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Daron Acemoglu : Warum Nationen scheitern

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Daron Acemoglu: Türkisch-Amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler Bild: Jared Leeds/Aurora Photos/laif

Daron Acemoglu weiß: Solange Länder in der Hand kleiner, mächtiger Eliten sind, werden sie niemals reich. Aus unserer Serie „Die Weltverbesserer“.

          Es gibt Ökonomen, die interessieren sich für die kleinen Fragen des Alltags: Warum ist das Popcorn im Kino so teuer? In welcher Reihenfolge sollten Passagiere in ein Flugzeug einsteigen, damit das Einsteigen zügig vonstatten geht?

          Und dann gibt es Ökonomen wie Daron Acemoglu. Der türkisch-amerikanische Forscher vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) hat sich immer schon ausschließlich für die großen Fragen interessiert. Schon als Schüler in der Türkei grübelte er darüber nach: Warum sind einige Länder reich, während andere auf keinen grünen Zweig kommen? Und was sagt uns die Antwort über die Chancen der armen Länder, in Zukunft doch noch reich zu werden?

          Mittlerweile hat Acemoglu eine eindeutige Antwort. Die Unterschiede lassen sich auf unterschiedliche politische und ökonomische Institutionen zurückführen. Sind diese „extraktiv“, hat also eine kleine Elite die politische Macht und die Kontrolle über ökonomische Ressourcen inne, stehen die Chancen für das Land schlecht, weil die Elite die Ressourcen zur Anhäufung persönlicher Vermögen verwenden kann anstatt zum Wohl der Gesamtbevölkerung.

          Hat ein Land dagegen „inklusive“ Institutionen wie demokratische Wahlen, individuelle Eigentumsrechte und wirtschaftliche Aufstiegsmöglichkeiten für jeden, ist es wahrscheinlicher, dass die Ressourcen zum Wohle aller genutzt werden und das Land reich wird. Faktoren wie Klima, Geographie oder Kultur, die andere Ökonomen für entscheidend halten, spielen Acemoglus Ansicht nach nur insofern eine Rolle, als sie die Entstehung dieser Institutionen beeinflussen.

          Unterschiedlicher Entwicklungsstand: Spätfolgen der Kolonisierung

          Als Acemoglu seine Karriere begann, fristeten solche politökonomischen Ansätze unter Wirtschaftswissenschaftlern eher ein Nischendasein; heute sind sie auch dank seiner Bemühungen Teil des Mainstreams. Vor zehn Jahren gewann er für seine Arbeit die John-Bates-Clark-Medaille, die an vielversprechende Ökonomen unter vierzig verliehen wird und als eine Art Vorschuss auf den Nobelpreis gilt.

          Berühmt wurde Acemoglu mit einem Aufsatz, in dem er und zwei Kollegen, darunter sein langjähriger Ko-Autor James Robinson, den unterschiedlichen Entwicklungsstand einzelner Länder mit den Spätfolgen der Kolonisierung erklären. Als die Europäer den Rest der Welt kolonisierten, verfolgten sie nicht überall die gleiche Strategie. Während sie in einigen Kolonien – dort, wo die klimatischen Bedingungen für hohe Sterblichkeitsraten unter den europäischen Siedlern sorgten – nur daran interessiert waren, ohne großen persönlichen Einsatz möglichst schnell die Ressourcen des Landes auszuplündern, wie es frühe spanische Siedler in Südamerika oder die Belgier in Kongo taten, hatten sie anderswo längerfristige Pläne.

          So errichteten die Briten in Nordamerika eigene Siedlungen, in denen die Siedler weitgehend nach den gleichen Regeln lebten, die sie von zu Hause gewohnt waren und die für die damalige Zeit die liberalsten auf der ganzen Welt waren. Die Siedler, zumindest die Männer unter ihnen, genossen politische Mitbestimmungsrechte und den Anspruch auf die Früchte ihrer Arbeit. Das verhinderte nicht, dass sie die eingeborene Bevölkerung brutal unterdrückten, sorgte aber für wirtschaftliche Entwicklung und liberale Institutionen, die mit der Zeit robuster wurden und auch nach der Unabhängigkeit der Kolonien weiterbestanden.

          In den anderen Kolonien, beobachten Acemoglu & Co, verfestigten sich dagegen Institutionen, die der Ausplünderung dienten. Nach dem Abzug der Europäer richteten sich in diesen Ländern neue Eliten in den alten Strukturen ein und fuhren fort, ihre Landsleute zum eigenen Vorteil auszuplündern – ganz im Stil ihrer Vorgänger, der europäischen Kolonisten.

          Freiheitsrechte sind wichtig, um Wohlstand zu schaffen

          Warum ist es so schädlich für die wirtschaftliche Entwicklung, wenn die Macht in der Hand einer kleinen Elite liegt? Acemoglu erklärt das anhand der Anreize, die durch solche Strukturen geschaffen werden. Wirtschaftliches Wachstum entsteht seiner Theorie zufolge durch Innovation. Und am innovativsten sind wir, wenn wir damit rechnen können, dass wir selbst von unseren Anstrengungen profitieren werden.

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