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Charles Dickens als Ökonom : Gänse, Wild und Austern für die Armen

Charles Dickens (1812 bis 1870) Bild: dpa

Charles Dickens war nicht der Sozialkritiker, für den die Deutschen ihn halten. Im Gegenteil: Er sah sich selbst als radikalen Liberalen.

          4 Min.

          Im frühen 19. Jahrhundert war England ein Wohlfahrtsstaat, wie viele ihn heute sich wünschen: Das Armenrecht sicherte jedermann, ob er arbeitete oder nicht, ein garantiertes Grundeinkommen zu, welches in seiner Höhe an den Brotpreis gekoppelt war. Es wurde von den Kommunen, die ihrer Fürsorgepflicht nachzukommen hatten, an die Bedürftigen ausgezahlt. Jedermann wurde ein „Recht zu leben“ („right to live“) zugestanden.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Bald kam dieses humane Recht in Schwierigkeiten, weil es dem von der industriellen Revolution entfesselten Kapitalismus die Arbeiter entzog: die Armen suchten sich nicht in den Industriezentren Arbeit; denn dann hätten sie den Anspruch auf Unterstützung durch ihre Heimatgemeinde verloren.

          Das änderte sich im Jahr 1834 durch ein radikal neues Armenrecht – eine der wichtigsten sozialpolitischen Revolutionen der Wirtschaftsgeschichte: Fortan galt der Grundsatz, dass Fürsorge finanziell nicht attraktiver werden dürfe als Arbeit. Zur Abschreckung wurden alle Armen, die arbeitsfähig waren, in Arbeitshäuser gesteckt, wo sie sich ihren Unterhalt selbst verdienen mussten.

          In ein solches Armenhaus kommt auch der neunjährige Oliver Twist, ein Findelkind und Waisenjunge. Als die Kinder vor Hunger nicht mehr aus und ein wissen, fällt das Los auf Oliver, dem Vorsteher nach dem Abendessen einen der berühmtesten Sätze der Weltliteratur entgegenzuschleudern: „Please, Sir, I want some more.“ Sein Aufbegehren bringt Oliver die Verfluchung ein, er werde noch am Galgen enden. Und das Armenhaus offeriert jedermann eine Prämie von fünf Pfund, der Oliver Twist der Gemeinde abnähme. Das tat dann der Sargtischler Mr. Sowerberry.

          „Oliver Twist“, als Fortsetzungsroman zwischen 1837 und 1839 erschienen, ist gänzlich aus der Perspektive eines Kindes geschrieben und schildert das Experiment eines Lebens unter dem neuen kapitalistischen Armenrecht. Sein Autor Charles Dickens (1812 bis 1870) ist seit dem sensationellen Erfolg der „Nachgelassenen Aufzeichnungen des Pickwick-Clubs“ (1836) ein berühmter Mann. Wenn Dickens’ Werke in monatlichen Fortsetzungsheften erschienen, stürzten sich bis zu hunderttausend Käufer auf jede Lieferung. Auf diese Weise brachte es der Schriftsteller zu Jahreseinkünften von 5000 bis 10000 Pfund, was dem Hundert- bis Zweihundertfachen des Einkommens eines Industriearbeiters entspricht, wie der Dickens-Biograph Hans-Dieter Gelfert errechnet hat.

          Der Traum von der sozialen Mobilität

          Doch Dickens ist nicht nur ein erfolgreicher Unternehmer, sondern auch ein berühmter Ökonom. Jene „Große Transformation“, als welche der österreichisch-ungarische Bohemien Karl Polanyi (1866 bis 1964) die industrielle Revolution beschrieben hat, wird von Dickens erzählerisch erfasst und zugleich begrifflich übersetzt. Armut ist zwar sein großes Thema. Als „sozialkritischer“ Autor, gar als sozialromantischer Revolutionär, wie Dickens vor allem in Deutschland oft wahrgenommen wird, hätte man ihn aber sehr missverstanden. Ganz im Gegenteil hat er sich selbst stets als radikal und auf der Seite der Liberalen stehend gesehen. Den industriellen Fortschritt seiner Zeit hieß er gut; den Protektionismus der Getreidegesetze („corn laws“) verurteilte er aus humanen Gründen, nicht zuletzt weil die davon ausgelöste Verteuerung des Mehls den Arbeitern ihr Brot raubte.

