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Eugen von Böhm-Bawerk : Warum darf man Zinsen nehmen?

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Eugen von Böhm-Bawerk (1851-1914) Bild: AKG/Bearbeitung F.A.S.

Wer einen Kredit gibt, darf dafür Zinsen verlangen, denn er muss seine Bedürfnisse zügeln. Diese Idee hatte der Wiener Ökonom und feierte damit weltweit großen Erfolg. Aus unserer Serie „Die Weltverbesserer“.

          Nur von wenigen kann man sagen, sie hätten ein seit der Antike schwebendes Problem gelöst. Der Fluch, mit dem Aristoteles und die Kirche die Zinsnahme belegten, wirkte

          in Antike, Mittelalter und früher Neuzeit nach; mühsam erfand man Gegengründe, welche die Zinsnahme rechtfertigen sollte, ohne die man in der Wirklichkeit doch nicht auskam.

          Der Wiener Ökonom Eugen von Böhm-Bawerk (1851-1914) hat in seiner „Geschichte und Kritik der Kapitalzins-Theorien“ diese alten Argumente geordnet und zusammen mit eigentlich allen moderneren Erklärungen des Zinses widerlegt. Dieses dichte und gründliche Buch machte, als es 1884 erschien, einen ungeheuren Eindruck, zumal Böhm-Bawerk versprach, in einem zweiten Band die richtige, nämlich seine eigene Zinstheorie zu liefern.

          Den Kern derselben hatte er schon als Student im Seminar bei dem Mitbegründer der Historischen Schule, Karl Knies, in Heidelberg vorgetragen. Er brachte es fertig, über seine Erfindung zu schweigen und rasch in der Finanzverwaltung der Universität aufzusteigen, bis er endlich nach der „Geschichte“ seine „Positive Theorie der Kapitales“ (1889) veröffentlichte, mit der er weltweit großen Erfolg hatte. Die mittelalterliche Scholastik hatte das Argument des Aristoteles aufgenommen. Thomas von Aquin erklärte, das Geld sei zum Tauschen da; wer es verleihe, könne nicht mehr verlangen als seinen Wert, also seine Rückgabe ohne Zins; sonst presse der Verleiher dem Borger einen zweiten Preis, den Zins, ab.

          Investieren von Kapital bedeute den Verzicht auf den Konsum

          Später meinte man, das Geld sei Kapital und als solches fruchtbar und produktiv, aber Böhm-Bawerk wandte ein, dass man damit den Zins schon voraussetzte. Oder man sagte, das Verleihen von Geld oder das Investieren von Kapital bedeute den Verzicht auf den Konsum des Kapitals; für diese Abstinenz werde man mit dem Zins belohnt. Aber Böhm-Bawerk wies darauf hin, dass, wer spart und später Zins erhält, seinen Konsum nur in die Zukunft schiebt, auf die Rückzahlung des Geldes nicht verzichtet, sondern auf ihr besteht, ja sogar noch einen Zins dafür verlangt. Noch Marx bezeichnete den Zins als „irrational“, weil das Kapital damit zwei Preise habe: seinen Wert und den Zins als Entgelt für seine Verwendung zum Erzielen von Profit.

          Böhm-Bawerks Lösung war im Kern ganz einfach. Er fasste das Schuldverhältnis auf als einen Tausch zwischen Gegenwartsgütern, die der Verleiher hingibt, und Zukunftsgütern, die er dafür vom Borger versprochen erhält. Der eine schiebt seinen Konsum in die Zukunft, der andere will jetzt desto mehr. Vereinfacht kann man sagen, dass Verleiher und Borger beide ungeduldig sind, jedoch nur in verschiedenem Grade. Der Zins kann bezahlt werden, weil, wer über Kapital verfügt, Produktionsumwege gehen kann. Beispielsweise kann ein Fischer sich dank des Kapitals - in diesem Fall als Nahrungsvorrat - eine Zeitlang von der Produktion zurückziehen, um ein Netz zu knüpfen, womit er mehr Fische zu fangen imstande ist, als wenn er fortführe, nur mit der Rute zu angeln. Also ist nicht einfach das Kapital produktiv, sondern es wird in vorgelagerten Produktionsstufen von den Arbeitern produktiv verwendet.

