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Charles Kindleberger : Wenn’s ganz schlimm kommt, hilft nur der Staat

  • -Aktualisiert am

Charles Kindleberger (1910-2003) Bild: Harry S. Truman Library

Charles Kindleberger hat Finanzkrisen akribisch untersucht: Am gefährlichsten wird es dann, wenn die Politik sich nicht zuständig fühlt. Aus unserer Serie „Die Weltverbesserer“.

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          Für einen Ökonomen hatte Charles Kindleberger schon immer sehr viel Respekt vor der Politik. „Wir erwarten von den Wirtschaftswissenschaften einfach viel zu viel“, hat er einmal in einem Interview gesagt. Angesichts des permanenten Wandels, dem die Wirtschaft unterliegt, fand er es vermessen, endgültige Schlussfolgerungen ziehen zu wollen, wie sie funktioniert. Märkte machen ihre Arbeit zwar in der Regel recht gut, sind aber krisenanfällig. Überlässt man sie in Krisen sich selbst, hat das schlimme Folgen.

          Sicher kam dieser Hang zum Politischen auch daher, dass Kindleberger selbst schon in jungen Jahren zum Protagonisten wichtiger politischer Ereignisse wurde. Der amerikanische Ökonom wurde im Jahr 1910 geboren und kam damit in einer Zeit zur Wirtschaftswissenschaft, die durch weltweite Krisen geprägt war. Zu verstehen, wie Krisen entstehen und bewältigt werden können, sollte sein Lebensthema werden.

          Als im Jahr 1929 die amerikanische Börse abstürzte, hatte der junge Charles gerade erst sein zweites Jahr an der Universität begonnen und vermochte die Ereignisse noch nicht einzuordnen. Doch nur wenige Jahre später wurde er selbst zum Akteur. Als Mitarbeiter des amerikanischen Finanzministeriums und der Federal Reserve verfolgte er die Panik am Goldmarkt und die Dollarkrise des Jahres 1937.

          Krisen sind im Kapitalismus unvermeidlich

          Nach dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten arbeitete er für den amerikanischen Auslandsgeheimdienst. Und als der Krieg vorbei war, wechselte Kindleberger ins Außenministerium, wo er zu einem der Architekten des Marshallplans wurde, mit dem die Vereinigten Staaten die wirtschaftliche Erholung des europäischen Kontinents - und des wichtigsten eigenen Marktes - beschleunigen wollten. Die Erfahrung, dass ein einzelnes Land viel Geld in den Wiederaufbau einer ganzen Weltgegend steckt, um das internationale Wirtschaftssystem wieder auf Kurs zu bringen, prägte Kindleberger. Die Bedeutung solch „wohlwollender Hegemonie“, um Krisen zu überwinden, zieht sich durch sein Werk, obwohl er der Politik den Rücken kehrte und Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT) wurde, nachdem der Marshallplan verabschiedet war.

          Zu wissen, wie Krisen erfolgreich bekämpft werden können, war Kindleberger deswegen so wichtig, weil er sie für unvermeidlich hielt. In Kindlebergers Theorie, die auf den Modellen des Krisenforschers Hyman Minsky aufbaut, sind die Blasen, die Krisen auslösen können, eine unausweichlich wiederkehrende Erscheinung des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Zwar betonte er in seiner Arbeit immer wieder die Bedeutung spezieller historischer Umstände und mied die mathematischen Modelle, die viele seiner Kollegen bevorzugten, um die Gesetzmäßigkeiten der Wirtschaft zu beschreiben. Doch die Untersuchung so unterschiedlicher historischer Krisen wie des holländischen Tulpenwahns und der großen Depression ließ ihn zu dem Schluss kommen, dass Krisen über die Jahrhunderte einem ähnlichen Muster folgen.

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