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Franz Oppenheimer : Gegen die Armut der Arbeiter

  • -Aktualisiert am

Franz Oppenheimer (1864-1943) Bild: Ullstein

Seine Erfahrungen als Arzt brachten ihn zur Ökonomie: Franz Oppenheimer forderte, die Macht der Großgrundbesitzer aufzubrechen. Ludwig Erhard wurde sein berühmtester Schüler. Aus unserer Serie „Die Weltverbesserer“.

          „Es erübrigt sich nur noch zu sagen, dass die Ablehnung des Gedankens vom Bodenmonopol mich nicht hindert, die Fülle von Talent zu bewundern, die Oppenheimers Werk durchstrahlt, und anzuerkennen, dass er mehr als irgendjemand dazu getan hat, in Deutschland wieder Interesse für theoretische Arbeit zu erwecken.“ Das schrieb Schumpeter 1918 zu einer Debatte mit Franz Oppenheimer. Wie kam es dazu, dass der bei Paul Ehrlich in Berlin promovierte Mediziner Franz Oppenheimer nach achtjähriger Niederlassung 1895 seine Arztpraxis in Berlin aufgab und sich hauptsächlich ökonomischen und soziologischen Studien zuwandte?

          Die neuen Studien führten ihn immerhin 1908 in Kiel zu einer zweiten Promotion zum Dr. phil. und schließlich 1909 in Berlin mit 45 Jahren zur Habilitation im Fach Volkswirtschaftslehre. Nach reger Dozententätigkeit in Berlin folgte 1919 die Übernahme der Professur für Soziologie und theoretische Nationalökonomie an der damals jungen Frankfurter Universität. Im Alter von 23 Jahren Arzt und mit 50 Jahren Professor für Soziologie und Ökonomie - ein unglaublicher Lebensweg.

          Von freiwirtschaftlicher Utopie zu den ökonomischen Klassikern

          Oppenheimer erlebte die Phase der Industrialisierung Berlins, die Landflucht aus den ostelbischen Gebieten des 1871 gegründeten Deutschen Reichs und das Elend der Arbeiter in den städtischen Wohngebieten. Ihm wurde klar, dass er als Arzt, wenn überhaupt, nur kurzfristige Hilfe leisten konnte. Dauerhafte Hilfe konnte nur durch eine wesentliche Verbesserung der Lebensumstände dieser Menschen herbeigeführt werden. Warum waren diese Menschen so arm? Warum zogen sie in die Städte, wo sie genauso arm blieben?

          Diese Fragen sollten ihn nicht mehr loslassen. In seiner Freizeit begann er, populäre Schriften über den Marxismus zu studieren, dessen Ziel er teilte, den Weg jedoch völlig ablehnte. Er las den utopischen Roman Theodor Hertzkas aus dem Jahr 1890 mit dem Titel Freiland. Seine ersten beiden Bücher beschäftigten sich genau damit: „Freiland in Deutschland“, 1895 sowie ein Jahr später „Die Siedlungsgenossenschaft“. Aber dann vertiefte er sich in die Schriften der ökonomischen Klassiker, allen voran in die Arbeiten David Ricardos und Johann Heinrich von Thünens, die sich am ausführlichsten mit den verschiedenen Formen der Bodenrente auseinandergesetzt hatten. Seine Habilitationsschrift hatte Ricardos Theorie zum Gegenstand.

          Die agrozentrische These von der Bodensperre

          Welche Diagnose stellte nun der von der Medizin in die Nationalökonomie und Soziologie gewanderte Franz Oppenheimer? Die Armut der Landarbeiter und der Arbeiterschaft insgesamt resultiere aus dem Überangebot von Arbeit. Dadurch waren die Löhne so niedrig und die Armut so groß. Was war die Ursache für dieses Überangebot? Der englische Ökonom Malthus sah ein natürliches Gesetz am Werke: Die Bevölkerung wachse geometrisch, die Nahrungsproduktion nur arithmetisch. Marx beantwortete die Frage mit dem „Gesetz der kapitalistischen Akkumulation“, wonach die Reservearmee der Arbeiter durch den Prozess der Kapitalakkumulation immer wieder geschaffen werde, weil das konstante Kapital (Maschinen) im Verhältnis zum variablen Kapital (Lohnarbeiter) wachse und damit die Arbeit freigesetzt werde und die Reservearmee auffüllt. So käme es immer wieder zu einem Überangebot von Arbeit.

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