          Die theoretische Idee enthält weit mehr als die bloße Lösung des Zinsproblems. Diese wird schon deshalb erreicht, weil die Unterscheidung von gegenwärtigen und zukünftigen Gütern es erlaubt, das Darlehen als Tausch zu interpretieren, bei dem nicht der Verleiher den Borger ausquetscht und einen zweiten Preis verlangt; der Anschein eines zweiten Preises entsteht, wenn man nicht erkennt, dass gegenwärtige und zukünftige Güter Kapital und zurückgegebenes Kapital infolge der zeitlichen Dimension verschiedene Güter sind.

          Abwägung zwischen Gegenwarts- und Zukunftsgütern

          Auch der weitergehende Gedanke des Aristoteles wird beantwortet: dass die reine Geldakkumulation eine unnatürliche Beschäftigung sei, weil sie kein Ziel kenne, oder dass, moderner gesprochen, die Gewinnmaximierung auf eine unbeschränkte Reichtumsakkumulation hinauslaufe. Der antike Haushalt war zugleich eine produzierende und eine konsumierende Einheit und stand ständig in der Spannung zwischen Reichtumserwerb und Genuss des Daseins. In der Neuzeit erschien der seinen Nutzen maximierende Haushalt getrennt von der gewinnmaximierenden Unternehmung.

          Die Neoklassik und insbesondere Böhm-Bawerk sagten nun, dass die Gewinnmaximierung der Unternehmen nicht ins Beliebige wuchs, weil sie erstens unter der Kontrolle der Haushalte standen, die nach ihrem Nutzen die Abwägung trafen, wie viel sie für die Unternehmungen arbeiten und wie viel sie von ihnen kaufen wollten. So wurde die laufende Produktion begrenzt. Durch die Abwägung zwischen Gegenwarts- und Zukunftsgütern bestimmten die Haushalte zweitens, wie viel Ersparnis sie den Unternehmern zukommen ließen; sie nährten so und begrenzten zugleich deren Wachstum.

          Darüber, ob dieses Idealbild einer von vernünftigen Konsumenten im Hinblick auf ihre Lebensentwürfe über Preise, Lohnsatz und Zins gesteuerten Wirtschaft wirklich zutrifft, ist dann viel gestritten worden. Aber nirgends tritt die Interpretation der modernen Wirtschaft als einer noch immer „natürlichen“ Wirtschaft so deutlich hervor wie in den Begriffen der Österreichischen Schule. Böhm-Bawerk setzte ihr mit seinen Grundgedanken vom Zins als Ergebnis eines intertemporalen Tauschs und dem Entfließen des Zinses aus den Produktionsumwegen die Krone auf.

          Seine Karriere war glänzend. Neben hohen akademischen Ehren wie beispielsweise der Präsidentschaft der Österreichischen Akademie der Wissenschaften errang er einflussreiche Stellen in der Verwaltung, war mehrfach Minister und zog es doch zuletzt vor, an die Universität zurückzukehren, wo er so berühmte und gegensätzliche Schüler wie Joseph Schumpeter und Rudolf Hilferding hatte. Er entfaltete eine glänzende Polemik zur Verteidigung seiner Thesen: in Debatten mit den berühmtesten amerikanischen und europäischen Kollegen und in Auseinandersetzung mit der Historischen Schule, indem er deren Voluntarismus entgegentrat und zeigte, wie Macht durch das ökonomische Gesetz begrenzt wird. Manche Einzelheiten seines wissenschaftlichen Denkgebäudes sind heute in allgemeineren Begriffen untergegangen, aber er bleibt eine der faszinierendsten Gestalten der Dogmengeschichte und ein herausragender Gelehrter und Diener der späten Donaumonarchie.

          Folge 74 Wie geht es weiter?

          4. Januar: Das Forscherpaar Janet Yellen/George Akerlof.

          Bisher erschienene Beiträge: www.faz.net/weltverbesserer

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