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Eduard Bernstein : Der pragmatische Genosse

Eduard Bernstein (1850-1932) Bild: SZ Photo

Eduard Bernstein wollte, dass sich die SPD mit dem Kapitalismus versöhnt und zu ihrer Rolle als Partei der Freiheit bekennt. Dafür wurde er bekämpft.

          4 Min.

          Es ist der letzte Tag des Jahres 1899, auf dem Silvesterball, mit dem die deutsche Sozialdemokratie die Jahrhundertwende beging. Brüsk weist die Revolutionärin Rosa Luxemburg den Mann zurück, der sie zum Tanz auffordert. Auch die Größen der Partei, der Vorsitzende August Bebel und der Chefideologe Karl Kautsky, machen sich über ihn lustig. Als Zuschauer hat man Mitleid mit dem Zausel, der hier ganz offensichtlich ein Außenseiter ist.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Eduard Bernstein heißt der Mann, der in einem populären Film über seine Gegenspielerin Rosa Luxemburg zu diesem Auftritt kommt. Und in der Tat: Sie haben ihn nie geliebt, innerhalb und außerhalb der Partei. Sie mochten ihn nicht, weil er die Macht der Tatsachen gegen ihre liebgewonnenen Glaubenssätze ins Feld führte – und weil er auch noch recht hatte.

          Er brach als erster Sozialdemokrat mit der marxistischen These vom zwangsläufigen Untergang des Kapitalismus, er betonte den Wert der Demokratie und stellte den reformerischen Fortschritt über das folgenlose Schwadronieren von der Revolution. Das ist sein bleibendes Verdienst. Außerdem wandte er sich schon 1913 gegen die deutsche Rüstungspolitik und drang nach 1918 auf eine Veröffentlichung der Dokumente zur deutschen Kriegsschuld.

          Auf deutsches Drängen: Exil in London

          Dabei begann der aufrechte Sozialdemokrat, der er immer blieb, zunächst eine ganz klassische Parteilaufbahn: Der Sohn eines jüdischen Lokomotivführers arbeitete zwar zunächst als Bankkaufmann, schloss sich aber schon 1872 der Arbeiterpartei an, im Alter von 22 Jahren. Sechs Jahre später wurde er in der Schweiz erst Privatsekretär des sozialdemokratischen Mäzens Karl Höchberg, dann Redakteur der Wochenschrift „Der Sozialdemokrat“, die seine Parteifreunde während des Sozialistengesetzes nach Deutschland schmuggelten.

          Die Berliner Regierung ärgerte sich sehr über das Blatt, wohl auch, weil es mit seiner vergleichsweise gemäßigten Linie breite Bevölkerungsschichten ansprach. Auf deutsches Drängen wiesen die Schweizer Behörden den missliebigen Publizisten schließlich aus. Er ging für zwölf Jahre nach London.

          Der Ortswechsel hatte Folgen: Das Studium der englischen Verhältnisse brachte ihn dazu, zentrale Dogmen des überkommenen Marxismus offiziell in Zweifel zu ziehen. „Überall in den vorgeschrittenenen Ländern sehen wir den Klassenkampf mildere Formen annehmen“, schrieb er. Und: „Ein Irrtum wird dadurch nicht der Forterhaltung wert, dass Marx und Engels ihn einmal geteilt haben.“

          Durch gründliches Studium statistischer Quellen widerlegte er die „Verelendungstheorie“, wonach durch den kapitalistischen Konzentrationsprozess immer größere Bevölkerungsteile ins Proletariat hinabsinken. Deshalb werde der Kapitalismus auch nicht wie erwartet in naher Zukunft untergehen. Das war ein Angriff auch auf die Parteispitze um Bebel, die ihre Anhängerschaft mit der Aussicht auf diesen „großen Kladderadatsch“ bei Laune hielt – ohne freilich selbst eine Revolution voranzutreiben.

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