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Ayn Rand : Die Hohepriesterin des Egoismus

  • -Aktualisiert am

Romancière, Publizistin und Rednerin Ayn Rand: umgeben von einer romantischen Aura Bild: Getty Images

Genie oder Furie - oder beides? Kaum ein Denker ist so umstritten wie sie: Alissa Sinowjewna Rosenbaum, genannt Ayn Rand. Sie vertritt einen radikalen Marktliberalismus. Und verpackt ihn in schwülstigen Romanen.

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          Genie oder Furie - oder beides? Kaum ein Denker ist so umstritten wie sie: Alissa Sinowjewna Rosenbaum, genannt Ayn Rand (1905-1982). Die einen verehren sie, in den anderen weckt schon der Name Aggressionen. Ihre ethische, nicht bloß effizienzorientierte Begründung des freien Markts, hat den einen ein Licht aufgehen, den anderen die Galle überlaufen lassen.

          Die einen halten ihr philosophisches Werk für das beste seit der Antike, die anderen verurteilen es als sektiererische Scharlatanerie. In der akademischen Welt gibt es kaum jemanden, der sich ernsthaft mit ihrem Denksystem beschäftigt. Und Literaturliebhaber schüttelt es, wenn sich bei der Lektüre der so voluminösen wie schwülstigen Romane wie „Atlas Shrugged“ oder „Fountainhead“ eine Sturzflut ideologischer Parolen über sie ergießt.

          Doch gerade diese Wälzer finden reißenden Absatz. Die Bücher der sendungsbewussten Autorin sind in einer Gesamtauflage von bisher 25 Millionen erschienen. Die Anhängerschaft in den Vereinigten Staaten reicht vom früheren Notenbankpräsidenten Alan Greenspan bis hin zur „Tea Party“.

          Aggressive Vertreterin des Rechts des Individuums

          In Europa ist sie weniger bekannt, doch auch hier geraten Rands Romane so manchen jungen Antikonformisten, die nach Orientierung suchen, zur „Einstiegsdroge zum Liberalismus“ - wenn man den Liberalismus denn mit der Doktrin des Minimalstaats oder gar des Anarchokapitalismus gleichsetzen will. Auf jeden Fall hat Ayn Rands Werk dank seiner Anziehungskraft im politischen Denken mehrerer Generationen erhebliche Wirkung entfaltet.

          Wer war diese Frau? Ayn Rand war Tochter deutschstämmiger Juden und hatte sich nach dem Studium der Philosophie und Geschichte aus der Sowjetunion nach Amerika abgesetzt. Revolution und Regime der Bolschewisten hatten sie mit Abscheu erfüllt. Es war wohl diese traumatische Erfahrung, die sie zeitlebens mit der Kraft des - stets auch aggressiven - Wortes für die Rechte des Individuums kämpfen ließ. Sie arbeitete als Lektorin und Drehbuchautorin, bevor sie sich als Romancière, Publizistin und Rednerin einen Namen machte.

          Was die Leserschaft bis heute an ihren Romanen offensichtlich elektrisiert, ist der darin enthaltene Aufstand gegen den Moralismus, zumindest gegen eine lästige, sauertöpfische puritanische Moral der Pflicht und des Verzichts, wie sie auch heute im Lager aller politisch Korrekten anzutreffen ist, nicht zuletzt unter den sozial und ökologisch Bewegten dieser Welt.

