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Arthur Miller : Scheitern am amerikanischen Traum

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Arthur Miller: Nicht immer entscheidet die ehrliche Arbeit über den wirtschaftlichen Wohlstand. Bild: Mauritius, Bearbeitung F.A.S.

Arthur Miller hat den „American Dream“ intensiv erforscht. Der Dramatiker fand: Ein Traum, der unerfüllt bleibt, kann Menschen auch zugrunde richten.

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          Arthur Miller wusste aus eigener Erfahrung, wie es sich anfühlt, wenn das eigene Leben plötzlich von Ereignissen auf den Kopf gestellt wird, die man nicht beeinflussen kann. Seine ersten Jahre verbrachte der junge Arthur in privilegierten Verhältnissen. Sein Vater, Sohn österreichischer Juden, der nach Amerika ausgewandert war, hatte es zu Wohlstand gebracht. In seiner Kleiderfabrik im New Yorker Stadtteil Harlem beschäftigte er mehr als 400 Mitarbeiter. Die Familie besaß ein Sommerhaus in Rockaway Beach, Arthurs Mutter ließ sich vom Chauffeur zum Einkaufen fahren.

          Ende Oktober 1929, Arthur ist gerade 14 Jahre alt geworden, ist es mit dem schönen Leben von einem Tag auf den anderen vorbei. Der Vater hatte den Großteil seines Vermögens in Aktien investiert, die mit dem Crash an der Wall Street wertlos werden. Die Familie verkauft Häuser und Limousine und siedelt ins kleinbürgerliche Brooklyn um. Arthur beginnt, vor der Schule Brot auszuliefern, um die Familienkasse aufzubessern, später finanziert er sich sein Literaturstudium mit einer Reihe von Gelegenheitsjobs.

          Illusion der Kontrolle

          Vielleicht liegt es an diesen Erfahrungen, dass das Unglück in Millers weltberühmten Theaterstücken häufig zwei Ursachen hat: widrige äußere Umstände - und die Selbstüberschätzung der Charaktere, die damit zurechtkommen müssen. In Amerika, schrieb Miller einmal, spielt sich alles vor dem Hintergrund des amerikanischen Traums ab - der Vorstellung also, dass es jeder zu etwas bringen kann, wenn er sich anstrengt. Anderswo akzeptierten die Menschen eher, dass die Welt ihren Träumen vom Glück manchmal einen Strich durch die Rechnung macht.

          Der alternde Vertreter Willy Loman, Protagonist von „Tod eines Handlungsreisenden“, ist ein eklatantes Beispiel für Millers These, dass der Misserfolg besonders unglücklich macht, wenn man überzeugt ist, dass es jeder schaffen kann. Willy glaubt an das Versprechen des amerikanischen Traums. Wer hart arbeitet, muss es in seinen Augen zu etwas bringen. Umso mehr leidet er darunter, dass sich das Versprechen weder für ihn noch für seine beiden Söhne zu erfüllen scheint. Seine Arbeitskraft, sein ganzer Stolz, wird nicht mehr gebraucht. Ein ehemaliger Untergebener ist mittlerweile sein Vorgesetzter und weigert sich, vergangene Glanzleistungen zu honorieren.

          Auch das Leben seiner Söhne, auf die Willy seine Erwartungen angesichts des eigenen Misserfolgs zunehmend projiziert, erregt sein Missfallen. Der jüngere interessiert sich mehr für Frauen als für Geld, und der ältere, für den Willy eigentlich eine Karriere als Geschäftsmann vorgesehen hat, ist zufrieden mit seinem Leben als Cowboy und Gelegenheitsarbeiter im Mittleren Westen und weder willens noch in der Lage, die ehrgeizigen Wünsche seines Vaters zu erfüllen. Doch Willy Loman redet sich ein, dass die erfolgreiche Karriere des Sohns nur am Startkapital krankt. Er inszeniert einen Autounfall, damit sein Sohn mit der Auszahlung aus der Lebensversicherung ein Geschäft aufbauen kann. Bis zuletzt klammert er sich an die Illusion der Kontrolle, die er längst verloren hat.

          Keine Anleitung zum Glücklichsein

          Ähnliche Schicksale ereilen eine Reihe von Millers Charakteren. Joe Keller vertuscht in „Alle meine Söhne“ einen Konstruktionsfehler an Flugzeugmotoren seiner Firma, der mehrere Piloten das Leben kostet, und schiebt die Verantwortung auf seinen Geschäftspartner, um seinen beruflichen Erfolg und den Wohlstand seiner Familie nicht zu gefährden. Als Frau und Sohn von ihm verlangen, Verantwortung für das Verbrechen zu übernehmen, erschießt er sich, anstatt den Behörden seine Schuld zu gestehen. Der Docker Eddie Carbone, Hauptfigur des Stücks „Blick von der Brücke“, muss sterben, weil er die Entscheidung seiner Nichte nicht akzeptieren kann, einen armen Einwanderer zu heiraten.

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