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Hermann Heinrich Gossen : Immer mehr bringt immer weniger

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Bis heute sind die Gossenschen Gesetze fester Bestandteil der ökonomischen Theorie Bild: F.A.Z.

Der erste Schluck Wasser ist für Durstige lebenswichtig - jeder weitere wird weniger wertvoll. Daraus leitete Hermann Heinrich Gossen eine universelle Regel ab. Aus unserer Serie „Die Weltverbesserer“.

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          Sein Vater war Steuereintreiber im rheinischen Düren, die Mutter eine strenggläubige Katholikin. Nichts deutete also darauf hin, dass der 1810 geborene Hermann Heinrich Gossen einmal zum Begründer der Lehre von der Maximierung des Lebensgenusses werden würde.

          Tatsächlich schlug er zunächst auf Wunsch des Vaters eine Beamtenlaufbahn ein, die ihm aber von Beginn an zuwider war. Auch der Versuch, sich mit einer Versicherung gegen Hagel und Großviehsterblichkeit selbständig zu machen, scheiterte kläglich. Erst der frühe Tod des Vaters und die damit verbundene Erbschaft ermöglichten es Gossen, sich ganz seiner eigentlichen Passion zu widmen. Diese galt der ökonomischen Theorie, insbesondere der „Entwickelung der Gesetze des menschlichen Verkehrs und der daraus fließenden Regeln für menschliches Handeln“.

          So lautete der Titel seines ersten und einzigen Werkes, das er 1854 veröffentlichte - auf eigene Kosten. Genauso sperrig wie der Titel war nämlich die Art der Darstellung Gossens. Er verzichtete auf jegliche Absätze und Zwischenüberschriften und zitierte auch kein einziges anderes Werk. Stattdessen wimmelte es von mathematischen Formeln, was in der damaligen Zeit eine in der Ökonomie völlig unübliche Methode war.

          So war es kein Wunder, dass das Buch nicht nur keinen Verleger, sondern auch kaum Leser fand. Kurz bevor Gossen mit nur 47 Jahren an Lungentuberkulose starb, zog er es 1858 tief enttäuscht selbst aus dem Verkehr.

          Zentraler Baustein der ökonomischen Theorie

          Nur zufällig wurde es zwanzig Jahre später von einem Kollegen des englischen Ökonomen Stanley Jevons wiederentdeckt. Jevons stritt sich damals mit seinem französischen Konkurrenten Leon Walras darüber, wer von ihnen die Prinzipien menschlichen Wahlverhaltens zuerst in mathematischer Form erklärt hatte. Nun mussten beide erkennen, dass der Ruhm, die ökonomische Spielart der Relativitätstheorie entdeckt zu haben, in Wirklichkeit einem Dritten zukam. Seitdem sind die „Gossenschen Gesetze“ zum zentralen Baustein der gesamten ökonomischen Theorie geworden.

          Die Tragik Gossens liegt darin, dass er diesen Erfolg selbst nicht erlebt hat. Dabei war er sich seiner Leistung durchaus bewusst: „Was einem Kopernikus zur Erklärung des Zusammenseins der Welten im Raum zu leisten gelang, das glaube ich für die Erklärung des Zusammenseins der Menschen auf der Erdoberfläche zu leisten“, so schrieb er im Vorwort seines Werkes. Er ging sogar so weit zu behaupten, den von Gott gewollten Lebenszweck der Menschen und dessen bestmögliche Verwirklichung entdeckt zu haben. Das scheint aus heutiger Sicht sogar nur unwesentlich übertrieben. Denn in der Tat bildet die Kernidee Gossens bis heute die Grundlage sowohl der ökonomischen Nutzentheorie als auch der mikroökonomischen Makrotheorie.

          Anwendung vom Autowaschen bis zur Luxuswohnung

          Dabei ist ihr Grundgedanke, wie so oft, sehr einfach. Nach dem Ersten Gossenschen Gesetz ist der Nutzen eines Gutes oder Genusses keine konstante Größe, sondern relativ. Er hängt zum einen von den individuellen Präferenzen ab, und zum anderen nimmt er mit zunehmend verfügbarer Menge des betreffenden Gutes tendenziell ab. Der erste Schluck Wasser ist beispielsweise lebenswichtig, während weitere Wassereinheiten für uns immer weniger wertvoll sind und schließlich für so profane Dinge wie das Autowaschen verwendet werden. Dieses Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen ist von beinahe universeller Gültigkeit und muss höchstens bei Suchtgütern wie Rauschgift oder Alkohol relativiert werden.

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