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Hyman Minsky : Der Krisenprophet

  • -Aktualisiert am

Hyman Philip Minsky (1919–1996) Bild: Metropolis-Verlag

Hyman Minsky musste jahrelang mit seiner Finanzkrisentheorie hausieren gehen. Dann zeigte sich, dass er recht hatte – zwölf Jahre nach seinem Tod.

          4 Min.

          Ich erlebte Minsky, wie man sich den alttestamentarischen Propheten vorstellt: eine mächtige Gestalt, eine Löwenmähne von weißem Haar, eine Unglück verheißende Rede, verbunden mit dem Versprechen möglichen Heils. Die Frankfurter Kollegen, zu denen ich ihn eingeladen hatte, blieben skeptisch. Eine Finanzkrise mochte vor dreißig Jahren keiner erwarten.

          Wenig später war ich Heuss-Professor in New York und traf Minsky in der Stadt, die er „Capital of the World“ nannte, weil der Macht, die von diesem Finanzzentrum ausging, nichts gleichkam. Der Mehrheit der Ökonomen, die den Wirtschaftsgang von Gesetzen der Realwirtschaft bestimmt sahen, gab er zu, dass es die Unternehmer sind, welche die Entstehung des gesellschaftlichen Mehrprodukts durchsetzen. Aber die Höhe des realisierten Gewinns hing von der Nachfrage ab und diese von den mit den Finanzierungsmöglichkeiten beschwingten oder gedämpften „Lebensgeistern“ der vom Finanzsektor abhängigen Investoren.

          Minskys Kernthese

          Minsky traf die berühmt gewordene Unterscheidung von Hedge Finance, spekulativer Finanzierung und Ponzi-Spielen. Bei der ersten, soliden Art der Finanzierung reichen die erwarteten Erlöse aus einer kreditfinanzierten Investition, den Kredit über seine Laufzeit hinweg vollständig zu amortisieren. Von spekulativer Finanzierung sprach er, wenn die Erlöse die Zinskosten deckten, von Ponzi-Spielen, wenn auch darauf nicht gehofft wurde, so dass zunehmend neue Kredite aufgenommen werden mussten, um alte abzulösen.

          Es war seine Kernthese, dass sich in der modernen Wirtschaft die sich in den Finanzen spiegelnde Struktur der Verschuldung im Aufschwung von sicherer Finanzierung über spekulative bis hin zu Ponzi-Spielen verschiebt und dadurch spontane Finanzkrisen ausgelöst werden, selbst wenn sich die reale Wirtschaft gleichmäßig entwickelt.

          Die Mehrheit der Konjunkturtheoretiker war seit dem frühen 19. Jahrhundert mit der Analyse der in Wirtschaftskrisen auftretenden Überspannung der Geld- und Kapitalmärkte beschäftigt. Sie hielten, was man früher die „Kreditpanik“ nannte, nur für die Verschärfung eines durch reale Faktoren wie eine Überproduktion ausgelösten Einbruchs eines regelmäßigen Laufs der Wirtschaft. Minsky wird heute mit den großen Klassikern der Nationalökonomie in einem Atemzug genannt, weil er die These von der Autonomie der Finanzkrise sorgfältig und überzeugend begründete.

          Automatische Stabilisatoren

          Er hatte, 1919 in eine nach Amerika eingewanderte Arbeiterfamilie geboren, als Kind die Weltwirtschaftskrise erlebt und erreichte es doch, in Harvard bei Schumpeter studieren zu können. Dieser habe ihm gegenüber, als er die ostjüdische Abkunft erriet, geprahlt: „Two things I liked to ride in my time, Arabian horses and Jewish women.“ Der junge Minsky musste es schlucken. Sein Bild der Wirtschaft wurde von Schumpeters Vision des von unternehmerischer Initiative vorangetriebenen Kapitalismus geprägt, aber die schärferen theoretischen Argumente lieh er sich von Keynes. Den Keynesianismus der Nachkriegszeit hielt er nur für begrenzt tauglich.

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