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Beatrice Webb : Eine Fabrikantentochter für die Arbeiterklasse

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Beatrice Webb (1858-1943) Bild: Foto Ullstein/Bearbeitung F.A.S.

Beatrice Webb hat im 19. Jahrhundert das Elend der Londoner Näherinnen erforscht. Ihr Fazit: Die Armen brauchen keine Almosen, sondern Gewerkschaften. Aus unserer Serie „Die Weltverbesserer“.

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          Als Beatrice Webb noch Beatrice Potter hieß, Tochter eines reichen Fabrikanten, da war sie nicht gerade das Lieblingskind ihrer Mutter. Beatrice sei als einziges ihrer Kinder unterdurchschnittlich intelligent, vertraute die Mutter, eine kluge, vom ewigen Kinderkriegen genervte Frau, ihrem Tagebuch an. Sie hatte Männer immer lieber gemocht als Frauen und dann ausgerechnet neun Töchter bekommen.

          Die Tochter hat es gespürt, es war ihr Ansporn. Und sie bewies, dass die Mutter unrecht hatte, führte das Leben, das ihre Mutter vermisste: Beatrice Webb bildete sich, forschte, wurde zu einer führenden Intellektuellen im London zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Und - das war damals wohl beinahe Bedingung für ihre Karriere: sie heiratete spät, einen intellektuellen Gefährten statt einer Liebe und bekam keine Kinder. „Ich heirate nur deinen Kopf“, sagte sie immer wieder zu Sidney Webb. Und der ließ es - liebestrunken und berauscht von Potters Schönheit - über sich ergehen.

          Dass Beatrice Potter einmal Sozialistin werden würde, konnte zu Beginn ihres Lebens keiner ahnen. Sie wuchs als Tochter eines Fabrikanten in Wohlstand auf, sah aber auch die Armut in den Fabriken und um diese herum. Wie viele zu Ende des 19. Jahrhunderts trieb sie die Frage um, wo diese bittere Armut herkam. Gemeinsam mit ihrer Schwester versuchte sie sich an der Arbeit in wohltätigen Organisationen, die sie ins ärmliche Londoner East End brachten. In einem Wohnprojekt, das die Lebensverhältnisse verbessern sollte, kassierten die beiden die Mieten. Potter war skeptisch gegenüber den anderen Wohltätigen. Vor allem, wenn sie den Armen ihre moralischen Maßstäbe aufdrängen wollten und ihnen je nach Verhalten Almosen gaben oder eben nicht.

          Sie sammelte Daten aus dem ganzen Vereinigten Königreich

          Es musste doch auch anders gehen. Potter packte der Forschergeist. Anders als viele ihrer Altersgenossen wollte sie erst einmal genau wissen, wie die Armen lebten, und sie war ziemlich furchtlos dabei. Für eine Studie ihres Cousins, die später für Furore sorgen sollte, mischte sie sich unter die Arbeiter. Sie arbeitete selbst in den Sweat Shops der damaligen Zeit, der Textilindustrie in London, nähte Hosen, lebte in Blockunterkünften.

          Diese Erlebnisse prägten sie tief und sollten sie ihr Leben lang beschäftigen. „Soziale Fragen sind die Fragen von heute“, schrieb sie in ihr Tagebuch. „Sie nehmen den Platz der Religion ein.“ Die Fabrikantentochter wird über ihre Erfahrungen zur überzeugten Sozialistin. Und nach einer gescheiterten Liebe zum Politiker Joseph Chamberlain zur umso eifrigeren Forscherin. Sie ist überzeugt: Wenn man die Situation der Armen verbessern will, dann helfen Armenhäuser oder Almosen nicht. Es braucht ein soziales Netz von Seiten des Staats und vor allem: Institutionen. So erforscht sie zunächst die Genossenschaften, später die Gewerkschaften, die in dieser Zeit entstehen. Gemeinsam mit ihrem späteren Mann Sidney Webb trägt sie Daten aus dem ganzen Vereinigten Königreich zu diesen Themen zusammen - Daten, die noch jahrzehntelang Maßstäbe setzen.

          Aus den Jahren zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg ist eine Anekdote überliefert, nach der sich ein französischer Ökonom anderer Weltanschauung über die Webbs beklagt: „Jaja, sie haben die Fakten. Alle Fakten. Aber wenn irgendein Faktum gegen ihre Theorie spricht, dann ist das schlecht für das Faktum.“

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