthal. Außerdem gaben sie den Frauen Schnittmuster-Kurse, damit sie ihren Kindern aus alten Kleidern neue machen konnten.

          Wer arbeitslos wird, läuft langsamer

          Ansonsten aber machten die empirischen Sozialwissenschaftler das, was sie am besten konnten: Sie sammelten Daten. Sie notierten, mit welcher Geschwindigkeit die Arbeitslosen die 300 Meter lange Dorfstraße auf und ab gingen und wie oft sie stehen blieben. Sie vermerkten, mit wem sie sich wie lange unterhielten. Schrieben auf, wer in die Leihbibliothek ging. Führten Buch über die Ernährung der Familien und ihre Einnahmequellen. Und ließen nicht zuletzt den Gesundheitszustand der Dorfbewohner von Ärzten untersuchen.

          Die Ergebnisse zeigten eindrucksvoll die Auswirkungen der Arbeitslosigkeit auf das gesamte Leben der Menschen. Nach der Schließung der Fabrik gehen die Ausleihzahlen in der Bibliothek genauso drastisch zurück wie die Abonnement-Zahlen der billigen Arbeiterzeitung. „Seit ich arbeitslos bin, lese ich fast überhaupt nicht mehr. Man hat den Kopf nicht danach“, zitiert die Studie einen der Dorfbewohner.

          Paul Lazarsfeld (1901-1976)

          Wer arbeitslos wird, verlangsamt sogar sein Tempo beim Laufen und bleibt öfter stehen, stellen die Forscher fest. Auffällig war, dass in Marienthal die Frauen im Durchschnitt anderthalbmal so schnell gingen wie die Männer. Die Wissenschaftler deuten das so: Die Frauen haben weiterhin sinnvolle Aufgaben, sie kümmern sich um Haushalt und Kinder. Für die Männer dagegen wird die freie Zeit immer mehr zur Last. Wenn man sie im Nachhinein fragt, was sie den Tag über gemacht haben, wissen sie kaum noch etwas zu berichten.

          Der Rhythmus des Lebens wird zunehmend durch die Auszahlung der Arbeitslosenunterstützung alle 14 Tage bestimmt. Glücklich, wer wenigstens noch einen Schrebergarten hat, wo er Gemüse ziehen und Hasen halten kann.

          Vier Typen von Arbeitslosen

          Weder genießen die Arbeitslosen die zusätzliche Freizeit, um eigenen Interessen nachzugehen, wie man angesichts der Vorstellung von Arbeit als Entfremdung und Ausbeutung vielleicht hätte meinen können. Noch bildet sich so etwas wie ein revolutionäres Bewusstsein heraus, wie es die sozialistische Arbeiterbewegung jener Jahre erhofft hatte. Die Arbeitslosen reagierten vielmehr mit Resignation, Antriebslosigkeit und Isolation. Aus den vitalen, politisch und kulturell interessierten Dorfbewohnern wird eine „müde Gemeinschaft“, wie Jahoda und Lazarsfeld es formulieren.

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