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Hans-Ulrich Wehler : Der Historiker

Hans-Ulrich Wehler (1931-2014) Bild: action press

Hans-Ulrich Wehler hat die Geschichtswissenschaft auf den Boden der ökonomischen Tatsachen zurückgeführt. Am vergangenen Wochenende ist der große Gelehrte im Alter von 82 Jahren gestorben.

          Die Fakultät wollte seine Arbeit nicht haben. In akribischer Kleinarbeit hatte der erst 33-jährige Historiker eine Fülle von Quellenmaterial zum „Aufstieg des amerikanischen Imperialismus“ gesammelt. Das Ergebnis erscheint aus heutiger Sicht wenig skandalös: Die Vereinigten Staaten, so die These Hans-Ulrich Wehlers, hätten ihr informelles Imperium vor allem aus wirtschaftlichen Motiven errichtet. Es ging darum, freien Zugang zu allen Märkten durchzusetzen.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Kölner Professoren waren empört – und lehnten Wehlers erste Habilitationsschrift 1964 als „nicht hinreichende historische Leistung“ ab. Sie waren es gewohnt, Geschichte als den Kampfplatz großer Männer und hehrer Ideen zu betrachten. Dass es dabei um wirtschaftliche Interessen gehen sollte, um schnödes Geld, diesen Gedanken lehnten sie ab (und sahen ihn, auf Amerika bezogen, als Schmähung des Verbündeten). Dafür mochten sich ein paar Kollegen in den ökonomischen Fachbereichen interessieren, nicht aber ein ehrbarer Allgemeinhistoriker. In heutigem Vokabular würde man sagen: Der Prüfungsausschuss warf Wehler eine Ökonomisierung des Geschichtsbildes vor.

          Das Primat der Ökonomie

          Das stand damals unter Marxismusverdacht, später warf man es – unter umgekehrten Vorzeichen – dem „Neoliberalismus“ vor. Beides traf auf Wehler nicht zu, der sein theoretisches Rüstzeug von dem Soziologen Max Weber bezog. Und doch hatten seine skeptischen Prüfer zweifellos recht: Der Bielefelder Historiker, der kürzlich im Alter von 82 Jahren gestorben ist, hat die deutsche Geschichtswissenschaft von ihren idealistischen Höhen auf die materiellen Grundlagen zurückgeführt. Das war für ihn kein Detail, sondern die Basis jener „Allgemeinen Geschichte“, die er als Lehrstuhlinhaber vertrat.

          Seine monumentale „Deutsche Gesellschaftsgeschichte“, die zwischen 1987 und 2008 erschien, gliederte er in Anlehnung an Weber in vier Dimensionen: Wirtschaft, soziale Ungleichheit, politische Herrschaft, Kultur. Mit Bedacht setzte er die Wirtschaft an die erste Stelle, und er verstand darunter – das war dann doch ein Marx-Zitat – alle Tätigkeiten, „die Menschen im Stoffwechsel mit der Natur zur Gewinnung ihres Lebensunterhalts betreiben“. Der „Basisprozess“ aller gesellschaftlichen Entwicklung war für ihn „die Entfaltung erst des Kapitalismus, dann vor allem des Industriekapitalismus“.

          Die übrigen drei Kategorien waren für ihn letztlich nur Ableitungen. Das galt, zumindest am Beginn seiner Karriere, gerade auch für die politische Herrschaft. Nicht nur in der amerikanischen Außenpolitik sah er einen Ausfluss des ökonomischen Kalküls. Auch die imperialen Ambitionen des deutschen Reichskanzlers Otto von Bismarck betrachtete er als Versuch, von sozioökonomischen Spannungen im Inland abzulenken. Das war das Thema seiner zweiten Habilitationsschrift, die abermals auf starken Widerstand stieß, schließlich aber angenommen wurde.

          Nur in dem Abschnitt der „Gesellschaftsgeschichte“, der sich mit dem Nationalsozialismus befasste, setzte er die Politik an die erste Stelle. Das war eine deutliche Absage an die vulgärmarxistische Theorie vom Faschismus als der Diktatur des Finanzkapitals. Für Wehler ließ sich die „charismatische Herrschaft“ Adolf Hitlers nicht aus der Ökonomie ableiten, im Gegenteil: Fatal war aus seiner Sicht gerade „das utopische Trugbild einer sozialharmonischen Volksgemeinschaft“, das den Wettstreit wirtschaftlicher Interessen leugnete.