          In „Oliver Twist“ erklärt Dickens die neue Marktwirtschaft ausgerechnet am Organisationsprinzip der kriminellen Bande des jüdischen Hehlers Fagin. Er, „der Boss der Diebe“, ist der raffgierige Musterkapitalist, der freilich Oliver vor dem sicheren Tod auf der Straße bewahrt. Innerhalb seiner kriminellen Bettlerorganisation geht es hochmoralisch zu: Niemand bestiehlt den anderen, heißt das interne Gebot. Bei Fagin und seinen Ganoven lernt Oliver, wie man in einer modernen Wirtschaftsgesellschaft „im Handumdrehen“ sein Glück machen kann, indem man nämlich aus dem Handel materielle Vorteile zieht, geradeso, als sei die Gaunerbande von Adam Smith geschult worden. Fagin insistiert darauf, die Gang als effiziente Firma arbeite (darin ein Vorläufer von den „Sopranos“) „in the way of business“.

          Die Erziehung bei Fagin stärkt Olivers Selbstbewusstsein derart, dass er sich befreien kann aus der Unterwelt, den Klassenaufstieg meistert und am Ende „ein Guter“ wird. „Oliver Twist“ ist der liberale Erziehungsroman, der den Traum von der sozialen Mobilität träumt. Das neue Armenrecht des Frühkapitalismus wirkt positiv: Es bringt Menschen in Brot (und sei es das Brot des Gauners), lehrt sie die Moral des Marktes (selbst bei den Dieben) und eröffnet ihnen am Ende sogar eine bürgerliche Existenz.

          Dickens’ optimistische Fortschrittstheorie stellt zugleich eine radikale Abrechnung dar mit der Lehre vom Bevölkerungsüberschuss des Ökonomen und Pfarrers Thomas Malthus (1789), einem Bestseller der damaligen Zeit. Für Malthus, den Miesepeter, gibt es in der Wirtschaftsgeschichte keinen Fortschritt, weil jegliches Wachstum sogleich von einer darauffolgenden Zeugungs- und Gebärfreude der Menschen hinweggerafft wird. Ebenezer Scrooge, der gierige und geizige Held des hierzulande wenig bekannten Weihnachtsmärchens „A Christmas Carol in Prose“, ist Malthus’ treuer Schüler. Almosen zu geben, hält er für Verschwendung, „sollen die Armen doch lieber sterben, um den Bevölkerungsüberschuss zu vermindern“.

          Doch der Produktivitätsfortschritt des frühen 19. Jahrhunderts falsifiziert Malthus, und ein Engel konfrontiert in Dickens’ Märchen den Geizhals mit einer universalistischen Moral: „Willst du entscheiden, welcher Mensch leben und welcher sterben soll?“, fragt der Engel. Und zum Beweis dafür, dass seine Moral gedeckt ist, führt er ihn – wohin sonst – auf den Markt, wo es dank internationalen Tauschs Schätze für alle in Hülle und Fülle gibt: Gänse, Wildbret, Austern und sogar Orangen für die Armen.

          Letztlich erscheint die ganze industrielle Revolution wie ein Märchen, das wahr wird. Am Ende des 19. Jahrhunderts war der Wohlstand in England sechsmal so hoch wie 1834. Trotz ungeahnten Bevölkerungswachstums verbesserten sich die Lebens- und Konsummöglichkeiten der Menschen in großartigem Ausmaß. Dickens beschreibt diesen aufregenden Fortschrittsprozess der Humanisierung, ohne seine dehumanisierenden Kosten zu verschweigen.

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