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Daniel Kahneman : Der sanfte Revoluzzer

Daniel Kahneman (Jahrgang 1934) Bild: Andreas Müller

Der Psychologe Daniel Kahneman hat die Ökonomie umgekrempelt. Nur seine Mutter konnte er damit nicht überraschen.

          Stellen Sie sich vor, Sie wollen einen Tennisschläger und eine Packung Bälle kaufen. Für beides zusammen bezahlen Sie 110 Euro. Der Schläger kostet 100 Euro mehr als die Bälle – wie teuer sind Schläger und Bälle dann jeweils einzeln? Scheinbar lässt sich diese Aufgabe ohne großes Nachdenken lösen. Die Zahlen 100 und 10 schießen einem unwillkürlich durch den Kopf. Aber stimmen sie auch?

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Daniel Kahneman liebt solche kleinen Experimente, die in die Irre führen und seinen Lesern ihre eigene Unvollkommenheit verdeutlichen. Und zwar nicht, weil Kahneman ein Besserwisser ist, sondern weil die tückischen Denkaufgaben seine zentrale These unmittelbar sichtbar werden lassen: Der Mensch ist ein intuitiv denkendes und handelndes Wesen. In der Regel fährt er damit gut, aber er macht auch systematisch Fehler, die das Leben schwer machen. Zum Glück aber können wir gezielt unseren Kopf einschalten und ein zweites, sehr rational funktionierendes Denksystem aktivieren. Erst nach diesem Denkakt dämmert uns, dass der Tennisschläger in Wahrheit 105 Euro kostet und die Bälle nur 5 Euro.

          Der Totengräber des Homo oeconomicus

          Die Unterscheidung dieser beiden Denksysteme wirkt trivial, deckt sie sich doch mit dem, was wir jeden Tag selbst erleben. In den Wirtschaftswissenschaften jedoch hat sie eine ungeheure Sprengkraft entfaltet. Denn der Homo oeconomicus, dieser jahrzehntelang herrschende, ultrarationale Modellmensch, kennt keine Intuition. Er saugt alle verfügbaren Informationen in Echtzeit auf und spuckt ein für seine Zwecke optimales Ergebnis aus. Noch mal nachdenken, sich korrigieren, das gibt es bei ihm nicht.

          Kahneman ist einer der Totengräber dieses theoretischen Konstrukts – und zugleich einer der Wegbereiter der Verhaltensökonomie, die Psychologie und klassische Wirtschaftswissenschaft miteinander verbindet. Offenbar musste erst ein Mann kommen, der nach eigenem Bekunden als Student nicht eine einzige Ökonomievorlesung besucht hat, um das in der Disziplin vorherrschende Paradigma zu brechen und den blutleeren Modellen frisches Leben einzuhauchen.

          Wer ist der Mann, der für diese Leistung im Jahr 2002 mit dem Nobel-Gedächtnispreis für Wissenschaften ausgezeichnet wurde? Kahnemann wird als Sohn litauischer Eltern 1934 in Tel Aviv geboren. Seine Kindheit verläuft turbulent. Denn der Junge verbringt seine Kindheit mit seinen jüdischen Eltern während des Zweiten Weltkriegs in Paris. Die ständige Angst vor den Nazis und der möglichen Deportation setzt der Familie zu.

          In Erinnerung bleiben aber nicht nur Angst und Schrecken, in seiner Autobiographie berichtet Kahneman über eine überraschende Begegnung mit einem deutschen SS-Mann in schwarzer Uniform: Der Mann, der ihn intensiv begutachtete, entpuppt sich als Kinderfreund, steckt ihm etwas Geld zu und zeigt ihm das Foto seines eigenen Sohnes. Der Junge zieht daraus den Schluss, dass nicht immer alles ausschließlich so ist, wie es auf den ersten Blick scheint – eine Einsicht, die in Kahnemans Forscherleben immer wieder auftaucht.

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