          Umverteilung ändert nichts an Statusunterschieden

          In gewöhnlichen Zeiten bildeten Markt und Staat für ihn keine Gegensätze, auf das „Mischungsverhältnis von vorausschauender Steuerung und spontaner Marktreaktion“ kam es ihm an. Die Möglichkeit, an der ungleichen Verteilung von Einkommen und Vermögen politisch etwas zu ändern, beurteilte er skeptisch. So las es sich wenigstens in dem Band über die Bundesrepublik. Dort betonte er die „Dauerhaftigkeit struktureller sozialer Ungleichheit“: Während der Jahre von Wirtschaftswunder und Bildungsexpansion beförderte der „Fahrstuhleffekt“ zwar ganze Bevölkerungsgruppen nach oben, an den relativen Statusunterschieden änderte das aber wenig.

          Angesichts dieses Fatalismus erstaunte es, dass Wehler im vorigen Jahr mit einer Kampfschrift über soziale Ungleichheit in Deutschland an die Öffentlichkeit trat. „Die neue Umverteilung“, so hieß der für seine Verhältnisse schmale Band. Noch in seinem letzten Interview, das er wenige Tage vor seinem Tod einem „Stern“-Journalisten gab, beklagte er, dass Topmanager heute das 300-Fache eines Facharbeitergehalts verdienten. Vor einem Vierteljahrhundert sei es noch das 25-Fache gewesen. „In der neueren Geschichte gibt es keine Klasse, die ihre Habgier so ungebremst ausgelebt hat“, wetterte er.

          Es belebte ihn ungemein, dass sich eine jüngere Generation von Wissenschaftlern seit der Finanzkrise wieder für ökonomische Strukturen zu interessieren begann, nicht nur der Franzose Thomas Piketty. Mit unverhohlener Distanz hatte Wehler das Treiben seiner unmittelbaren Nachfolger beobachtet, die im Zeichen einer grün-alternativen Postmoderne den historischen Materialismus Bielefelder Prägung ablehnten und die Geschichte ganz postmaterialistisch aus Diskursen und Mentalitäten erklärten. Für Wehler war das nichts als „luftiger Kulturalismus“, wie er einmal schimpfte.

          In der Wissenschaft setzte er auf den freien Markt

          Er hielt an den Kategorien der klassischen Moderne fest, sah den Menschen mit Max Weber noch immer im ehernen Gehäuse von Kapitalismus und Bürokratie gefangen. Zwar leugnete er die Tendenz zur Flexibilisierung nicht, auch verteidigte er den „unvermeidlichen Umbau des exzessiv aufgeblähten Sozialstaats“ durch den sozialdemokratischen Bundeskanzler Gerhard Schröder. Aber das Hohelied auf Pluralisierung und Individualisierung blieb für ihn eine ahistorische Illusion.

          In ihrer Skepsis gegenüber Erklärungsmustern jenseits des Materiellen ähnelte seine Weltsicht, bei allen Unterschieden, dem Mainstream der ökonomischen Wissenschaften. Die Kultur sei das Gebiet, „wo ich die Grenzen der Sachkompetenz am stärksten spüre“, räumte er im Vorwort zur Gesellschaftsgeschichte freimütig ein. So sah er auch auf diesem Feld vor allem Dinge, die ins Raster seiner Strukturgeschichte passten: Die Publizistik war für ihn ein Markt, die Ideengeschichte ein Kampfplatz von Eliten und Klassen.

          Dabei ließ sich gerade auch an Wehlers Habitus die Kraft kultureller Prägungen erkennen. Es war gewiss auch eine Generationsfrage, dass er einen illusionslosen Sarkasmus jeder Gefühligkeit vorzog oder dass er die Einwanderungsgesellschaft skeptisch sah. Zu diesen Prägungen zählte aber vor allem das Leistungsethos eines Mannes, der frühmorgens im Schwimmbad seine Bahnen zog und spätabends noch am heimischen Schreibtisch saß. Er verschlang Unmengen an Fachliteratur und vernachlässigte darüber nicht die Lektüre des Wirtschaftsteils der F.A.S. Wissenschaft und Publizistik waren für ihn ein Wettbewerb, in dem er sich und andere nicht schonte. Hier setzte er auf das Prinzip des freien Marktes, auf dem er sich wie kein anderer seines Fachs behauptete.

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