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Carmen Reinhart & Kenneth Rogoff : Krisen gibt es immer wieder

  • -Aktualisiert am

Kenneth Rogoff (Jahrgang 1953) und Carmen Reinhart (Jahrgang 1955) Bild: Rainer Wohlfahrt, Getty / Bearbeitung F.A.S.

Die Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff verstehen, warum der Kapitalismus instabil ist. Von ihren Gegnern werden sie als Propagandisten der Sparpolitik beschimpft. Aus unserer Serie „Die Weltverbesserer“.

          Sie gehören zu der Teildisziplin der Volkswirtschaftslehre, die sich nach dem Ausbruch der Finanzkrise im Herbst 2008 harte Kritik anhören musste: der Makroökonomik. Den Makroökonomen wurde vorgeworfen, sie hätten sich mit weltfremden Modellen beschäftigt und deshalb die Krise nicht vorhergesehen. Doch Kenneth Rogoff und Carmen Reinhart trifft dieser Vorwurf nicht. Sie haben früh darauf hingewiesen, dass Preis- und Kreditblasen Finanzkrisen mit gravierenden Folgen nach sich ziehen können. Carmen Reinhart hat schon im Jahr 2007 davor gewarnt, die Krise am amerikanischen Subprime-Markt könnte zu einem wirtschaftlichen Absturz führen.

          Weltruhm erlangten Reinhart und Rogoff durch ein Buch über Finanzkrisen, das 2009 erschien: „Dieses Mal ist alles anders“. Der Titel spielt darauf an, dass bei spekulativen Preisblasen immer wieder behauptet wird, die ökonomischen Bedingungen hätten sich geändert und ökonomische Bewertungsgesetze würden nicht mehr gelten. Ein Beispiel ist die Euphorie, die um das Jahr 2000 an der deutschen Hightechbörse „Neuer Markt“ ausbrach. Aktien von Unternehmen, die noch nie einen Cent verdient hatten und auch nur vage Aussichten hatten, das jemals zu tun, erzielten astronomische Kurssteigerungen. In der Internetökonomie würden eben neue Regeln gelten, tönten damals viele Analysten. Seit dem Zusammenbruch des Neuen Marktes im Jahr 2001 behauptet das niemand mehr.

          Programmierfehler führt zu falschem Ergebnis

          Das Buch von Reinhart und Rogoff hat nicht nur die Fachkollegen erreicht, es wurde zum internationalen Bestseller. In ihrem Buch haben Reinhart und Rogoff Informationen über Krisen und ihre Folgen in 800 Jahren Wirtschaftsgeschichte zusammengetragen. Die überraschende Einsicht: Obwohl Finanzkrisen in verschiedenen Ländern und Jahrhunderten unter sehr unterschiedlichen wirtschaftlichen und kulturellen Bedingungen stattgefunden haben, weisen ihre Verläufe erstaunliche Parallelen auf. Auf Phasen der wachsenden Verschuldung und der Blasenbildung bei Vermögensgütern folgt meistens ein plötzlicher Kollaps und eine schwere Krise. Die wirtschaftliche Erholung kommt irgendwann, aber sie dauert lange.

          In ihrer Forschung haben Reinhart und Rogoff wichtige Einzelfragen untersucht, die im Kontext von Finanzkrisen relevant sind. Für Furore haben ihre Arbeiten über den Zusammenhang zwischen Staatsverschuldung und Wirtschaftswachstum gesorgt. In einer 2010 publizierten Studie kamen Reinhart und Rogoff zu dem Ergebnis, dass Volkswirtschaften, in denen die Staatsschulden 90 Prozent der Wirtschaftsleistung übersteigen, deutlich langsamer wachsen als Länder mit weniger Schulden. Die Autoren haben darauf hingewiesen, dass damit nichts über Kausalität gesagt ist – dass also unklar ist, ob hohe Schulden das Wachstum hemmen oder ob umgekehrt Länder, in denen das Wachstum niedrig ist, deshalb hohe Staatsschulden anhäufen. Die Ergebnisse haben große Aufmerksamkeit auf sich gezogen und wurden oft so interpretiert, als sei eine Schuldenquote von 90 Prozent eine kritische Grenze, bei deren Überschreitung Staatsverschuldung wirtschaftlichen Schaden anrichte.

          In der Fachwelt hat die Studie zu einer kontroversen Debatte geführt, die im Sommer 2013 ihren kuriosen Höhepunkt erreichte: Thomas Herndan, ein Master-Student an der amerikanischen Universität Amherst hatte die Aufgabe erhalten, die Ergebnisse von Reinhart und Rogoff zu reproduzieren. Obwohl er die gleichen statistischen Daten verwendete, kam er zu anderen Resultaten. Der Grund war einfach: Reinhart und Rogoff war ein Programmierfehler unterlaufen. Die korrigierten Berechnungen bestätigten zwar den negativen Zusammenhang zwischen Staatsschulden und Wirtschaftswachstum. Das Ergebnis, dass das Wachstum jenseits der 90-Prozent-Grenze besonders stark einbricht, erwies sich aber als falsch.

          Aus Fehlern lernen gehört dazu

          Kritiker warfen Reinhart und Rogoff vor, die Daten gezielt manipuliert zu haben, um Propaganda für Austeritätspolitik zu betreiben. Den Rechenfehler haben die Autoren sofort eingeräumt, den Vorwurf der Manipulation aber zurückgewiesen. Fehler beim Programmieren von Computern, die Daten auswerten, sind nicht selten und betreffen auch andere Disziplinen. Trotzdem hat der Fehler von Reinhart und Rogoff das Vertrauen in ökonomische Studien sicherlich nicht gesteigert. Wenn man dem Vorfall etwas Gutes abgewinnen will, dann den Effekt, die Öffentlichkeit daran zu erinnern, dass man aus dem negativen Zusammenhang von Staatsschulden und Wachstum allein noch nicht schließen kann, dass Schulden das Wachstum senken.

          Trotz dieses Fehlers gehören Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff zu den erfolgreichsten Ökonomen unserer Zeit. Das hat sicherlich damit zu tun, dass die beiden sehr begabt sind. Kenneth Rogoff war in seiner Jugend sogar Schachgroßmeister. Wichtig ist aber auch, dass beide sich nicht nur unter Fachkollegen bewegt haben, sondern in Wirtschaftspraxis und Politikberatung aktiv waren. Rogoff war zwischen 2001 und 2003 Chefökonom des IWF, Reinhart war in den achtziger Jahren bei der Investmentbank Bear Stearns beschäftigt. Die beiden zeigen, dass einflussreiche ökonomische Forschung akademische Brillanz mit der Beobachtung der Realität kombiniert. Weder das eine noch das andere darf fehlen. Und, ja, Fehler machen und daraus lernen gehört auch dazu.

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