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Marie Jahoda & Paul Lazarsfeld : Arbeitslosigkeit zerstört das Leben

Allerdings sind die Reaktionen nicht bei allen gleich: Die Forscher stellen vielmehr vier Typen fest, die unterschiedlich mit der Situation fertig werden. Am schlimmsten ist es bei den „Apathischen“ (rund 25 Prozent). Ihr Leben verliert jede Struktur, sie geben alle Pläne für die Zukunft auf. In dieser Gruppe finden sich die gewohnheitsmäßigen Trinker des Ortes. Einige betteln und stehlen, die Kinder werden vernachlässigt. Auch die zweite Gruppe, die „Verzweifelten“ (11 Prozent), hat kaum noch Hoffnung, rutscht aber nicht ganz so ab.

Die Gruppe der „Resignierten“ (48 Prozent), erwartet zwar auch nicht mehr viel vom Leben, führt aber nach außen den Haushalt ordentlich weiter und kümmert sich darum, dass zumindest die Kinder etwas Ordentliches zum Anziehen haben. Am besten geht es noch den „Ungebrochenen“ (16 Prozent), die durch Mut, Tatkraft und Pläne für die Zukunft auffallen: Sie wollen an ihrem Schicksal etwas ändern.

Eine spielerische Grundhaltung hilft

Ob es dabei jemandem vor der Arbeitslosigkeit besonders gut oder schlecht ging, ist nicht unbedingt entscheidend dafür, in welche dieser Gruppen er kommt. Einige, denen es vorher besonders gut ging, können weiter von dem Selbstbewusstsein aus jener Zeit zehren; andere stürzen gerade wegen ihrer hohen Anforderungen ans Leben und ihres Ehrgeizes besonders stark ab.

Interessanterweise notieren Jahoda und Lazarsfeld, dass einzelne unter den Arbeitslosen, die mit einer gewissen spielerischen Grundhaltung auf die Schicksalsschläge reagieren und auch so an die Bewerbungen herangehen, sich besonders gut schlagen. Geschildert wird beispielsweise ein Mann, der immer schon ein bewegtes und abenteuerliches Leben geführt hatte und jetzt sein Schicksal als ein neues Abenteuer betrachtet, mit dem er „schon irgendwie fertig“ wird.

Jahoda und Lazarsfeld selbst sind übrigens zum Zeitpunkt des Experiments ein Paar. Die Ehe wird allerdings wenig später geschieden. Geboren wurde Marie Jahoda 1907 als drittes Kind einer jüdischen Kaufmannsfamilie in Wien. Früh gerät sie in Kontakt mit der sozialdemokratischen Jugendbewegung und ist bereits mit siebzehn Jahren „Obmann“ der sozialistischen Mitschüler. Im Ferienlager trifft sie auf den sechs Jahre älteren Paul Lazarsfeld. Nach einem Nachtspaziergang sind sie ein Paar.

Assistentin bei Max Horkheimer

Marie Jahoda macht später in Wien am Pädagogischen Institut die Lehrerausbildung und studiert an der Universität Psychologie. Sie heiratet Lazarsfeld, behält aber ihren Mädchennamen, weil sie nicht als Anhängsel ihres Mannes gesehen werden will. 1930 kommt ihre Tochter Lotte zur Welt – und wird gleich Gegenstand eines Experimentes: Einmal im Monat sammeln die Eltern alle Daten über sie, protokollieren jedes Geräusch und jedes Lächeln für die Forschung.

Als Marie Jahoda mit 25 Jahren die jüngste Doktorin Österreichs wird, sind beide bereits mitten in den Untersuchungen für „Die Arbeitslosen von Marienthal“. Fast gleichzeitig mit dem Projekt endet auch die offenbar schwierige Ehe. Beide heiraten später andere Partner. Unter der Regierung Schuschnigg wird Jahoda 1936 verhaftet, weil sie im Untergrund für die mittlerweile verbotenen Sozialdemokraten gearbeitet hat. Sie wird zu Kerkerhaft verurteilt. Nach der Entlassung emigriert sie, zuerst nach England, dann Amerika, später wieder nach England.

Auch Paul Lazarsfeld emigriert nach Amerika und forscht und lehrt dort, unter anderem in Princeton. Er stirbt 1976.

Marie Jahoda wird Assistentin bei Max Horkheimer und beteiligt sich an den „Studien zum autoritären Charakter“ des exilierten Frankfurter Instituts für Sozialforschung. Später wird sie Psychologie-Professorin an verschiedenen Hochschulen, zuletzt in Sussex. Bis zu ihrem Tod im Jahr 2001 im Alter von 94 Jahren schreibt sie noch viele Bücher – aber keines bekommt mehr so viel Aufmerksamkeit wie „Die Arbeitslosen von Marienthal“. Eine Gewohnheit, die sie als Jugendliche in einer Akrobatenklasse begonnen hat, soll sie bis ins hohe Alter beibehalten haben: Sie machte fast täglich einen Kopfstand.

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