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Eugen von Böhm-Bawerk : Warum darf man Zinsen nehmen?

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Die theoretische Idee enthält weit mehr als die bloße Lösung des Zinsproblems. Diese wird schon deshalb erreicht, weil die Unterscheidung von gegenwärtigen und zukünftigen Gütern es erlaubt, das Darlehen als Tausch zu interpretieren, bei dem nicht der Verleiher den Borger ausquetscht und einen zweiten Preis verlangt; der Anschein eines zweiten Preises entsteht, wenn man nicht erkennt, dass gegenwärtige und zukünftige Güter Kapital und zurückgegebenes Kapital infolge der zeitlichen Dimension verschiedene Güter sind.

Abwägung zwischen Gegenwarts- und Zukunftsgütern

Auch der weitergehende Gedanke des Aristoteles wird beantwortet: dass die reine Geldakkumulation eine unnatürliche Beschäftigung sei, weil sie kein Ziel kenne, oder dass, moderner gesprochen, die Gewinnmaximierung auf eine unbeschränkte Reichtumsakkumulation hinauslaufe. Der antike Haushalt war zugleich eine produzierende und eine konsumierende Einheit und stand ständig in der Spannung zwischen Reichtumserwerb und Genuss des Daseins. In der Neuzeit erschien der seinen Nutzen maximierende Haushalt getrennt von der gewinnmaximierenden Unternehmung.

Die Neoklassik und insbesondere Böhm-Bawerk sagten nun, dass die Gewinnmaximierung der Unternehmen nicht ins Beliebige wuchs, weil sie erstens unter der Kontrolle der Haushalte standen, die nach ihrem Nutzen die Abwägung trafen, wie viel sie für die Unternehmungen arbeiten und wie viel sie von ihnen kaufen wollten. So wurde die laufende Produktion begrenzt. Durch die Abwägung zwischen Gegenwarts- und Zukunftsgütern bestimmten die Haushalte zweitens, wie viel Ersparnis sie den Unternehmern zukommen ließen; sie nährten so und begrenzten zugleich deren Wachstum.

Darüber, ob dieses Idealbild einer von vernünftigen Konsumenten im Hinblick auf ihre Lebensentwürfe über Preise, Lohnsatz und Zins gesteuerten Wirtschaft wirklich zutrifft, ist dann viel gestritten worden. Aber nirgends tritt die Interpretation der modernen Wirtschaft als einer noch immer „natürlichen“ Wirtschaft so deutlich hervor wie in den Begriffen der Österreichischen Schule. Böhm-Bawerk setzte ihr mit seinen Grundgedanken vom Zins als Ergebnis eines intertemporalen Tauschs und dem Entfließen des Zinses aus den Produktionsumwegen die Krone auf.

Seine Karriere war glänzend. Neben hohen akademischen Ehren wie beispielsweise der Präsidentschaft der Österreichischen Akademie der Wissenschaften errang er einflussreiche Stellen in der Verwaltung, war mehrfach Minister und zog es doch zuletzt vor, an die Universität zurückzukehren, wo er so berühmte und gegensätzliche Schüler wie Joseph Schumpeter und Rudolf Hilferding hatte. Er entfaltete eine glänzende Polemik zur Verteidigung seiner Thesen: in Debatten mit den berühmtesten amerikanischen und europäischen Kollegen und in Auseinandersetzung mit der Historischen Schule, indem er deren Voluntarismus entgegentrat und zeigte, wie Macht durch das ökonomische Gesetz begrenzt wird. Manche Einzelheiten seines wissenschaftlichen Denkgebäudes sind heute in allgemeineren Begriffen untergegangen, aber er bleibt eine der faszinierendsten Gestalten der Dogmengeschichte und ein herausragender Gelehrter und Diener der späten Donaumonarchie.

Folge 74 Wie geht es weiter?

4. Januar: Das Forscherpaar Janet Yellen/George Akerlof.

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