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Ben Bernanke : Mit viel Geld die Krise bekämpfen

Bild: Bloomberg

Ben Bernanke hat die Große Depression genau studiert. Und als Fed-Chef daraus Schlüsse gezogen. Ob es am Ende gutgeht, weiß man nicht.

          3 Min.

          Als Amerikas Notenbankchef Alan Greenspan im Jahr 2005 auf seinen Ruhestand zuging, war die Unruhe an den Börsen groß. Wer würde ihm nachfolgen, dem „Magier der Märkte“? Dann kam die Entscheidung für Ben Bernanke. Und sie bekam viel Lob. Denn Bernanke war kein Politiker, sondern ein echter Experte für den Umgang mit dem Geld einer Volkswirtschaft: Jahrelang hatte er erforscht, warum die Wirtschaftskrise der dreißiger Jahre so schlimm wurde und was die Notenbank falsch gemacht hatte.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Drei Jahre nach Bernankes Berufung ging die Investmentbank Lehman Brothers pleite, die Finanzkrise brach offen aus – und dann wuchs der Notenbankchef aus dem Schatten seines Vorgängers heraus. Er wusste schließlich, wie man eine Finanzkrise bekämpft. Wenn er jetzt aber Ende Januar die Spitze der Notenbank wieder verlässt, glänzt sein Bild nicht mehr ganz so strahlend.

          Sicher: Sein Ruf als großer Ökonom und Finanzkrisen-Versteher ist ungebrochen. Was Bernanke in langen Jahren an der Princeton-Universität über die Weltwirtschaftskrise herausgefunden hat, birgt zwei wichtige Lehren auf einmal: wie schädlich der Goldstandard sein kann. Und wie wichtig es in einer Finanzkrise ist, die Banken am Arbeiten zu halten. Beides zusammen brachte die eine große Schwierigkeit, die Amerikas Wirtschaft in der Weltwirtschaftskrise in den Abgrund führte: ein Geldmangel für die Unternehmen der Realwirtschaft.

          Kreditklemme und Goldstandard sind gefährlich

          Bernankes wichtigste Erkenntnis war, wie wichtig die Banken sind. In der Krise verliehen sie weniger Geld an Unternehmen. Den Firmen blieb dann weniger Geld, das sie investieren konnten – und die Wirtschaft geriet noch tiefer in die Krise. Dank Bernanke wussten also die Notenbanker in aller Welt in der Finanzkrise 2009, was die Gefahr war: die sogenannte „Kreditklemme“.

          In so einer Situation will die Notenbank etwas gegen die Krise unternehmen – und auch dabei hat Bernanke eines der großen Probleme in der Weltwirtschaftskrise analysiert: den Goldstandard. Der war in der Weltwirtschaftskrise fatal. Eigentlich könnte die Notenbank nämlich die Kreditklemme mildern, indem sie selbst zusätzliches Geld bereitstellt. Das aber geht nicht, wenn sie sich an einen Goldstandard gebunden hat. Länder, die den Goldstandard aufgaben, kamen deutlich besser durch die Krise.

          Kreditklemmen verhindern und Geld bereitstellen: Es waren diese beiden Ideen, mit denen Notenbanken rund um die Welt die Finanzkrise bekämpften – und zwar nicht nur, weil Ben Bernanke Chef der amerikanischen Notenbank war. Sondern weil er mit seiner Forschung die Kollegen schon Jahre zuvor überzeugt hatte.

          Der Glaube ans Geld hat gesiegt

          Es ist der Sieg des Glaubens daran, dass Geld die Wirtschaft tatsächlich beeinflusst. Lange hatten Ökonomen darüber gestritten, ob das Geld überhaupt einen eigenen Einfluss auf die Konjunktur hat oder nur eine Recheneinheit ist. Auch deshalb sieht sich Bernanke in der Tradition von Milton Friedman, dem großen Monetaristen. Sogar Bernankes Spitzname „Helikopter Ben“ stammt aus einer Idee von Milton Friedman, die Bernanke wieder aufgriff: Wenn man das Geld nicht anders in die Wirtschaft bringt, dann muss man es eben aus einem Hubschrauber abwerfen. In einer berühmten Rede aus dem Jahr 2002 hat Bernanke das in die Praxis übersetzt: Der Staat könnte die Steuern senken, auch wenn er dafür Schulden machen muss. Die Notenbank erleichtert das, indem sie Staatsanleihen kauft und so die Kreditzinsen drückt.

          Es war eine zentrale Rede Bernankes – sein nächster großer Beitrag zur Krisenbekämpfung. Als er die Probleme in den Wirtschaftskrisen analysiert hatte, wurde ihm klar: Notenbanken können an das Ende ihrer Möglichkeiten kommen, so dass das Geld einfach nicht in die Wirtschaft strömt. Wenn die Zinsen erst mal bei null stehen und es trotzdem keine neuen Kredite mehr gibt, wird es für Notenbanken schwer. Wenn dann auch noch die Inflation immer weiter zurückgeht und die Preise irgendwann sinken, wenn also eine sogenannte „Deflation“ entsteht, dann kann die Notenbank ihre Zinsen nicht mit senken. Die Angst vor so einer Situation treibt Bernanke immer wieder um. Und zwar nicht nur in Wirtschaftskrisen. Zusätzlich diagnostizierte er in der Weltwirtschaft eine „Ersparnis-Schwemme“, weil alternde Bevölkerungen ihr Geld für die Rente ansparen und Schwellenländer ihre Kassen füllen wollen. Auch diese Schwemme drückt die Zinsen. In seiner Rede aus dem Jahr 2002 suchte er nach Ideen, mit denen die Notenbank in Zeiten niedriger Zinsen die Kontrolle behalten kann. Sie kann zum Beispiel Staatsanleihen kaufen, um deren Zinsen zu drücken – auch eine Idee, die in der Finanzkrise wieder aufgegriffen wurde.

          Bernankes Angst ließ ihn vielleicht übers Ziel hinausschießen

          Doch vielleicht ließ genau diese Angst Bernanke auch übers Ziel hinausschießen. Der Respekt, den er für die Finanzkrisenforschung von Milton Friedman und dessen Kollegin Anna Schwartz hegte, wurde jedenfalls nicht erwidert. Anna Schwartz kritisierte Bernankes Krisenbekämpfung und forderte schon im Jahr 2009, seine Amtszeit an der Notenbank-Spitze nicht zu verlängern.

          Mancher Ökonom macht Bernanke sogar mitverantwortlich dafür, dass es die Finanzkrise überhaupt gab. Denn einer der vielen Gründe für die Finanzkrise war, dass die amerikanische Notenbank in den Jahren 2002 und 2003 mit dem Geld zu locker umging. Das viele Geld trieb Amerikas Immobilienpreise in die Höhe und half so, die Blase aufzublähen, die hinterher mit einem großen Knall platzte.

          Bernankes Vorgänger Alan Greenspan hat diesen Fehler schon eingeräumt – aber zu seiner Verteidigung auch darauf verwiesen, dass die Lage damals unsicher war und die Entscheidungsträger in der Notenbank mit der lockeren Politik einer noch schlimmeren Situation vorbeugen wollten. Sie hatten Angst vor einer Deflation, in der sie die Zinsen nicht weit genug senken könnten. Es war genau die Horrorvision von Ben Bernanke. Und der war just im Frühjahr 2002 in das Direktorium der Notenbank berufen worden.

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