          Ayn Rand – umgeben von einer romantischen Aura

          Positiv gewendet bietet die Autorin ihren Lesern die ermutigende Gewissheit, dass es ihr gutes Recht ist, im Leben nach dem eigenen Glück zu suchen, ihr von der Natur mitgegebenes Potential auszuschöpfen und sich dabei von niemandem beirren zu lassen - und wo könnte man das besser als auf dem freien Markt, wo das Leistungsprinzip gilt? John Galt, den Helden ihres Epos „Atlas Shrugged“, lässt Rand am Ende seiner irrwitzig langen und von Pathos triefenden Radioansprache jenes Credo sprechen, das sie ihren Jüngern anempfiehlt: „Ich schwöre bei meinem Leben und bei meiner Liebe zum Leben: Ich werde nie für andere leben, und ich werde nie von anderen verlangen, dass sie für mich leben.“

          Das kann man als Warnung vor Willkür und Bekenntnis zu aufgeklärtem, über das rein Materielle hinausgehendem Selbstinteresse werten oder aber im Gegenteil als Heiligung eines narzisstischen Egoismus. Ayn Rand meinte ersteres - doch weil es die Leute so schön auf die Palme trieb, sprach sie lieber von der Göttlichkeit des „Ich“ und der „Tugend des Egoismus“, der sie noch die „Tugenden“ der Produktivität und des Stolzes beiordnete. Mit der kryptischen begrifflichen Parallelwelt, die sie sich mit solchen Umwertungen schuf, wuchs ihre singuläre romantische Aura genauso wie ihre wissenschaftliche Isolation.

          Eine Aufforderung glücklich zu werden

          Dabei ist Rands philosophischer Standpunkt durchaus anschlussfähig, wenn man sich von manchen konzeptionellen Impräzisionen ebenso wenig abschrecken lässt wie von ihren arg apodiktischen Urteilen. Rand verstand sich, durchaus unbescheiden, als geistige Nachfolgerin von Aristoteles, dessen Tugendethik sie liebte. Dafür hasste sie Immanuel Kant mit Inbrunst. Der Königsberger Philosoph, berühmt für seinen kategorischen Imperativ, erschien ihr als Verkörperung des Bösen und als gemeingefährlicher Wegbereiter des Totalitarismus.

          Mit dieser maßlosen Vehemenz schloss sie sich selbst aus der wichtigen, ernsten Debatte über Kant aus, in der sie durchaus hätte Verbündete finden können. Wie vielen, nicht nur liberalen Denkern gefiel Rand an Aristoteles besonders, dass er - anders als später Kant - von der umfassenden Kraft des Verstandes ausging. Daraus leitet sich die Vorstellung ab, dass Erkenntnis auch in Bezug auf metaphysische Fragen möglich ist: Mit dem Verstand hat der Mensch, wenn er denn will, einen vollen, „objektiven“ Zugriff auf die Realität.

          Auf Kriegsfuß mit Immanuel Kant

          Diesen Aspekt übernahm Ayn Rand und erfand dafür als eigenen philosophischen Markennamen das etwas hochtrabende Label „Objektivismus“. Auf der Basis seiner eigenen Erkenntnis hat dann jeder einzelne Mensch ohne Vorgaben zu entscheiden, was für ihn selbst ein gutes, erfülltes, tugendhaftes Leben ist. Rand machte in ihrem naturrechtlichen Überschwang daraus sogar eine Norm: Der Mensch ist nicht nur frei, sein Glück zu machen, er ist dazu aufgefordert.

          Auch für Kant war der Verstand von höchster Bedeutung, doch er sah letzte metaphysische Fragen. Zu denen hatte das fehlbare Mängelwesen Mensch, dessen Verstand bei der Verarbeitung seiner Anschauung durch den Filter seines - eben nicht objektiven - Bewusstseins getrübt ist, keinen Zugang. Für ihn gab es Dinge, die man zwar denken, aber nicht wissen kann.

          Wo Kant deshalb Demut und ein sich bescheidender Gottesglaube angebracht erschienen, witterte Rand die Selbstaufgabe des Individuums und das Einfallstor gerade für das, was Kant selbst verdammte: Willkür, Verzweckung des Menschen, Gewalt, Totalitarismus. Hatte Kant als liberaler Aufklärer nicht noch den „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ gefordert? Ayn Rand, die Unversöhnliche, verzieh ihm diesen Widerspruch nie.

          Karen Horn ist Vorstandsvorsitzende der Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft und lehrt an der Humboldt-Universität Berlin.

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