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Ayn Rand : Die Hohepriesterin des Egoismus

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Das kann man als Warnung vor Willkür und Bekenntnis zu aufgeklärtem, über das rein Materielle hinausgehendem Selbstinteresse werten oder aber im Gegenteil als Heiligung eines narzisstischen Egoismus. Ayn Rand meinte ersteres - doch weil es die Leute so schön auf die Palme trieb, sprach sie lieber von der Göttlichkeit des „Ich“ und der „Tugend des Egoismus“, der sie noch die „Tugenden“ der Produktivität und des Stolzes beiordnete. Mit der kryptischen begrifflichen Parallelwelt, die sie sich mit solchen Umwertungen schuf, wuchs ihre singuläre romantische Aura genauso wie ihre wissenschaftliche Isolation.

Eine Aufforderung glücklich zu werden

Dabei ist Rands philosophischer Standpunkt durchaus anschlussfähig, wenn man sich von manchen konzeptionellen Impräzisionen ebenso wenig abschrecken lässt wie von ihren arg apodiktischen Urteilen. Rand verstand sich, durchaus unbescheiden, als geistige Nachfolgerin von Aristoteles, dessen Tugendethik sie liebte. Dafür hasste sie Immanuel Kant mit Inbrunst. Der Königsberger Philosoph, berühmt für seinen kategorischen Imperativ, erschien ihr als Verkörperung des Bösen und als gemeingefährlicher Wegbereiter des Totalitarismus.

Mit dieser maßlosen Vehemenz schloss sie sich selbst aus der wichtigen, ernsten Debatte über Kant aus, in der sie durchaus hätte Verbündete finden können. Wie vielen, nicht nur liberalen Denkern gefiel Rand an Aristoteles besonders, dass er - anders als später Kant - von der umfassenden Kraft des Verstandes ausging. Daraus leitet sich die Vorstellung ab, dass Erkenntnis auch in Bezug auf metaphysische Fragen möglich ist: Mit dem Verstand hat der Mensch, wenn er denn will, einen vollen, „objektiven“ Zugriff auf die Realität.

Auf Kriegsfuß mit Immanuel Kant

Diesen Aspekt übernahm Ayn Rand und erfand dafür als eigenen philosophischen Markennamen das etwas hochtrabende Label „Objektivismus“. Auf der Basis seiner eigenen Erkenntnis hat dann jeder einzelne Mensch ohne Vorgaben zu entscheiden, was für ihn selbst ein gutes, erfülltes, tugendhaftes Leben ist. Rand machte in ihrem naturrechtlichen Überschwang daraus sogar eine Norm: Der Mensch ist nicht nur frei, sein Glück zu machen, er ist dazu aufgefordert.

Auch für Kant war der Verstand von höchster Bedeutung, doch er sah letzte metaphysische Fragen. Zu denen hatte das fehlbare Mängelwesen Mensch, dessen Verstand bei der Verarbeitung seiner Anschauung durch den Filter seines - eben nicht objektiven - Bewusstseins getrübt ist, keinen Zugang. Für ihn gab es Dinge, die man zwar denken, aber nicht wissen kann.

Wo Kant deshalb Demut und ein sich bescheidender Gottesglaube angebracht erschienen, witterte Rand die Selbstaufgabe des Individuums und das Einfallstor gerade für das, was Kant selbst verdammte: Willkür, Verzweckung des Menschen, Gewalt, Totalitarismus. Hatte Kant als liberaler Aufklärer nicht noch den „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ gefordert? Ayn Rand, die Unversöhnliche, verzieh ihm diesen Widerspruch nie.

Karen Horn ist Vorstandsvorsitzende der Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft und lehrt an der Humboldt-Universität Berlin.

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