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Die Weltverbesserer : Der japanische Keynes

Korekiyo Takahashi (1854–1936) Bild: Ullstein

Korekiyo Takahashi hat als Finanzminister in Japan keynesianische Politik betrieben. Und zwar lange vor Keynes. Das kostete ihn 1936 das Leben. Jetzt entdeckt die japanische Regierung ihn als Vorbild wieder.

          3 Min.

          In den frühen Morgenstunden des 26. Februar 1936 führten zwei junge Offiziere des Dritten Garderegiments der Kaiserlichen japanischen Armee einen Trupp Soldaten durch die stillen, verschneiten Gassen Tokios. Sie machten erst halt, als sie das Haus von Finanzminister Korekiyo Takahashi erreichten.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Die Soldaten brachen das Tor auf, stürmten ins Schlafzimmer des Ministers. Einer der Offiziere brüllte „Verräter“ und feuerte mehrere Schüsse auf den in seinem Bett liegenden Takahashi ab. Dann zückten mehrere Soldaten ihre Schwerter, schrien „Strafe des Himmels“ und zerhackten den Körper des 81-Jährigen.

          Für viele japanische Wissenschaftler war Takahashi das „letzte Bollwerk gegen den Militarismus“ in dem ostasiatischen Land. Nach seinem Tod führte der Weg Japans unaufhaltsam weiter in Richtung Militärdiktatur und Krieg. Vor allem aber ist der Politiker, der insgesamt siebenmal Finanzminister war, heute der geistige Vater der Wirtschafts- und Finanzpolitik, die nach dem Ministerpräsidenten Japans, Shinzo Abe, benannt und weltweit als „Abenomics“ zu einem Begriff geworden ist. Takahashi war Finanzminister während der Weltwirtschaftskrise, sein letzter Posten vor seiner Ermordung.

          Finanzierung durch die Notenpresse

          Lange bevor John Maynard Keynes 1936 seine „Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes“ veröffentlichte, hat Takahashi als Finanzminister in Tokio keynesianische Politik praktiziert. In Japan hatte die Regierung wie in anderen Ländern auch nach dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 1929 zuerst mit Sparpolitik reagiert. Der Yen wertete auf, das Handelsbilanzdefizit wuchs, vor allem in den ländlichen Regionen nahmen Armut und Arbeitslosigkeit zu. Als Takahashi in dieser Situation im Dezember 1931 zum fünften Mal an die Spitze des Finanzministeriums trat, riss er das Steuer herum. Als Erstes verließ Japan den Goldstandard. So entkam das Land dem deflationären Schock, dem andere Länder ausgesetzt waren.

          Anschließend setzte Takahashi Schritt für Schritt genau die Politik um, die heute Keynesianer in aller Welt als Ausweg aus der aktuellen Finanzkrise empfehlen: Er machte Schulden, finanzierte die Aufrüstung der japanischen Armee und schuf Beschäftigungsprogramme für die ländlichen Regionen. Als typischer Repräsentant der japanischen Eliten, die bis heute stärker auf den Staat als auf den Markt vertrauen, nutzte er den expansiven Staatshaushalt zum Aufbau der Schwerindustrie.

          Kern der Politik Takahashis war aber, dass er das alles finanzierte, indem er die Notenpresse anwarf. Von Ende 1932 finanzierte der Minister das stark wachsende Haushaltsdefizit durch die Ausgabe von Staatsanleihen, die direkt von der japanischen Notenbank finanziert wurden. Das hielt die Zinsen niedrig. Sobald es möglich war, versteigerte die Bank von Japan diese Anleihen dann wieder an private Banken.

          „Takahashi rettete Japan“

          Erst kurz vor seinem Tod zeigten sich die Grenzen dieser Politik. Spätestens als die Notenbank 1935 die Staatsanleihen am Markt nicht mehr loswurde, wusste Takahashi, dass er umsteuern musste. Er versuchte, die Forderungen des Militärs nach immer mehr Geld zu bremsen. In der Armee wurden deswegen bereits ein Jahr vor seinem Tod Rufe laut: „Beerdigt Takahashi.“ Der Versuch, aus der aggressiven Geld- und Finanzpolitik auszusteigen, kostete den Minister schließlich das Leben.

          Takahashi war, wie sein amerikanischer Biograph Richard Smethhurst schreibt, „keynesianischer als Keynes“. Tatsächlich kam Japan schneller als andere Länder aus der Krise. Waren die Ausgaben des Staats von 1929 bis 1931 noch von 1,74 auf 1,48 Milliarden Yen gekürzt worden, erhöhte Takahashi sie bis 1932 auf 2,25 Milliarden Yen.

          Der Yen verlor gegenüber dem Dollar 40 Prozent an Wert, die Exportindustrie profitierte, die Aktienkurse stiegen. Die Einkommen legten zwischen 1931 und 1936 um 60 Prozent zu, die Preise dagegen nur um 18 Prozent.

          Japan erholte sich in atemberaubendem Tempo. Auch deswegen orientiert sich die gegenwärtige japanische Regierung heute so stark an seiner Politik. „Takahashi rettete Japan damals, indem er genau das tat, was wir heute tun“, sagt Japans Finanzminister Taro Aso. Eigentlich müsste die sogenannte „Abenomics“ deswegen auch „Takahashinomics“ heißen.

          Ungelernt und unehelich

          Dabei ist Takahashi kein studierter Ökonom. Er hat, glaubt man seiner Autobiographie, überhaupt keine richtige Schulausbildung. Der spätere Minister, Notenbankchef - einmal sogar Regierungschef - verdankt seinen Aufstieg dem radikalen Umbruch Japans Mitte des 19. Jahrhunderts.

          Japan wurde noch von den Shogunen des Tokugawa-Clans beherrscht, als Takahashi am 27. Juli 1854 als uneheliches Kind geboren wurde. Sein Vater war Landschaftsmaler am Hof des Shoguns in Edo, wie Tokio damals hieß. Die Mutter, Tochter eines Fischhändlers, war 16 und als Haushaltshilfe beschäftigt. Takahashi wurde bereits kurz nach seiner Geburt von einem Samurai, einem japanischen Soldaten, adoptiert.

          Wie konnte dieser Mann einflussreicher Finanzpolitiker werden?

          Die Herrschaft der Togukawas stand damals schon kurz vor dem Ende. Ihr Sturz und die Restauration der Herrschaft des Kaisers eröffneten jungen Männern wie Takahashi ungeahnte Möglichkeiten. Er lernte Englisch, sprach die fremde Sprache bereits als Heranwachsender fließend. Das ebnete ihm den Weg in den Staatsdienst, nachdem die von den Tokugawas erzwungene hermetische Abriegelung des Landes beendet war.

          1905, als Japan im Krieg mit Russland war, war es Takahashi, der in London die Kredite westlicher Anleger aushandelte, die Japans historischen Sieg gegen das Zarenreich erst ermöglichten.

          Seinen Biographen Smethurst treibt die Frage bis heute um: Wie konnte der uneheliche Sohn eines Malers zu einem der kreativsten und bis heute einflussreichsten Finanzpolitiker werden? Smethhursts Antwort ist einfach: „Er entwickelte die meisten seiner Ideen während der Arbeit, sozusagen als politische Lehre in den verschiedenen Staatsämtern, in denen er arbeitete.“

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