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Charles Dickens als Ökonom : Gänse, Wild und Austern für die Armen

In „Oliver Twist“ erklärt Dickens die neue Marktwirtschaft ausgerechnet am Organisationsprinzip der kriminellen Bande des jüdischen Hehlers Fagin. Er, „der Boss der Diebe“, ist der raffgierige Musterkapitalist, der freilich Oliver vor dem sicheren Tod auf der Straße bewahrt. Innerhalb seiner kriminellen Bettlerorganisation geht es hochmoralisch zu: Niemand bestiehlt den anderen, heißt das interne Gebot. Bei Fagin und seinen Ganoven lernt Oliver, wie man in einer modernen Wirtschaftsgesellschaft „im Handumdrehen“ sein Glück machen kann, indem man nämlich aus dem Handel materielle Vorteile zieht, geradeso, als sei die Gaunerbande von Adam Smith geschult worden. Fagin insistiert darauf, die Gang als effiziente Firma arbeite (darin ein Vorläufer von den „Sopranos“) „in the way of business“.

Die Erziehung bei Fagin stärkt Olivers Selbstbewusstsein derart, dass er sich befreien kann aus der Unterwelt, den Klassenaufstieg meistert und am Ende „ein Guter“ wird. „Oliver Twist“ ist der liberale Erziehungsroman, der den Traum von der sozialen Mobilität träumt. Das neue Armenrecht des Frühkapitalismus wirkt positiv: Es bringt Menschen in Brot (und sei es das Brot des Gauners), lehrt sie die Moral des Marktes (selbst bei den Dieben) und eröffnet ihnen am Ende sogar eine bürgerliche Existenz.

Dickens’ optimistische Fortschrittstheorie stellt zugleich eine radikale Abrechnung dar mit der Lehre vom Bevölkerungsüberschuss des Ökonomen und Pfarrers Thomas Malthus (1789), einem Bestseller der damaligen Zeit. Für Malthus, den Miesepeter, gibt es in der Wirtschaftsgeschichte keinen Fortschritt, weil jegliches Wachstum sogleich von einer darauffolgenden Zeugungs- und Gebärfreude der Menschen hinweggerafft wird. Ebenezer Scrooge, der gierige und geizige Held des hierzulande wenig bekannten Weihnachtsmärchens „A Christmas Carol in Prose“, ist Malthus’ treuer Schüler. Almosen zu geben, hält er für Verschwendung, „sollen die Armen doch lieber sterben, um den Bevölkerungsüberschuss zu vermindern“.

Doch der Produktivitätsfortschritt des frühen 19. Jahrhunderts falsifiziert Malthus, und ein Engel konfrontiert in Dickens’ Märchen den Geizhals mit einer universalistischen Moral: „Willst du entscheiden, welcher Mensch leben und welcher sterben soll?“, fragt der Engel. Und zum Beweis dafür, dass seine Moral gedeckt ist, führt er ihn – wohin sonst – auf den Markt, wo es dank internationalen Tauschs Schätze für alle in Hülle und Fülle gibt: Gänse, Wildbret, Austern und sogar Orangen für die Armen.

Letztlich erscheint die ganze industrielle Revolution wie ein Märchen, das wahr wird. Am Ende des 19. Jahrhunderts war der Wohlstand in England sechsmal so hoch wie 1834. Trotz ungeahnten Bevölkerungswachstums verbesserten sich die Lebens- und Konsummöglichkeiten der Menschen in großartigem Ausmaß. Dickens beschreibt diesen aufregenden Fortschrittsprozess der Humanisierung, ohne seine dehumanisierenden Kosten zu verschweigen.

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