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Finanztranskationssteuer : Herr Tobin und seine Steuer

  • -Aktualisiert am

James Tobin (1918-2002) Bild: ddp images/CAMERA PRESS/G/S

James Tobin erfand eine Spekulationssteuer, die Wechselkursschwankungen eindämmen sollte. Was aus seiner Idee wurde, gefiel ihm gar nicht: Die heute intensiv diskutierte Finanztransaktionssteuer.

          Die einflussreichsten Ideen von Volkswirten sind nicht notwendigerweise ihre besten. Ob das auch für James Tobin gilt, ist umstritten. Unter seinen Arbeiten hat sein Vorschlag, eine Steuer auf Devisenmarkttransaktionen einzuführen, die Tobin-Steuer, zweifellos den höchsten Bekanntheitsgrad. Tobin sah darin ein Instrument, exzessive, durch Spekulation ausgelöste Wechselkursschwankungen einzudämmen.

          „Tobin war ein Genie, aber die Tobin-Steuer war wohl die eine dämliche Idee, die er hatte“, so urteilt Willem Buiter, einer seiner Schüler und selbst ein renommierter Ökonom. Ganz anders sehen das die zahlreichen Anhänger der heute intensiv diskutierten Steuer auf Finanzmarkttransaktionen. Sie berufen sich gerne auf den Nobelpreisträger, obwohl er nur Devisenmärkte besteuern wollte, nicht alle Finanzmarktumsätze.

          Die Wege seines Steuerkonzepts verfolgte er mit Unbehagen

          Tobin selbst hat mit Unbehagen verfolgt, wie sein Steuerkonzept und damit auch er selbst zunehmend von markt- und globalisierungskritischen politischen Gruppen vereinnahmt wurde. Er selbst war ein entschlossener Anhänger des Freihandels und sah in der Globalisierung mehr Chancen als Risiken. In seinem Artikel zur Tobin-Steuer hat er die positiven Wirkungen der Kapitalmobilität und des Freihandels sehr betont.

          Kritisch sah er die Asymmetrie zwischen der Globalisierung und Beschleunigung der Finanzmärkte einerseits und der weniger weit entwickelten Integration anderer Märkte, aber auch der Wirtschaftspolitik. Eine Vertiefung der Globalisierung von Wirtschaft und Politik war für ihn die beste Lösung. Mit seiner Steuer „Sand ins Getriebe der internationalen Kapitalmärkte zu streuen“, war für ihn nur eine „zweitbeste“ Strategie.

          James Tobins wissenschaftlicher Ruhm beruht nicht auf der Tobin-Steuer. Sein wichtigstes Arbeitsgebiet war die Makroökonomik. Er hat vor allem die keynesianische Wirtschaftstheorie fortentwickelt und untersucht, wie das Verhalten einzelner Unternehmen oder Haushalte sich auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung auswirkt.

          Ein eloquenter Verteidiger des Keynesianismus

          Verschiedene ökonomische Denkansätze und Analysemethoden tragen heute seinen Namen, darunter die These, dass Investitionen dann zunehmen, wenn der Marktwert existierender Produktionsanlagen höher ist als die Kosten der Errichtung neuer Anlagen. Den Nobelpreis erhielt er im Jahr 1981 für seine Analyse der Finanzmärkte und ihrer Beziehungen zur Entwicklung wichtiger makroökonomischer Größen wie etwa Investitionen, Konsum, Beschäftigung und Produktion.

          Die in Wissenschaft und Politik lange dominierenden keynesianischen Konzepte mit ihrer Betonung der Steuerbarkeit von Konjunktur und Wachstum gerieten in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts zunehmend in Misskredit. Tobin gehörte damals zu den eloquenten Verteidigern des Keynesianismus.

          Diese Jahre waren geprägt von der Erfahrung, dass es der Wirtschaftspolitik in den Industriestaaten nicht gelang, die von der Ölkrise und der Lösung der Goldbindung des Dollar ausgehenden Schockwellen abzufedern. Das Versprechen, Wirtschaftskrisen zu verhindern, indem Geld- und Fiskalpolitik geschickt die gesamtwirtschaftliche Nachfrage stabilisieren, war nicht einzulösen.

          „Wie tot ist Keynes?“ lautet der Titel eines Aufsatzes, den Tobin 1977 publizierte. Dort wirft er den Gegnern keynesianischer Wirtschaftspolitik vor, aus den wirtschaftlichen Turbulenzen dieser Zeit die falschen Schlüsse zu ziehen. Er setzt sich dort mit dem Problem der Lohn-Preis-Spirale auseinander. Wenn Arbeitnehmer und Gewerkschaften zunehmende Inflation befürchten und deshalb hohe Lohnsteigerungen durchsetzen, kann das die Bekämpfung der Inflation erschweren.

          Wenn eine restriktive Geldpolitik die Inflation senkt, steigen die realen Lohnkosten, so dass die Unternehmen Arbeitskräfte abbauen müssen und die Arbeitslosigkeit wächst. Während die Gegner keynesianischer Wirtschaftspolitik darauf setzten, dass die Notenbank sich möglichst glaubwürdig auf einen Kurs der Inflationsbekämpfung festlegt, wollte Tobin durch steuerliche Instrumente exzessive Lohnsteigerungen verhindern und so die Lohn-Preis-Spirale anhalten.

          Umgesetzt wurden seine Forderungen nicht. Dass der von ihm vertretene Keynesianismus totgesagt wurde, hat Tobin im Übrigen mit Humor genommen – er hat geschrieben, wenn Keynes wie Mark Twains Romanfigur Tom Sawyer seiner eigenen Beerdigung zuschauen könnte, hätte er nicht wie Tom geweint, sondern vermutlich gelacht.

          Nicht nur Wissenschaftler, sondern auch ein gefragter Politikberater

          James Tobin war überzeugt, dass wirtschaftspolitische Interventionen sehr nützlich sein können. Ein naiver Befürworter staatlicher Konjunkturpolitik war er dennoch nicht. In seiner Nobelpreisrede warnte er, dass Marktversagen zwar potentiell durch staatliches Handeln korrigiert werden könnte. Das bedeute aber nicht, dass die tatsächliche Politik dafür geeignet sei.

          Tobin wusste, wovon er redete. Er war nicht nur Wissenschaftler, sondern auch ein gefragter Politikberater. Unter anderem arbeitete er für John F. Kennedy. Als Beispiel für die gelungene Umsetzung keynesianischer Rezepte betrachtete er den Wirtschaftsbericht des Präsidenten, den er im Jahr 1962 für die Kennedy-Administration verfasst hatte. Das Gegenstück sah er in dem von der Reagan-Administration vorgelegten Bericht des Jahres 1982, der angebotsorientierte Wirtschaftspolitik betonte. Es sei interessant, die beiden zu vergleichen, sagte er später. Er habe dabei nichts zu befürchten.

          Der Autor ist Professor für Volkswirtschaftslehre und Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim.

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