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Anthony Atkinson : Der Erforscher der Ungleichheit

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Bild: F.A.S.

Wie kann man reichen Leuten am besten Geld wegnehmen? Der britische Ökonom Anthony Atkinson widmet sich seit seinen Zwanzigern den Tücken der Umverteilung. Aus unserer Serie „Die Weltverbesserer“.

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          Es ist kaum möglich, den britischen Ökonomen „Tony“ Atkinson nicht sympathisch zu finden. Sein Forscherleben hat er der Analyse wirtschaftlicher Ungleichheit gewidmet, er wurde mit akademischen Ehrungen überschüttet und von der englischen Königin in den Adelsstand erhoben. Trotzdem ist ihm jeder Dünkel fremd. Seine unkomplizierte Art, seine Brillanz und seine Begeisterung für die ökonomische Forschung machen ihn zu einem herausragenden Wissenschaftler und Lehrer.

          Dabei treibt ihn der Wunsch voran, zur Lösung realer wirtschaftlicher Probleme beizutragen. Tony Atkinson tritt niemals besserwisserisch auf, aber er erinnert seine Kollegen immer wieder daran, die Inhalte ihrer Forschung zu überdenken und wirtschaftspolitisch relevante Themen zu bearbeiten, statt sich in akademischen Glasperlenspielen zu verlieren. Das heißt nicht, dass er theoretische Analysen oder mathematische Modelle für entbehrlich hält. Im Gegenteil. Atkinson ist ein Pionier der Theorie Optimaler Besteuerung, die mathematische Modelle verwendet, um Steuer- und Transfersysteme zu durchdenken.

          Jenseits von simplen Botschaften

          Gemeinsam mit dem Nobelpreisträger Joseph Stiglitz hat er eine bahnbrechende Arbeit verfasst, die das Zusammenwirken direkter und indirekter Steuern untersucht. Die Autoren kommen zu dem Ergebnis, dass eine progressive Einkommensteuer besser als Umverteilungsinstrument geeignet ist als indirekte Steuern. Diese Studie liefert wichtige Argumente gegen die verbreitete Praxis, reduzierte Mehrwertsteuersätze für Güter des täglichen Gebrauchs wie etwa Lebensmittel zu gewähren. Die Einkommensteuer ist das effektivere Umverteilungsinstrument.

          Tony Atkinson gehört allerdings nicht zu den Ökonomen, die simple Botschaften verbreiten und behaupten, dabei wissenschaftliche Wahrheiten zu verkünden. In einem 2011 erschienenen Aufsatz fordert er, Wirtschaftswissenschaftler sollten sich stärker mit der Tatsache auseinandersetzen, dass es höchst unterschiedliche Vorstellungen über die Ziele der Wirtschaftspolitik gibt, beispielsweise über die Gewichtung von Sicherheit, Freiheit und Effizienz. Außerdem sollten Aspekte beschränkter Rationalität gezielt aufgegriffen werden. Dem zu folgen ist unbequem, erschwert ökonomische Analysen und die Formulierung wirtschaftspolitischer Empfehlungen. Aber realen ökonomischen Problemen kann man nicht gerecht werden, wenn man wichtige Dimensionen ihrer Komplexität ignoriert.

          Mehr Wissen zur Einkommensentwicklung wünschenswert

          Das beherrschende Thema der Forschung von Tony Atkinson ist die wirtschaftliche Ungleichheit. Typisch für ihn ist der systematische und nüchterne Umgang mit dem Thema. 1970, im Alter von 26 Jahren, publizierte er eine einflussreiche Arbeit zur Messung von Ungleichheit. Die Studie zeigt, dass üblicherweise verwendete Ungleichheitsmaße versteckte Wertungen darüber enthalten, welche Aspekte von Ungleichheit relevant sind und welche nicht. Beispielsweise betonen bestimmte Maße zur Einkommensungleichheit den Abstand zwischen den Spitzenverdienern und der Mittelschicht, während andere die niedrigsten Einkommen stärker gewichten. Atkinson fordert, diese Gewichtungen bei der Entwicklung von Ungleichheitsmaßen offenzulegen, sie in den Mittelpunkt der Analyse zu stellen, und er schlägt ein eigenes Ungleichheitsmaß vor.

          Die Forschung von Tony Atkinson zum Thema Ungleichheit und Umverteilung beschränkt sich nicht auf theoretische und konzeptionelle Beiträge. Er hat sich intensiv mit empirischen Studien zu diesen Themen beschäftigt. Üblicherweise beginnen seine empirischen Arbeiten mit einer umfangreichen Diskussion der Datenlage. Er beklagt immer wieder, dass die amtliche Statistik zu wenig tut, um die Verteilung von Einkommen, Vermögen oder Konsum zu dokumentieren. Beispielsweise sind in vielen Ländern Informationen über die Einkommensverteilung nur für einzelne Jahre verfügbar. Es wäre aber wünschenswert zu wissen, wie das Einkommen von einzelnen Personen oder Familien sich entwickelt.

          Eine aktuelle Studie von Tony Atkinson untersucht die Frage, welcher Zusammenhang zwischen Bankenkrisen und Ungleichheit besteht. Die meisten existierenden Studien zu Ursachen und Folgen der Finanzkrise behandeln Verteilungsaspekte nur am Rande, obwohl sich hier wichtige Fragen stellen. So könnten stagnierende Löhne im Bereich der mittleren und niedrigen Einkommen in den Vereinigten Staaten private Haushalte veranlasst haben, sich übermäßig zu verschulden, um ihren Lebensstandard aufrechtzuerhalten. Steigende Einkommensungleichheit könnte deshalb eine Ursache der Finanzkrise sein.

          Hat die Krise womöglich die Ungleichheit verringert?

          Spannend sind außerdem die Folgen der Krise: Hat sie die Ungleichheit reduziert, weil vor allem die reicheren Haushalte getroffen wurden, deren Vermögen wegen sinkender Aktien- und Immobilienpreise schrumpft? Oder hat die Ungleichheit zugenommen, weil die ärmeren Bevölkerungsschichten von Arbeitslosigkeit getroffen wurden? Atkinson untersucht diese Fragen, indem er die Entwicklung der Einkommens- und Vermögensungleichheit für 66 Finanzkrisen der Vergangenheit analysiert. Dabei zeigt er, dass die Ungleichheit sich vor und nach diesen Krisen sehr unterschiedlich entwickelt hat. Er kommt zu dem Ergebnis, dass wachsende Einkommensungleichheit wohl keine zentrale Ursache der aktuellen Finanzkrise war. Wie die Krise sich auf die Ungleichheit auswirkt, darüber will Atkinson kein Urteil wagen, weil die Datenlage dies noch nicht erlaube.

          Diese Schlussfolgerungen sind für Tony Atkinson typisch. Er verbindet großen Aufwand und Sorgfalt bei der Datenanalyse mit kritischer Distanz zu den eigenen Forschungsergebnissen und vorsichtiger Interpretation. Das ist sicherlich ein Grund dafür, dass die Politik seinen Rat immer wieder sucht. Das beschränkt sich nicht auf Großbritannien. Die französische Regierung hat sich ebenfalls von ihm beraten lassen und ihn dafür sogar zum Ritter der französischen Ehrenlegion ernannt. Auch diese Ehrung wird er mit der ihm eigenen freundlichen Gelassenheit entgegengenommen haben.

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