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Anthony Atkinson : Der Erforscher der Ungleichheit

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Die Forschung von Tony Atkinson zum Thema Ungleichheit und Umverteilung beschränkt sich nicht auf theoretische und konzeptionelle Beiträge. Er hat sich intensiv mit empirischen Studien zu diesen Themen beschäftigt. Üblicherweise beginnen seine empirischen Arbeiten mit einer umfangreichen Diskussion der Datenlage. Er beklagt immer wieder, dass die amtliche Statistik zu wenig tut, um die Verteilung von Einkommen, Vermögen oder Konsum zu dokumentieren. Beispielsweise sind in vielen Ländern Informationen über die Einkommensverteilung nur für einzelne Jahre verfügbar. Es wäre aber wünschenswert zu wissen, wie das Einkommen von einzelnen Personen oder Familien sich entwickelt.

Eine aktuelle Studie von Tony Atkinson untersucht die Frage, welcher Zusammenhang zwischen Bankenkrisen und Ungleichheit besteht. Die meisten existierenden Studien zu Ursachen und Folgen der Finanzkrise behandeln Verteilungsaspekte nur am Rande, obwohl sich hier wichtige Fragen stellen. So könnten stagnierende Löhne im Bereich der mittleren und niedrigen Einkommen in den Vereinigten Staaten private Haushalte veranlasst haben, sich übermäßig zu verschulden, um ihren Lebensstandard aufrechtzuerhalten. Steigende Einkommensungleichheit könnte deshalb eine Ursache der Finanzkrise sein.

Hat die Krise womöglich die Ungleichheit verringert?

Spannend sind außerdem die Folgen der Krise: Hat sie die Ungleichheit reduziert, weil vor allem die reicheren Haushalte getroffen wurden, deren Vermögen wegen sinkender Aktien- und Immobilienpreise schrumpft? Oder hat die Ungleichheit zugenommen, weil die ärmeren Bevölkerungsschichten von Arbeitslosigkeit getroffen wurden? Atkinson untersucht diese Fragen, indem er die Entwicklung der Einkommens- und Vermögensungleichheit für 66 Finanzkrisen der Vergangenheit analysiert. Dabei zeigt er, dass die Ungleichheit sich vor und nach diesen Krisen sehr unterschiedlich entwickelt hat. Er kommt zu dem Ergebnis, dass wachsende Einkommensungleichheit wohl keine zentrale Ursache der aktuellen Finanzkrise war. Wie die Krise sich auf die Ungleichheit auswirkt, darüber will Atkinson kein Urteil wagen, weil die Datenlage dies noch nicht erlaube.

Diese Schlussfolgerungen sind für Tony Atkinson typisch. Er verbindet großen Aufwand und Sorgfalt bei der Datenanalyse mit kritischer Distanz zu den eigenen Forschungsergebnissen und vorsichtiger Interpretation. Das ist sicherlich ein Grund dafür, dass die Politik seinen Rat immer wieder sucht. Das beschränkt sich nicht auf Großbritannien. Die französische Regierung hat sich ebenfalls von ihm beraten lassen und ihn dafür sogar zum Ritter der französischen Ehrenlegion ernannt. Auch diese Ehrung wird er mit der ihm eigenen freundlichen Gelassenheit entgegengenommen haben.

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